„Made in Germany“ – Deutsches Wasser-Know-how in Südafrika gefragt

Trinkwasser aus der Leitung, so selbstverständlich das hierzulande ist, in Südafrika wurde aus der Gewohnheit ein Mangelereignis. Ausbleibender Regen, unzureichende und übernutzte Ressourcen begleitet von einer schweren Dürre führte zu einer einzigartigen Bedrohung. Der „Day Zero“, der „Tag Null“, hing wie ein Damoklesschwert über der Metropole. Die Haushalte und Betriebe hätten kein Wasser mehr bekommen. Nicht nur wegen dieser Erfahrung, sondern auch wegen der maroden Netze und Anlagen, des Klimawandels und steigenden Bedarfs muss ganz Südafrika massiv in die Infrastruktur investieren. Landesweit gehen durchschnittlich rund 35% des Trinkwassers als sogenanntes Non-Revenue Water, wir sprechen von „Wasserverlusten“, verloren. In einigen Kommunen seien es sogar 50 bis 70%, berichtet die German Trade & Invest.Um dieses Loch zu stopfen, wird das Oberflächenwasser aus den Regenfällen nicht ausreichen. Die Leckagen müssen repariert und die Leitungen saniert werden. Das eröffnet Unternehmen Geschäftschancen. Dabei unterstützen deutsche Institutionen. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überbringt Kredit für Wasseraufbereitung

Die Metropole Kapstadt braucht dringend ein leistungsfähigeres Wassermanagement. Jetzt kommt Hilfe aus Deutschland: ein 80 Millionen-Euro-Kredit ausgereicht von der KfW Entwicklungsbank im Auftrag der deutschen Bundesregierung, überbracht von unserem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei seinem Südafrika-Besuch Ende November 2018. Ich wollte die Hintergründe erfahren und wissen, wie die deutsche Wasserwirtschaft in Kapstadt gemeinsam mit dem Kredit konkrete Hilfe leisten kann und habe die Experten in Frankfurt besucht. 

Die KfW Bankengruppe „unterstützt seit ihrer Gründung 1948 im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags den Wandel und treibt zukunftsweisende Ideen voran: in Deutschland, in Europa und in der Welt. Dafür hat sie in sieben Jahrzehnten rund 1,7 Billionen Euro als Darlehen vergeben“, steht auf der Website des Unternehmens. Warum jetzt auch Wasser in Südafrika? Das erklären mir bei der KfW in Frankfurt, Carolin Brandl, die zuständige Projektmanagerin, und Thomas Wolf, der technische Sachverständige der KfW Entwicklungsbank und zuständig für Infrastruktur in Afrika. 

Hoher Investitionsbedarf bei energieeffizienten Wasserprojekten

Es ist seine große regionale Bedeutung, weshalb Südafrika zu den sechs sogenannten globalen Entwicklungspartnern Deutschlands gehört. Viele Staaten auf dem Kontinent  sind auf dem Weg vom „Pulverfass“ zum „Wirtschaftspartner“. Es sind nicht mehr nur Konflikte, die die hiesige Berichterstattung beherrschen.

Südafrika muss investieren, es entsteht Nachfrage, gleichzeitig droht Migration, da will die deutsche Politik tätig werden. Unter den vier Schwerpunktthemen der Kooperation ist mit „Energie und Klima“ („Green Economy“) eines, das auch uns Deutschen unter den Nägeln brennt. Südafrika erzeugt Strom aus Braunkohle, Im Jahr 2007 war das Pendent zur deutschen RWE, die südafrikanische Eskommit über 190 Millionen Tonnen der zweitgrößte CO2-Erzeuger der Welt. Kaum zu erwarten, dass dort ein Ausstieg kommt, aber deutsches Know-how könnte gefragt sein. 

Die Wasserversorgung benötigt sehr viel Energie. Daher ist es nur folgerichtig, wenn die KfW sich dem Nexus „Energie-Wasser“ zuwendet. Umso mehr, wenn das Trinkwasser aus dem Meerwasser gewonnen werden soll. Denn wenn, wie im vergangenen Jahr geschehen, der Regen ausbleibt und den Stauseen der Nachschub fehlt, dann sollen andere Quellen angezapft werden. Eine Ressource liegt vor der Küste: das Meer. Das Problem ist das Salz darin. Dafür gibt es Verfahren, leider sehr energieintensive: die Meerwasserentsalzung. Bei ihr wird das Salzwasser mit hohem Druck durch Membrane gepresst, zurück bleibt das Salz – auf der anderen Seite kommt reinstes Wasser heraus. Das klingt nach einer Ideallösung, wenn da nicht die Energiebilanz wäre. Es gibt aber auch noch andere Quellen: eine ist das gebrauchte Wasser. Seine „Gewinnung“ erfolgt in Kläranlagen und einer nachgelagerten Aufbereitung. Dabei will die KfW unterstützen. Die so genannte „Reclamation“ („Wasserrückgewinnung“) werde schon erfolgreich in Windhoek, im benachbarten Namibia, seit nunmehr 50 Jahren eingesetzt. Daher setzt die KfW bei den Kläranlagen an, um mit deren Modernisierung das Wasser nutzbar zu machen. Das Schmutzwasser soll aufbereitet und danach zum Beispiel in der Landwirtschaft oder von den Winzern verwendet werden. Das wertvolle Frischwasser aus den Brunnen oder Stauseen kann damit als Trinkwasser von den Menschen genutzt werden, die es zum Kochen, Trinken und für die Körperhygiene in höherer Qualität dringend brauchen.   

