Wie Hessen den Umgang mit Wasser nachhaltiger gestalten will

Metropolen wachsen, damit steigt ihr Bedarf an Trinkwasser. Wenn eigene Ressourcen nicht reichen, müssen Umlandregionen liefern. Weil aber entweder deren Naturräume beeinträchtigt oder Bautätigkeit, gewerbliche oder landwirtschaftliche Nutzung in Folge der Wasserschutzgebiete beschränkt werden, ist die Ablehnung groß und bildet sich zunehmend Widerstand.

Ein solcher Interessen-Konflikt bestimmt auch das Verhältnis zwischen der Metropolregion Rhein-Main und dem Landkreis Vogelsberg sowie dem Hessischen Ried. Ähnlich geht es München und dem Mangfalltal. In Hessen soll das „Leitbild für ein Integriertes Wasserressourcen-Management Rhein-Main“ und die „Nachhaltige Wasserpolitik“ der hessischen Landesregierung die Versachlichung und den Ausgleich der Interessen bewirken.

Wasserversorgung sichern, Effizienz steigern

Die hessische Umweltministerin Priska Hinz erklärt anlässlich der Veröffentlichung des Leitbildes für ein Integriertes Wasserressourcen-Management Rhein-Main am 18.4.2019 die Zielsetzungen: „Wir wollen die langfristige Versorgung mit Trinkwasser sicherstellen und für eine umweltverträgliche und effiziente Nutzung der Wasservorkommen sorgen. Denn der Schutz unseres Wassers hat oberste Priorität. Wir müssen viele Herausforderungen bewältigen: Durch den Klimawandel, der uns heißere und trockenere Sommer bringen wird sowie den Anstieg der Bevölkerung werden unsere Wasserressourcen stark beansprucht. Für das Rhein-Main-Gebiet muss für die Bewohnerinnen und Bewohner sowie für die ansässigen Unternehmen die Wasserversorgung sichergestellt werden. Gleichzeitig sollen der Vogelsberg und das Hessische Ried, die die Metropolregion anteilig mit Wasser versorgen, nicht unverhältnismäßig belastet werden. Die dortigen grundwasserabhängigen Feuchtgebiete wollen wir erhalten, deshalb muss die Wasserversorgung immer auch umwelt- und ressourcenschonend bewältigt werden“, ergänzte Ministerin Hinz.

Metropolregion zukunftssicher und klimafest

„Das Leitbild für ein Integriertes Wasserressourcen-Management Rhein-Main liefert uns Antworten darauf, mit welchen Maßnahmen und Instrumenten eine leistungsfähige und umweltverträgliche Wasserversorgung in einer der wirtschaftlich bedeutendsten europäischen Regionen auch zukünftig klimafest gesichert werden kann“, erklärte Hinz. Das Leitbild wurde in einem breit angelegten Dialogprozess erarbeitet. Beteiligt waren die Kommunen der Metropolregion und des ländlichen Raums im Vogelsberg und Hessischen Ried, Wasserversorgungsunternehmen, die Industrie- und Handelskammer, Umwelt- und Naturschutzverbände sowie Landnutzungsverbände.

Umsetzung startet mit kommunalen Wasserkonzepten

Mit der Veröffentlichung des Leitbilds beginnt nun die Umsetzungsphase: Es werden kommunale Wasserkonzepte sowie ein wasserwirtschaftlicher Fachplan Rhein-Main erstellt. Dabei sollen gezielt Maßnahmen zum sparsamen Umgang mit Wasser und zur vermehrten Nutzung von Brauchwasser berücksichtigt werden. Hierzu gehört zum Beispiel die Nutzung von gesammeltem Regenwasser, wie es derzeit bereits am Flughafen Frankfurt praktiziert wird. Ebenfalls könnten Neubauten ein doppeltes Leitungssystem bekommen, in dem Brauchwasser für die Toilettenspülung genutzt wird. Auch soll trotz des hohen Bedarfs an Bauland Wasserwerke im Rhein-Main-Gebiet erhalten und optimiert werden, um den Wasserbedarf auch aus ortsnahen Wasservorkommen zu decken. Diese und weitere Instrumente werden nun geprüft und konkretisiert.

