Wasserverbrauch von Rechenzentren: Wie berechtigt ist die Kritik des Bundesumweltministers?

Der Wasserverbrauch von Rechenzentren scheint zu polarisieren. Ungeachtet der Tatsache, dass wir sie für unsere digitale Souveränität benötigen, gelten sie als Symbol für zu hohe Wasserverbräuche. Bundesumweltminister Carsten Schneider forderte kürzlich „Deutschland braucht neuen Umgang mit Wasser“. Den Handlungsbedarf begründete er maßgeblich mit den Rechenzentren. Er forderte von ihnen mehr Effizienz und für mehr Gerechtigkeit. Vielleicht lohnt ein differenzierter Blick auf das Thema.

Bundesumweltminister fordert mehr Wassergerechtigkeit – und Effizienz von Rechenzentren

Am 5. Oktober beim Forum „Zukunft Wasser“ in Berlin erklärte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) seinen Ansatz für mehr Wassergerechtigkeit. Seine Forderung nach höheren Wasserpreisen begründete er mit dem Wasserverbrauch von Rechenzentren. „Wenn Wasser knapp ist, kann es nicht sein, dass die Grundbedürfnisse der Bürger mit Großverbrauchern wie Rechenzentren konkurrieren müssen“. „Dann müssen Betreiber von Rechenzentren, die oft sehr hohe Gewinne machen, eben mehr für Wasser zahlen oder für Technik zum Wassersparen“, erklärte der SPD-Minister.

Die Ansiedlungen weiterer Rechenzentren in Deutschland dürfte alternativlos sein. Sie könnten unsere „Digitale Souveränität“ und „Digitale Transformation“ gewährleisten. Diplomatischer drückt es die Rechenzentrum-Strategie der Bundesregierung aus: „Leistungsfähige Rechenkapazitäten sind der Ausgangspunkt für die Entwicklung innovativer und wettbewerbsfähiger KI-Anwendungen, mit denen Produktivitätspotentiale für Wirtschaft und Arbeitswelt nachhaltig realisiert werden können.“

Als Ziel wird in der im März 2026 veröffentlichten Strategie die Verdopplung der Rechenzentrum-Kapazitäten und die Vervierfachung der KI-Kapazitäten bis 2030 festgelegt. Wie soll dies gelingen, wenn schon im ersten Jahr die Ressource Wasser mit dem „Engpass-Bann“ belegt wird. Ungeachtet dessen spielt das Wasser in der Strategie selbst nur eine nachrangig Rolle. Es fehlen darin substantielle Aussagen zum Umgang mit Wasser – anders als bei Energie. So heißt es lediglich: „Für nachhaltige Rechenzentren zu berücksichtigen sind auch relevante Aspekte der Wasserverfügbarkeit und des sparsamen Wasserverbrauchs für die Kühlung sowie möglichst auch kreislauffähige Hardware“. An konkrete regulatorische Maßnahmen mit Vorgaben zum effizienten Wassereinsatz oder Anreizinstrumente bei Rechenzentren scheint die Bundesregierung – und mit ihr der Umweltminister – damals noch nicht gedacht zu haben.

Das änderte sich nach dem heißen und trockenen Sommer am 5. Oktober. Schneider nutzte seine Rede beim Forum „Zukunft Wasser“ im Bundesumweltministerium und die Teilnahme von EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall, um das Versäumte nachzuholen. Dabei nahm er den Verbrauch und die Gewinne von Rechenzentren zum Anlass, für mehr Verteilungsgerechtigkeit beim Einsatz von Wasser sorgen zu wollen. Nur so werde es Akzeptanz für die Ansiedlung der Rechenzentren in den jeweiligen Gemeinden geben, sagte Schneider weiter. Nicht die Mineralbrunnen, die Chemieindustrie oder die Landwirtschaft stehen bei ihm im Fokus, sondern die Rechenzentren.

