Unsere Flüsse leiden unter Wassermangel. Die Folgen des Niedrigwasser betreffen Schifffahrt, Wirtschaft und die ökologischen Funktionen der Flüsse. Eine weitere Vertiefung von Fahrrinnen kann diese Probleme nicht dauerhaft lösen, warnt das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und schlägt daher nachhaltige Lösungen vor. Wir sollten unseren Blickwinkel auf die Flüsse ändern. Auch die Binnenschifffahrt wird sich Innovationen und klimaresilienten Schiffen öffnen müssen. Daraus können sogar Chancen entstehen.
Statt Vertiefung zu beschleunigen sollten Flüsse entschleunigt werden
Politik und Wirtschaft diskutieren derzeit über eine Vertiefung von Fahrrinnen, damit Binnenschiffe auch bei niedrigen Wasserständen möglichst uneingeschränkt und sicher fahren können. Seit Jahren wird beispielsweise über die Vertiefung von Weser und Ems gestritten, im Mai hatte auch Bundeskanzler Friedrich Merz Position ergriffen und eine Beschleunigung der Vertiefung gefordert.
Statt ihre Vertiefung zu beschleunigen sollten die Flüsse entschleunigt werden. Auch beim grünen NRW-Verkehrs- und Umweltminister Oliver Krischer genießt der Verkehr zuweilen Vorzug vor der Umwelt, denn er hat sich für eine Vertiefung der Fahrrinne im Rhein ausgesprochen und den Bund aufgefordert, die Mittel für den Ausbau zwischen Duisburg und Köln bereitzustellen.
Aus wissenschaftlicher Sicht greift der Ansatz der Vertiefung zu kurz, erklärt das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). „Wir müssen uns stärker an das vorhandene Wasserdargebot anpassen, statt die Flüsse immer weiter an unsere Nutzungsansprüche anzupassen“, sagt IGB-Forscher Dr. Christian Wolter. Punktuelle Eingriffe zur Beseitigung einzelner Engstellen können zwar sinnvoll sein, eine weitere systematische Vertiefung der Flüsse ist jedoch keine nachhaltige Antwort auf häufiger auftretendes Niedrigwasser.

Flüsse wurden ohne Rücksicht auf den Wasserhaushalt verändert
Viele deutsche Flüsse wurden seit dem 19. Jahrhundert begradigt, verkürzt, befestigt und ihre Funktion als Wasserstraßen gefördert. Durchschnittlich verloren die Flüsse dadurch 20 Prozent ihrer Fließwege. Dadurch fließt das Wasser noch schneller ab. Befestigte Ufer verhindern die seitliche Ausbreitung der Flüsse und ihre „Entschleunigung“. Stattdessen vertieft sich ihre Sohle um mehrere Meter. Durch das Niedrigwasser werden auch die Uferbereiche und angrenzende Landschaften stärker entwässert.
Gleichzeitig sind natürliche Wasserspeicher wie Auen, Feuchtgebiete und Moorlandschaften fast überall verschwunden. „Das alles hat dazu beigetragen, dass uns die Folgen des Klimawandels heute so hart treffen“, warnt IGB-Experte Wolter. „Wir wissen seit Jahrzehnten, dass wir Wasser stärker in der Landschaft zurückhalten müssen. Angesichts zunehmender Trockenheit wird es immer dringlicher, diese Erkenntnis auch umzusetzen.“
Mehr Wasser in der Landschaft halten
Die Niedrigwasserproblematik lässt sich nicht allein über die jährliche Niederschlagsmenge erklären. Entscheidend ist auch deren jahreszeitliche Verteilung. Künftig fällt mehr Niederschlag in den Wintermonaten. Dagegen wird erwartet, dass die Sommermonate trockener werden. Die Aufgabe muss es daher sein, Wasser aus den niederschlagsreichen Monaten länger in der Landschaft zu speichern.
Mit diesen Maßnahmen kämen wir den Anforderungen der Flüsse und der aquatischen Umwelt entgegen. Aber dafür müssen wir mehr Raum für Flüsse und ihre Auen schaffen. Begradigte Oberläufe sollten soweit wie möglich wieder stärker mäandrieren können. Auen und Feuchtgebiete sollten revitalisiert, Entwässerungsstrukturen überprüft und oberflächennahe Grundwasservorkommen besser geschützt werden. „Wir sollten Wasser nicht möglichst schnell aus der Landschaft ableiten, sondern es dort halten, wo es später gebraucht wird“, erklärt Christian Wolter.
Dazu tragen auch die Wälder und Landschaften bei. Es beginnt also schon an Land, weit weg von den Flüssen. „Schwammwald“ und Schwammland“ lauten die Stichworte. In meinem Heimatkreis Soest am Nordrand des Sauerlandes werden im Arnsberger Wald 48 Kilometer Entwässerungsgräben zurückgebaut, um das natürliche Wasserrückhaltevermögen wiederherzustellen. Somit wird Niederschlagswasser in Trockenzeiten länger zur Verfügung stehen und die Widerstandsfähigkeit der Bäume stärken. Die Region ist nicht nur waldreich, sondern stützt auch die Trinkwasserversorgung der Region. Regenwasser, das nicht versickern kann, steht später nicht als Grundwasser zur Verfügung.
Auch der natürliche Hochwasserschutz profitiert durch Maßnahmen zum Wasserrückhalt. Ein Thema, das fünf Jahre nach der Ahrtal-Katastrophe nicht der Klima-Demenz zum Opfer falle sollte. Naturnahe Flusslandschaften können Niederschläge aufnehmen und den Abfluss zeitlich verzögern.