Steuerungsgruppe soll Ausgleich erarbeiten

Eine Steuerungsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der Kommunalen Spitzenverbände sowie der Städte Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach, Gießen, Pfungstadt, Schotten, Stadtallendorf, Lich, der Gemeinde Einhausen und von Landesbehörden hatte das Leitbild Ende März verabschiedet. Die Steuerungsgruppe wird in 2019 auch die Frage behandeln, wie ein angemessener Ausgleich von Auswirkungen der Grundwasserentnahmen im Vogelsberg oder Hessischen Ried bewerkstelligt werden kann, die im Zusammenhang mit der Entnahme von Grundwasser für die Metropolregion Rhein-Main entstehen.

Schutzgemeinschaft Vogelsberg schlägt bereits Alarm

Wenige Tage später schlägt die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV) in einer Pressemitteilung Alarm: Die extreme Trockenheit des Jahres 2018 setze sich in diesem Jahr offensichtlich fort. „Gab es im letzten Jahr noch ein relativ nasses Frühjahr, fehlt in 2019 bereits jetzt schon jede Menge Regen“, so die SGV. Im Naturraum zeigten sich mit dem verzögerten Frühjahrswachstum die ersten Schäden. Und die dringend notwendige Grundwasserneubildung bleibe aus. Alles spreche dafür, dass es in den Gewinnungsgebieten für Fernwasser 2019 zu einem „verantwortungslosen Grundwasserraubbau“ kommen werde. Sie fordert, alle Genehmigungsbescheide für die großen Grundwasserentnahmen auf den Prüfstand zu stellen. „Sie müssen alle Fernwasserexportmengen, die durch eine verstärkte Eigenversorgung Rhein-Main ersetzt werden können, streichen.“ Und sie fordert von den Behörden das Anordnen von konkreten Sofortmaßnahmen zur Reduzierung des Grundwasserexports. 

Weitere Leitbilder und Wasserversorgungskonzepte werden folgen

Die Betroffenen in Hessen blicken aus ihrer jeweiligen Perspektive mit gemischten Gefühlen oder Zuversicht auf den anstehenden Prozess. Als Außenstehender ist er insoweit auch für andere Regionen von Interesse, als damit ein valide und demokratisch legitimierte Planungs- und Entscheidungsgrundlage geschaffen wird. Ob Leitbild, Fachplan und Wasserversorgungskonzepte die Gemüter in Hessen beruhigen werden, wird sich zeigen. Schon jetzt hat die Landespolitik mit der Forderung nach innovativen und nachhaltigen Wasser-Nutzungen Massstäbe gesetzt. Brauchwassernutzung und Kreislaufsysteme, noch schütteln viele den Kopf, doch selbst in europäischen Nachbarregionen wie den Niederlanden ist dies in manchen Städten schon Standard.

Regionale Wasserkonflikte, und darum handelt es sich hierbei, wird es mit oder ohne Klimawandel auch Deutschland vermutlich vermehrt geben. Auch wenn die Belange der Daseinsvorsorge bei der Trinkwasserversorgung lokal geregelt werden dürfen, spätestens wenn andere Kommunen und Regionen betroffen sind, bedarf es einer überregionalen Klärung der Interessen. Wasserversorgungskonzepte und Leitbilder rechtlich institutionalisiert durch Fachplanungen – bald dürften auch andere Bundesländer folgen.

In NRW und Niedersachsen nähert man sich der Lösung von zwei unterschiedlichen Richtungen: ersteres beginnt kommunal und dürfte dann auch den offensichtlich ruhenden „Masterplan“ reaktivieren, Niedersachsens Startschuss für ein Landeskonzept war unüberhörbar, dort werden kommunale folgen. Brandenburgs Leitbild Siedlungswasserwirtschaft ist ebenfalls auf den Weg gebracht. Mal sehen wie es weitergeht.

Weiterführendes

  • Das Leitbild ist auf der Homepage des Umweltministeriums veröffentlicht und kann unter diesem Link heruntergeladen werden.
  • Pressemitteilung Schutzgemeinschaft Vogelsberg
  • Website der Hessenwasser

 

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