Akzeptanz von Rechenzentren ist hoch

Anders als die Aussage des Ministers vermuten läßt, ist die Akzeptanz in der Bevölkerung bei der Ansiedlung von Rechenzentren in Deutschland offenbar groß. Das zumindest belegt eine repräsentative Befragung des Branchenverbandes Bitkom aus dem September 2026. „Die Bedeutung von Rechenzentren wird unter der Bevölkerung inzwischen als sehr hoch eingeschätzt: 82 Prozent sagen, Rechenzentren gehörten heute zur Basisinfrastruktur Deutschlands, ähnlich wie Strom, Wasser oder Straßen“ Und: Nur jede vierte befragte Person äußert sich ablehnend gegen ein Rechenzentrum in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Die Gründe für die Neuansiedlung sind nicht erst seit der Strategie der Bundesregierung in der Gesellschaft angekommen und verinnerlicht. Das macht auch Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder deutlich: „Rechenzentren sind das Rückgrat der digitalen Welt und werden durch KI noch wichtiger, für Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie für unseren Alltag. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir diese Infrastruktur brauchen, sondern wie wir ihren Ausbau möglichst effizient und ohne Beeinträchtigungen von Mensch und Natur gestalten“.

Rechenzentren in Deutschland sind eine Stütze der digitalen Souveränität

Die erratische Politik des US-Präsidenten und dessen Missachtung des Datenschutzes in US-Rechenzentren müssen auch in diesem Kontext Berücksichtigung finden. Diese digitale Abhängigkeit muss verringert werden, darin sind sich Politik und Gesellschaft in Europa einig. Aber Digitale Souveränität ist nicht ohne eigene Rechenzentren zu erreichen. Mehr noch: eigene Rechenzentrumskapazitäten sind eine zentrale Voraussetzung für die digitale Transformation und für die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas. Deutschland hat dabei eine technologische und industriepolitische Schlüsselrolle.

Ohne leistungsfähige, sichere und verfügbare Rechenzentren lassen sich datengetriebene Geschäftsmodelle, Künstliche Intelligenz, vernetzte industrielle Anwendungen oder moderne Verwaltungsprozesse nicht zuverlässig betreiben. Wir können nicht wollen, dass die sensibelsten persönlichen Daten ausschließlich von US-Firmen verarbeitet und gesichert werden können. Eigene Rechenzentren bilden damit das Fundament der nationalen digitalen Infrastruktur und Souveränität.

Wassereffizienz in modernen Rechenzentren ist stark gestiegen

Rechenzentren galten gemeinhin als Wassergroßverbraucher. Das begründet die Sorge von Umweltverbänden, Neuansiedlungen könnten die bestehenden Wasserkonkurrenzen in Deutschland weiter anheizen. Dieses Narrativs bedient sich auch der Umweltminister in seinem Statement. Aber das mag unberechtigt sein, denn die technologische Entwicklung erfasst auch den Wasserverbrauch. Moderne Rechenzentren lassen sich heute mit sehr wenig Wasser betreiben. Während in der öffentlichen Wahrnehmung Kühlungsprozesse immer noch mit großen Frischwassermengen in Verbindung gebracht werden, finden in modernen Rechenzentren geschlossene Kühlkreisläufe und Abwärmenutzung

Für das geplante Rechenzentrum am Standort Lippetal/Hamm (Westf.) mit 200 MW Leistung steht eine wasserarme Konfiguration in den Genehmigungsunterlagen. Die verdunstungsfreie Closed-Loop-Kühlung benötigt im regulären Betrieb kein zusätzliches Frischwasser für die Kühlung. Der Wasserbedarf läge so bei weniger als 9.000 Kubikmetern jährlich. 100 Haushalte verbrauchen kaum weniger Wasser. Wie mir der Chefdesigner von QTS, einer Tochtergesellschaft des investierenden Immobilienkonzerns Blackstone erklärte, sind wasserarme Rechenzentren für die Mehrheit der Investoren in Europa mittlerweile unabdingbar.

Wenn, wie in Lippetal/Hamm, auch noch „grüne Energie“ zum Einsatz kommt, ist sinkt der virtuelle Wasserverbrauch eines Rechenzentrum-Standortes auf Minimalniveau und ist damit weit entfernt von jenen Anlagen, um die es bei dem „Rechenzentren-sind-Wassergroßverbraucher-Narrativ“ geht. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Nicht alle Rechenzentren sind wasserarm. Noch nicht. Daher besteht noch Handlungsbedarf.