Niedrigwasser und Hitze gefährden Flussökosysteme
Niedrige Wasserstände sind nicht nur ein Problem für die Schifffahrt. Besonders kritisch für viele Lebewesen ist die Kombination aus Niedrigwasser und hohen Temperaturen. Warmes Wasser kann weniger Sauerstoff aufnehmen, während Fische und andere Wasserorganismen bei steigenden Temperaturen zugleich mehr Sauerstoff benötigen. Niedrigwasser ist deshalb nicht nur eine Frage des Wasserstands. Es kann die gesamte ökologische Funktionsfähigkeit eines Flusses beeinträchtigen. Neben dem Wasserrückhalt in der Landschaft ist deshalb auch die Beschattung der Flussufer eine wichtige Maßnahme.
Kommt es nach langen Trockenperioden zu Starkregen, können ausgetrocknete oder versiegelte Böden die großen Wassermengen oft nur begrenzt aufnehmen. Dann werden innerhalb kurzer Zeit erhebliche Mengen an organischem Material in die Gewässer gespült. Dessen Zersetzung verbraucht wiederum viel Sauerstoff und senkt den Sauerstoffgehalt im Wasser rasch weiter ab.
Klimaangepasste Schifffahrt bietet Chancen – für Natur und Wirtschaft
Eine klimaangepasste Verkehrspolitik muss auch die Schifffahrt und deren Infrastruktur berücksichtigen. Diese muss sich stärker auf die natürlichen Wasserverhältnisse ausrichten. Und wenn diese von Niedrigwasser geprägt sind, dann sollte sich die Schifffahrt anpassen, nicht die Natur – denn das gelingt nicht wie man sieht. Anpassung bedeutet beispielsweise Schiffe mit geringerem Tiefgang.
Das Niedrigwasser 2026 am Rhein offenbart die Schwächen der heutigen Schifffahrtsflotten ziemlich drastisch. Aber es bietet Transformation Chancen für einen für Europa und Deutschland wichtigen Markt, dem Schiffsbau. Wenn Schiffe, die für Niedrigwasserbedingungen optimiert sind, gebaut würden, könnten nicht nur neue Anforderungen bedient, sondern auch neue Märkte erschlossen werden. Diese Innovationen würden Investitionen und die Nachfrage nach „klimaresilienten“ Schiffen ankurbeln. Eine verstärkte Produktion von Schiffskörpern innerhalb Europas könnte die Abhängigkeit von Märkten in Asien verringern. Zu diesem Ergebnis kommt ein in dieser Woche erschienener Bericht der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt CCNR.
Schon nach den Niedrigwasserperioden in den Jahren 2018 und 2022 hat die Schiffsindustrie reagiert. So suchen Forschungsprojekte, wie „FlaBi – Binnenschiffe für extreme Niedrigwasserbedingungen“, bei dem in Duisburg Schiffskonzepte für extreme Niedrigwasserstände auf Rhein und Elbe entwickelt werden und nach neuen Lösungen für den Schiffbau gesucht wird. Auch Nachrüstungen vorhandener Schiffe stehen auf dem Plan.
BASF hat schon 2022 einen innovativen Tanker für Niedrigwasser am Rhein in Betrieb genommen. Das ermöglichte eine signifikante Erhöhung des Transportvolumens bei Niedrigwasser im Vergleich zu herkömmlichen Tankern.
Das Positive am Wandel erkennen
Wir sollten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Statt das zu wiederholen, was uns die heutigen Probleme beschert hat, sollten wir nach ganzheitlichen und nachhaltigen Lösungen suchen. Viele Antworten gibt es schon. Die Natur bietet uns die besten. Dort auf Vertiefungen zu verzichten, wo es zur Wahrung der Versorgungssicherheit möglich ist. Besser wäre es, die Nutzung an die Flüsse anzupassen. Mehr Wasserrückhalt in der Landschaft, naturnahe Flussauen und beschattete Ufer stärken die ökologische Widerstandsfähigkeit der Gewässer und helfen zugleich, Hochwasser und Trockenheit besser abzufedern. Natur und Menschen profitieren davon langfristig.
Auch für die Schifffahrt kann Anpassung ein Erfolgsrezept werden. Niedrigwassertaugliche Schiffe, neue Antriebskonzepte und intelligente Transportlösungen eröffnen Chancen für Innovationen und Investitionen. Was heute als Problem erscheint, kann damit zu einem Modernisierungsschub für die Binnenschifffahrt und den europäischen Schiffbau werden.
Wir müssen also nicht zwischen Ökologie und Wirtschaft entscheiden. Geben wir Flüssen wieder mehr Raum und dem Wasser mehr Zeit, dann schaffen wir die Grundlage für widerstandsfähigere Gewässer. Eine Schifffahrt, die klimaresilient wird, kann nicht nur überleben, sondern vielleicht sogar neue Märkte erschließen.
Quellen und Weiterführendes
- „Wir können Niedrigwasser nicht einfach wegbaggern“ – Eine Einschätzung zum Niedrigwasser in Deutschlands Flüssen, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), 14.8.2026
- Mehr Tiefgang, mehr Risiko, taz
- Projekt Schwammwald startet – Erste Bauphase im Arnsberger Wald, Kreis Soest
- Report – Shipbuilding in inland navigation, Central Commission for the Navigation of the Rhine (CCNR), 18.8.2026
- FlaBi – Entwicklung von Binnenschiffen für extreme Niedrigwasserbedingungen, DST — Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme e.V., Duisburg (Abruf 20.8.2026)
- BASF präsentiert innovativen Tanker für Niedrigwasser am Rhein, BASF, 2022
- Frühjahrstrockenheit trifft nun auch die Bundeswasserstraßen, Lebensaumwasser, 2022


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