Göttlich und smart: die Toilette. – Welttoilettentag am 19.11.

Während wir über das „Stille Örtchen“ hierzulande dezent schweigen, werden Toiletten in Japan „gefeiert“ und ihre Gottheiten verehrt. Die Inder müssen überhaupt noch überzeugt werden, Toiletten zu benutzen. Dort ist, wie auch in einigen anderen Regionen, ist das Klo ein Tabuthema. Auch die Digitalisierung macht auf vor der Toilettentür nicht halt. Über den technologischen Wandel finden Smartphones und Apps Eingang in die Bedienung der WCs. Trotz alledem gibt es noch viele Regionen, in denen Kinder sterben, weil ihnen saubere Sanitäranlagen fehlen. Diese krassen Unterschiede möchte der nachfolgende Beitrag anläßlich des Welttoilettentages am 19.11.2020 verdeutlichen.

Das Traurige vorweg: Wegen unzureichender Sanitärbedingungen sterben weltweit täglich 800 Kinder

Über die Hälfte der Weltbevölkerung oder 4,2 Milliarden Menschen haben keine sicheren sanitären Einrichtungen und fast 300.000 Kinder unter fünf Jahren – mehr als 800 pro Tag – sterben jährlich an Durchfallerkrankungen aufgrund mangelnder Hygiene, schlechter sanitärer Einrichtungen oder unsauberem Trinkwasser.

Ohne sichere und nachhaltige sanitäre Einrichtungen haben die Menschen oft keine andere Wahl, als unzuverlässige, unzureichende Toiletten zu benutzen oder offene Defäkation zu praktizieren. Selbst wenn Toiletten vorhanden sind, können Überläufe und Undichtigkeiten aus Rohren und Kläranlagen sowie das Abladen oder die unsachgemäße Behandlung dazu führen, dass menschliche Fäkalien in die Umwelt gelangen und tödliche oder chronische Krankheiten wie Cholera und Darmwürmer verbreiten. Um die Tabus in Bezug auf Toiletten zu brechen und die Sanitärversorgung für alle zu einer globalen Entwicklungspriorität zu machen, haben die Vereinten Nationen den 19. November zum Welttoilettentag erklärt. Die Spannbreite der „Toiletten-Entwicklung“ in der Welt ist breit. Während in Japan und Südkorea die Toiletten technologisch Spitze sind und kulturell gefeiert werden, sind sie in anderen Weltregionen rückständig wie im Mittelalter. Besonders betroffen von diesen Missständen sind vor allem Teile Asiens, darunter Indien, Nepal und Bangladesch, sowie zahlreiche afrikanische Länder. Aber auch manchen südamerikanischen Staaten wie Peru und Bolivien mangelt es teils an standardisiertem Klo-Komfort. Dass dies nicht so sein muss, zeigt die staatliche Initiative für Toiletten in Indien.

Von den Göttern der Antike zu den Göttern der Moderne in Japans Toiletten

Ein neues Klo ist in Japan ein Grund zur festlichen Freude, berichtet der Fernsehsender ARTE in einer Toiletten-Doku. Wird in privaten Haushalten eine Toilette eingeweiht, überreicht man sich gerne Figürchen. Dazu gibt es Reiskuchen und grünen Tee. Die Geschenke ähneln kleinen Buddha-Statuen oder kommen gleich in Form eines vergoldeten Häufchens. So oder so sind sie eine Erinnerung an die Ehrfurcht gebietenden Defäkier-Begleiter – die „Kawaya Kami“ (厠神). Diese Toilettengötter wachen streng darüber, dass Japaner das heilige Örtchen nicht mit Sauereien entweihen, und sei ihre Notdurft noch so dringend. Sauberkeit als oberstes Gebot. Nicht zuletzt deshalb gilt Japan, neben Südkorea, als das Land mit den höchstentwickelten Toiletten. Dabei geht es nicht nur um Reinlichkeit, auch der Komfort wird immer wichtiger. Von der automatischen Deckelöffnung über Massage-Schüsseln samt Sitzheizung bis zu smarten Klos mit automatisch gesteuertem Wasserstrahl. Wer in den App-Stores den Suchbegriff „toilet“ eingibt wird tatsächlich fündig – allerdings sind die Apps überwiegend in koreanischer oder japanischer Sprache. Trotz des Trends zu smarten japanischen Toilette stößt im Land der aufgehenden Sonne auf drei Kategorien: Die „washiki toire“ (和式) ist eine traditionelle Japanische Toilette mit Bodenschüssel, die „yoshiki toire“ (様式) ist die uns bekannte westliche Toilette und die „takino-toire“ (多機能) stößt als multifunktionale Toilette auf immer mehr Begeisterung. Gottesfurcht hin oder her – die hygienischen Standards in Japan gelten schon lang als vorbildlich.