Verhaltensanreize müssen verstärkt werden

Wasser ist auch in Deutschland eine Ressource, die schon jetzt einem massiven Konkurrenzdruck ausgesetzt ist. Nicht immer siegt der Bedürftigste oder der Effizienteste. Diese Entwicklung wird vom Klimawandel weiter angeheizt. Wassereffizienz ist der Schlüssel für die Resilienz von Gesellschaft und Natur. Das gilt nicht nur für Rechenzentren, sondern für alle gesellschaftlichen Kreise.

Minister Schneider eröffnet en passant das Thema Wasserentnahmeentgelte, vielleicht claimt er schon mit Blick auf eine bundeseinheitliche Regelung. „Wenn die Großverbraucher sich bundesweit und systematisch an den Kosten beteiligen müssten, würde das auch Anreize setzen, sparsamer mit Wasser umzugehen und in entsprechende Technik, die wir gerade hier in Deutschland haben, wo wir Weltmarktführer sind, auch zu investieren“, betonte der Schneider. „Ein gerechtes und gut gesteuertes System wird am Ende die Allgemeinheit entlasten.“ Er wolle dazu in den kommenden Wochen mit den Ländern und den betroffenen Sektoren „in den Austausch gehen“. Damit hat der Minister einen guten Punkt getroffen. Er wird bei diesem Austausch vermutlich erfahren, dass der Wandel bereits im Gange ist. Aber gilt das auch für andere Branchen?

Viele Jahre forderten Experten und Gutachter, die Erhebung von angemesseneren und anreizgebenden Wasserentnahmeentgelten bei Industrie und Landwirtschaft. Dies würde nicht nur eine höhere Verursachungsgerechtigkeit zur Folge haben, sondern könnte auch die industrielle Wassereffizienz erhöhen. Womöglich setzt Umweltminister Schneider mit seiner Rede bereits die Leitplanken für das geplante bundeseinheitliche Wasserentnahmeentgelt, das diese regulatorischen Anreize beinhalten wird. Noch in diesem Jahr, so ist aus Berlin zu hören, soll die wissenschaftliche Untersuchung durch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) abgeschlossen sein, wenngleich das Umweltbundesamt im März noch Anfang 2027 in Aussicht stellte.

„Wasserarm“ muss der neue Standard werden

Umweltminister Schneider gibt wichtige Impulse: Wir brauchen funktionierende Anreizsysteme und regulatorische Rahmenbedingungen für den sorgsameren Umgang mit Wasser. Vieles davon gibt es schon, manches sollte auf den Prüfstand gestellt und verbessert werden. Das bundeseinheitliche Wasserentnahmeentgelt könnte ein Hebel sein, auf den sogar er als Minister maßgeblich Einfluss nehmen könnte. Zudem brauchen wir mehr Wassernutzungstransparenz bei diesem Gemeingut. Industrieunternehmen und Landwirtschaft sollten sich nicht hinter dem Datenschutz verstecken können, um die ihre Entnahmenmengen zu verheimlichen. Nicht alles muss an die Öffentlichkeit; daher sollte vielleicht über eine neutrale Monitoringstelle nachgedacht werden.

Als „unglücklich“ würde ich es bezeichnen, dass er bei der Begründung des Handlungsbedarfs die Rechenzentren in den Vordergrund stellt. Die Rahmenbedingungen für Digitale Souveränität und Transformation brauchen positive Signale aus der Politik. Da wäre mehr Fingerspitzengefühl angebracht gewesen.

Wenn Deutschland die führende Rolle bei den Rechenzentren in Europa nicht nur kapazitativ, sondern auch technologisch ausbauen will, dann sollte Wassereffizienz mit an erster Stelle stehen. „Wasserarm“ muss der neue Standard werden – nicht nur bei den Rechenzentren. Da reicht der „Blaue Engel“ nicht mehr aus. Transparenzverpflichtungen, die es ja bereits gibt, müssen auf ihre Einhaltung überprüft werden.

Deutschland braucht eine konfliktfreie Verteilung von Wasser. Weil der Klimawandel und neue Nachfrager bestehende Konkurrenzen weiter anheizen werden, muss die Politik konsequent und geschlossen handeln.

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