Kapstadt’s Wasserversorgung – Die Probleme sind hausgemacht. 

Kapstadts Wasserprobleme haben vielfältige Ursachen. Es sind nicht nur die Wasservorräte, es ist auch die Substanz. Dreißig Jahre habe die Stadt nur wenig in ihre Anlagen investiert, berichten die Medien. Die Verantwortung wurde hin und her geschoben. Eindeutig war nur das Ergebnis: Undichte Leitungen, veraltete Technologien und ineffiziente Prozesse. Die Gründe für die Versorgungsproblems der Metropole sind schnell ausgemacht. Um sie zu bewältigen, braucht die Stadt qualifizierte Ausrüster und Consultants für Wasser-/Abwasseranlagen und -management. Solange Kapstadt nicht investiert hat, gab es keine Nachfrage, also auch keine Anbieter. Auch gibt kaum Partnerschaften oder Geschäftsbeziehungen, an die angeknüpft werden könnte. Quasi ausgetrocknet, wie die Stauseen. Auch hier will die KfW helfen. Dabei werden deutsche Experten gefragt sein. Natürlich wird es dafür internationale Ausschreibungen geben müssen, erklären mir die KfW’ler. Keiner werde bevorzugt. Auch wenn die Millionen aus Deutschland kommen, die Regeln sind eindeutig. Noch wird der Wettbewerb eher gering sein. Der Markteinstieg sei nicht schwer, der Bedarf dagegen groß, versichern meine Gesprächspartner.

Zukunftssichere Wasserversorgung muss Wasserverluste vermeiden

Aber es geht nicht nur um Technik und Ingenieure. Die Politik muss im Wassersektor langfristig orientiert agieren und zunächst eine Wasserstrategie entwickeln. Die Reaktion auf den drohenden „Day Zero“ war taktisch, jetzt kommt die langfristig orientierte Ausrichtung. Klimawandel und die starke Urbanisierung, sie machen die Anpassungsprozesse alternativlos. KfW-Experte Wolf erklärt, woran es mangelt. Dem Trinkwassernetz fehlt es an adäquaten Zonierungen. Während in Deutschland das Leitungsnetz in so genannten Druckzonen unterteilt sei, innerhalb derer man der Abnahme entsprechend die Pumpen steuere, um in jedem Gebiet immer die richtige Menge einspeisen zu können ohne Energie zu verschwenden, würden die Kapstädter eine solche Zonierung nicht durchführen. Ein nachhaltiges Management sowie die notwendige Reduzierung der Wasserverluste wird hierdurch erheblich erschwert. Wasserverluste verschwenden nicht nur Wasser, sondern auch Energie. Bis das Wasser aus den Leckagen der Leitungsnetze entweicht, wurde schon viel Energie hineingesteckt. Die virtuelle Energie stammt aus der Aufbereitung, der Entsalzung und den Pumpen. Versickert das Wasser, geht die Energie mit. Deutsche Spezialunternehmen, wie die mittelständische Sewerin, hätten das Know-How, die Erfahrung und den Willen, was fehlt, ist die finanzielle Flankierung. Das beschrieb mir Michael Kersting, bei der Sewerin GmbH zuständig für Business Development bei meinem Besuch des Unternehmens in Gütersloh. Kersting leitet auch die Regionalgruppe Afrika in der German Water Partnership, einem Netzwerk der deutschen Wasserindustrie das Hilfestellung auf dem Weltmarkt gibt. Es gibt Regionen – auch in Afrika – wo der Einsteig leichter sei als in Südafrika. Dort seien sichtbare Erfolge erzielt worden, während am Kap die Hoffnung überwiegt.

Gesellschaftliches Ungleichgewicht bedroht die Stabilität

Kapstadt erlebt seit dem Ende der Apartheid vor 25 Jahren eine rasante Urbanisierung, die Bevölkerungszahl hat sich beinahe verdoppelt. Über vier Millionen Menschen leben am „Kap der guten Hoffnung“. Auch wenn diese Bezeichnung ein Sinnbild sein mag, Migration ist für die Cape Region ein drängendes Thema. Die „informal settlements“ oder Townships wachsen unaufhörlich. Mehr als 17 Prozent der Bevölkerung leben dort unter einfachsten Verhältnissen  – Trinkwasserversorgung und Sanitäranlagen eingeschlossen. Diese Menschen verbrauchen heute schon nur vier Prozent des Wassers. Ihnen auch noch den „letzten Tropfen“ zu nehmen, dürfte gesellschaftliche Konflikte hervorrufen. Alte Gräben würden wieder aufbrechen. Manche sehen im Zugang zu Wasser eine „neue Apartheid“ . 