Japanische HighTech-Toilette mit „User“-App und Social-Media-Anbindung sowie Kalenderfunktion (Screenshot: CNBC/YouTube)

Mit „Durchblick“ auf die Sauberkeit – Design-Projekt für öffentliche Toiletten in Tokio

Öffentliche Toiletten haben in Deutschland nach wie vor mit ihrem schlechten Ruf zu kämpfen. Dass dies berechtigt ist, erschließt sich aber nach deren Betreten. Dann ist es meist zu spät. Anders dagegen in Tokio. Dort zielt ein Toilettendesignprojekt, das TOKYO TOILET PROJECT, auf mehr Akzeptanz der öffentlichen Notdurfteinrichtungen ab. In Stadtbezirk Shibuya wurden in einem Designprojekt öffentliche Toiletten an 17 Standorten des Business-Bezirks mit Hilfe von 16 aus der ganzen Welt eingeladenen Designern neu gestaltet.

Ein wahrer „Hingucker“ sind die durchsichtigen Toilettenkabinen, gestaltet vom preisgekrönten Pritzker-Architekten Shigeru Ban und mehr als einem Dutzend anderer führender Designer. Die Wände bestehen aus einem farbigem „Smart Glass“. So können sich die Benutzer bevor sie das WC betreten, davon überzeugen, ob die Reinlichkeit den japanischen Standards und irren Erwartungen entspricht. Dabei muss niemand Sorge haben, dass man ihn von außen beobachten kann, denn sobald er die Tür verschließt, verändert sich die Verglasung und die Kabinen werden undurchsichtig.

Nach dem Betreten ist Schluss mit dem Durchblick (Foto: Screenshot Tokyo Toilet Projekt)

Spülen mit dem Smartphone

Toilette und Smartphone sind schon heute symbiotisch. Auf beides können viele nicht verzichten. So überrascht es nicht, dass Designer die Toilettenbedienung über Apps steuern lassen. Moderne Toiletten haben auch in Europa eine Evolution durchlaufen. Per Knopfdruck lassen sich Gerüche absaugen, eine Dimmfunktion schafft Atmosphäre, öffnen und schließen lassen sie sich berührungslos. Sie melden sich, wenn eine Entkalkung fällig ist. Gegen Bakterien gehen sie dank einer Beschichtung selbstständig vor. Es wird außerdem bereits ermöglicht, über eine Urin-Analyse die Gesundheit des Nutzers zu analysieren. Mit der Toilette „BioTracer“ hat der deutsche Hersteller Duravit ein WC als Pilotprojekt vorgestellt, das vollautomatisch den Urin via App-Steuerung analysieren können soll. Mit den Analysewerten sollen die Benutzer jederzeit ihre biologischen Parameter überprüfen und ihre Fitness- und Ernährungsprogramme entsprechend anpassen können. Ingesamt zehn Parameter können nach Herstellerangaben abgefragt werden. Wann die Produktion des derzeit nur als Prototyp existierenden WCs in Serie gehen soll, lässt Duravit auch auf Anfrage noch offen. Die Vision könne aber jederzeit umgesetzt werden, lässt das Unternehmen durchblicken. Die innovativen Modelle spülen mit nur 4,5 Litern pro Spülvorgang, heißt es auf Anfrage. 

Die Consumer Electronics Show in Las Vegas kennen viele als Highlight des Hightech. 2019 ist dort das WC eingezogen. Vom US-Hersteller Kohler Inc. wurde die smarte Toilette „Numi 2.0“ vorgestellt, die das stille Örtchen in eine Art Wellness-Oase verwandeln soll. Das für rd. 12.000 US-$ angebotene Hightech-Klo ist mit 2,27 Liter beim Eco-Flush besonders wassersparend, bietet personalisierte Reinigungs- und Trocknerfunktionen, einen beheizbaren Toilettensitz, hochwertige integrierte Lautsprecher sowie eine stimmungsvolle Beleuchtung. Außerdem kann die Toilette via eingebauter Amazon Alexa über Sprache gesteuert werden. Die Licht- und Audioverbesserungen sollen den Gang zur Toilette zu einem ganz besonderen Erlebnis machen.  