Lange war Südafrika wirtschaftlich auf dem Weg nach oben. Nach der Fußball-WM 2010 wollte das Land durchstarten und die Infrastruktur aufbauen. Aber das Land ist an seinen ehrgeizigen Zielen gescheitert. Der „sprungbereite Tiger“ ist als „Bettvorleger gelandet“. Korruption, Verschuldung, Streiks und die Landreform – jedes Thema mit ausreichend Sprengstoff für eine gespaltene Gesellschaft und fragile Politik. Sichtbar und bedrohlich: der konjunkturelle Abschwung und die steigende Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft wächst nur langsam, in den beiden letzten Jahren unter einem Prozent. Zudem ist es ein Wachstum, bei dem nur wenige Arbeitsplätze geschaffen werden. Jeder vierte Südafrikaner ist derzeit arbeitslos, bei den Jugendlichen sind es sogar 70 Prozent. Die Hälfte der 53 Millionen Südafrikaner lebt unter der Armutsgrenze. Auch Investoren halten sich zurück. Grund sind die instabile politische Lage, die mangelnde Sicherheit, die Unproduktivität und die hohe Korruption. Schlechte Voraussetzungen für eine Instandsetzung der maroden Infrastruktur. 

„Bildung – Made in Germany“ als Exportgut der Wasserwirtschaft 

In keinem Staat südlich der Sahara ist das Land ungerechter verteilt als in Südafrika: Beim Amtsantritt Nelson Mandelas 1994 verfügten 60.000 weiße Farmer über 87 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Die gegenwärtige Landreform der ANC-Regierung soll dieses Verhältnis ändern und wahrgenommene Ungerechtigkeiten beseitigen. Dabei geht es nicht nur um Land, sondern auch um Wasser. Bodenrechte bedeuten auch Wasserrechte. Auch hier will die Regierung eingreifen. Das Recht auf Wasser soll neu verteilt werden und damit die Nutzung ausgewogener und effizienter werden.

Es gibt Stimmen, die von einer Dezentralisierung und Restrukturierung der südafrikanischen Wasserwirtschaft sprechen. War das Management bisher ausschließlich in staatlicher Hand, hat das Versagen hier womöglich ein Umdenken beschleunigt. Auch private Partner könnten die Schwächen beseitigen – wenn sie nicht neue mitbringen. Privatisierungsgegner werden Negativbeispiele finden. Dort mangelte es aber zumeist an der Governance. Die Verträge waren schlecht, die Kontrolle ihrer Einhaltung noch schlechter. In Deutschland sind viele öffentlich-private Partnerschaften erfolgreich. Vielleicht kann Südafrika auch dieses Know-how gebrauchen. Know-how statt Anlagen. So kann ein Einstieg gelingen, flankiert von der Bundesregierung. Sewerin beginnt mit Bildungspartnerschaften. Statt mit dem Vertrieb die Technik zu verkaufen, sollen Schulungen die Grundlagen für die Anwendung schaffen. Nachfrage wird mit Wissen erzeugt. Mit diesem holistischen Ansatz wollen Sewerin und ihre Partner der Strategic Alliance for Water Loss Reduction, zu der u.a. auch Hamburg Wasser gehört, nachhaltiges Management begründen. Der Mehrwert für die Unternehmen soll auch in einer stabilen Geschäftsbeziehung liegen. Wie das Beispiel Südafrika zeigt, profitiert davon auch der Auftraggeber. Wünschenswert sicher auch aus deutscher Sicht. Selbst wenn die Industrie ihren Spitzenruf verliert, „Bildung – Made in Germany“ wird weltweit gefragt sein. Darauf lässt sich aufbauen – auch in der Wasserwirtschaft. 

Deutsche Unternehmen werden bereits von deutschen Institutionen in Südafrika erwartet

Auch vor Ort sind deutsche Institutionen aktiv, die den Einstieg unterstützen. Ein Beispiel ist die Deutsche Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika (AHK). Frank Aletter skizzierte mir in einem Telefonat die Potenziale für deutsche Wasserexperten. Die Türen stünden weit offen. An den Barrieren arbeite die AHK. So wird ab 1. März 2019 ein Kompetenzcenter Wasser vor Ort seine Arbeit aufnehmen, um deutsche Unternehmen beim Einstieg und der Beherrschung der Ausschreibungsbedingungen zu helfen. Ansprechpartner sind die KMU, die solche Experten begrüßen werden. Unternehmen wie WILO oder KSB sind schon dort.

Anfang Mai 2019 findet eine Geschäftsanbahnungreise zum Thema Wasserwirtschaft in Südafrika und Namibia statt. Organisiert wird sie von der AHK, erklärte mir Aletter, und wies darauf hin, dass für die Teilnahme noch räum sei. Vielleicht ändert sich das ja und Südafrika wird als lohnenswertes Geschäftsziel erkannt.

Weiterführendes/Quellen

 

Beitragsgrafik: Gendries 

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