Indien – technologisch Spitze, bei Toiletten lange ein Entwicklungsland

Indien zählt zwar in vielen technologischen Bereichen zur Weltspitze, bei der Nutzung von Toiletten war der Subkontinent lange ein Entwicklungsland. Inder empfinden ein WC als etwas zutiefst Unreines. Viele Inder praktizieren daher weiter die „Open Defecation“ an Straßenrändern oder Flussufern. Im Rahmen der 2014 gestarteten Kampagne „Swachh Bharat“ („Sauberes Indien“) ließ die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi im ganzen Land im Hauruck-Verfahren Hunderttausende Toilettenhäuschen bauen. Bilder von Menschen, die ihre Exkremente entlang zugemüllter Bahnschienen oder an Flussufern hinterlassen, und Geschichten von Frauen, die beim Gang zur Toilette im Freien Angst vor Übergriffen haben, sollten der Vergangenheit angehören.

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Eigentlich war 2019 bereits der 100%-Vollzug verkündet worden – rechtzeitig zum 150. Geburtstag von Mahatma Gandhis. Doch laut einer Untersuchung des Research Institute for Compassionate Economics (rice) und einer Vielzahl von Presseberichten fehlt es immer noch an Toiletten oder – vorwiegend in ländlichen Regionen – sie bleiben ungenutzt. Daher begleitet die indische Regierung den subventionierten Bau von Toiletten mit einer umfassenden Aufklärungskampagne. In vielen insbesondere ländlichen Regionen sind die traditionellen Gewohnheiten nur schwer zu ändern.

Es wird also womöglich noch einige Jahre dauern, bis die Toiletten auch in die abgelegensten Winkel des Subkontinents vorgedrungen sein werden und es den Frauen erspart bleiben wird, sich den Gefahren eines Toilettenganges in die Wildnis oder an das Flussufer zu begeben.

Entgegen der Erfolgsmeldungen der indischen Regionen berichten Medien über „Open defecation“ auch in Dheli (Q: Times of India)

Im September 2015 haben die Vereinten Nationen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Eines davon lautet: saubere Toiletten für alle Menschen bis 2030. Die vielleicht größte Hürde hierfür ist die Scham, die biologisch notwendige Darmentleerung zu thematisieren, die jeden Menschen auf der Welt naturgemäß ereilt. „Das ist unser letztes Tabu. Niemand will über Toiletten sprechen“, sagt Jack Sim in der ARTE-Doku. Der in Singapur geborene Gründer der Welttoilettenorganisation (WTO) gilt als Vorreiter im Kampf um die Enttabuisierung des Fäkalen und hilft Staaten und Organisationen dabei, groß angelegte Sanitärprojekte zu realisieren. „Ich spreche gern über Toiletten, denn wenn wir das nicht tun, können wir sie auch nicht verbessern“, sagt der Mann, der stolz zwei Spitznamen trägt: „Mr. Toilet“ und „Mr. Shit“. Auch der Welttoilettentag, den die UN jedes Jahr am 19. November ausrufen, geht auf Sims Engagement zurück.

Ein abwechslungsreiches Thema

Ich muss offen gestehen, dass diese Thema Toilette so vielfältig sein wird und Einblicke in die Kulturen und Technologien gewährt, habe ich vor Beginn meiner Recherchen für diesen Artikel nicht erwartet. Aber spätestens nach dem Anschauen der ARTE-Doku und den letzten Zeilen dieses Beitrages war mir klar, dass es nicht viel Ungeschriebenes dazu gibt. Bedauerlicherweise bleiben bei den Entwicklungen um die häusliche „Wellness-Oase“ Bad jene Menschen außen vor, die schon heute die Anfälligsten für Krankheiten sind. Wenn man sich vorstellt, dass täglich 800 Kinder weltweit wegen des Fehlens von Sanitäreinrichtungen sterben, dann fragt man sich, warum es nicht mehr und schlagkräftigere Initiativen gibt, die sich für die Schaffung besserer Bedingungen einsetzen. Wie die ARTE-Doku zeigt, unternimmt die Bill & Melinda Gates Foundation größte Anstrengungen und fördert Projekte, die auf einfache und den Regionen angepasste Hilfestellungen beim Aufbau einer Infrastruktur für sanitäre Einrichtungen ausgelegt sind. Sich allein auf Götter zu verlassen, dürfte tatsächlich zu wenig sein, um die Probleme zu lösen. Der Welttoilettentag bietet jedenfalls einen guten Anlass, um auf die Probleme hinzuweisen. Das sehen wir doch wieder einmal, wie gut es uns hierzulande mit den hiesigen Infrastrukturen geht.

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Quellen / Weiterführendes

Beitragsfoto CanstockPhoto

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