Krieg gegen Wasser – das neue Kapitel im Iran-Krieg?

Der Iran-Krieg legt eine besorgniserregende Wahrheit offen: Wasser ist ein militärisches Ziel. Öl ist nicht mehr das alleinige Druckmittel. Wer Entsalzungsanlagen angreift, trifft nicht nur die technische Infrastruktur, sondern das Fundament urbanen Lebens in den Staaten der Golfregion. Während das Öl deren wirtschaftliche Grundlage ist, ist Wasser ihre Existenz. Öl bietet Reichtum, Wasser das Überleben. Genau darin liegt die neue Sprengkraft dieses Konflikts. Wer Wasser als Kriegsziel einsetzt, verstößt nicht nur gegen das Völkerrecht, sondern löst eine Spirale des Todes aus, der die Zivilisten auf allen Seiten schutzlos ausgeliefert sind. Das sind die unausweichlichen Verlierer.

Iran hat Energie- und Entsalzungsanlage in Kuwait angegriffen
Schlagzeile in Al Jazeera, 5.4.2026

Reichtum führte in den Golfstaaten zur Wasserknappheit

Jahrzehntelang wurde die Golfregion ausschließlich mit Erdöl in Verbindung gebracht. Wasser war nicht das vorherrschende Thema. Das war zutreffend, solange die natürlichen Wasservorräte in Zeiten dünn besiedelter Regionen ausreichten.

Dem Reichtum durch Mineralölförderung folgte nicht nur die Industrialisierung einer Wüstenregion, sondern auch eine immer stärkere Besiedlung. „Green the Desert“ wurde zum Motto. So wurde die Wüste für die Landwirtschaft erschlossen. Das hatte Folgen für die natürlichen Wasserressourcen. Die Aquifere in den Erdtiefen wurden bis auf die letzten Tropfen ausgebeutet.

Entsalzungsanlagen – die Achillesferse in den Wüstenstaaten

Kuwait-City war im 19. Jahrhundert eine kleine Hafen- und Handelsstadt. Öl sorgte für das Wachstum und den Wohlstand, Wasser für das Überleben. Aber auch andere Städte wie Dubai, Abu Dhabi, Doha oder Manama gäbe es nicht ohne alternative Wasserressourcen aus dem Meer, schon gar nicht als Urlaubsziele der Touristen aus aller Welt. Schon durch einen Ausfall der Entsalzungsanlagen würden die betroffenen Regionen innerhalb kürzester Zeit unter massiven Wasserstress geraten. Das ist keine theoretische Schwäche, sondern eine existenzielle Verwundbarkeit.

Gerade das macht die Region so anfällig. Die arabischen Staaten am Golf und Israel haben ihre Städte, ihre Wirtschaft und ihre Wachstumsmodelle auf künstlich erzeugtes Süßwasser gebaut. Sie haben sich ein hohes Maß an Wassersicherheit verschafft — aber zu dem Preis, dass auch dort zentrale Versorgung auf verwundbarer Küsteninfrastruktur beruht. Moderne Metropolen sind im Kern nur so stabil wie ihre Wasserzufuhr.

Keiner der Golfstaaten verfügt über Flüsse oder Seen, auch die Grundwasserressourcen sind ausgeschöpft. Sie sind daher von hochkomplexen Entsalzungssystemen abhängig. Zwischen 90 und 99 Prozent des Trinkwassers stammen aus diesen Anlagen. Die größte Meerwasserentsalzungsanlage in Katar, Umm Alhoul Power Plant, deckt etwa 40 Prozent des Wasserbedarfs des gesamten Wüstenstaates ab.

Perlenschnur entlang der Mittelmeerküste

Israel hat seine Wasserversorgung auf die Meerwasserentsalzung ausgerichtet. Wenn auch auch nicht als alleinige Lösung. Die Technologie liefert 65 Prozent des Trinkwassers. Mit großen Anlagen wie Sorek oder Ashkelon an der Mittelmeerküste hat das Land seine Wasserversorgung in hohem Maß auf die Entsalzung gestützt. Die fünf Anlagen reihen sich wie eine Perlenschnur an der Küste entlang. Angesichts ihrer Vulnerabilität räumt Israel in seiner Verteidigungsarchitektur den Anlagen einen besonderen Stellenwert ein und schützt sie mit dem Iron Dome bisher erfolgreich gegen militärische Angriffe. So liegt die zweitgrößte Entsalzungsanlage Ashkelon zwar nur 20 Kilometer nördlich der israelisch-pälstinensischen Grenze auf halber Strecke nach Tel Aviv, war aber von den Raketen der Hamas verschont geblieben.

Israelische Meerwasserentsalzungsanlage Sorek (Foto: Siegfried Gendries)

Der Iran ist zu weniger als 10 Prozent von Meerwasserentsalzung abhängig. Die Wasserlage ist aber insgesamt prekär: Dürre, Übernutzung und schrumpfende Reserven setzen dem Land massiv zu. Die Wasserknappheit und die ungerechte Verteilung waren einer der Auslöser der Proteste im Januar.

Weltweit gibt es rund 20.000 Entsalzungsanlagen. Viele davon werden von der Industrie genutzt. Jede dritte Großanlage mit über 2.000 Kubikmeter täglicher Produktionsmenge steht in der Golfregion. Nachdem die Preise in den vergangenen 20 Jahren auf etwa ein Zehntel gesunken sind, können sich mittlerweile auch weniger wohlhabende Staaten die Wassergewinnung aus dem Meer leisten.

Meerwasserentsalzung bietet eine schier unbegrenzte Ressource, aber die Anlagen sind auch sicherheitspolitische Zielscheiben. Meerwasserentsalzungsanlagen sind bereits Ziel militär-taktischer Überlegungen. Die Logik dahinter ist brutal einfach: Was knapp und lebenswichtig ist, wird zur Waffe. Entsalzungsanlagen sind dafür ein nahezu ideales Ziel. Sie sind teuer, technisch empfindlich und schwer zu ersetzen. Schon der Ausfall einzelner Komponenten kann ganze Versorgungsketten stören. Wer solche Anlagen bedroht, trifft nicht nur eine Fabrik am Meer, sondern die Versorgung von Haushalten, Landwirtschaft und kritischer Infrastruktur.

Ein gezielter Angriff muss nicht einmal die vollständige Zerstörung bringen, um Wirkung zu entfalten. Es reicht, Unsicherheit zu erzeugen, Reserven zu belasten und Regierungen zu zwingen, Wasser zu rationieren. Schon deren Ankündigung durch die Angreifer löst Angst und Schrecken in der Bevölkerung aus; gleichsam einer terroristischen Bedrohung.

Massive Folgeschäden für die maritime Umwelt drohen

Aus der Zerstörung lebenswichtiger Infrastrukturen und industrieller Anlagen insbesondere der Öl- und Gasförderung werden unausweichliche massive Umweltauswirkungen zur Folge haben. UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, warnte am 10. März, dass dies zu gefährlichen Ölverschmutzungen und potenziell tödlichem saurem Regen durch brennende Treibstofflager führe.

Die militärische Beobachtung durch das Conflict and Environment Observatory (CEOBS) hat über 230 bestätigte Umweltverschmutzungsfälle identifiziert, darunter giftige Rauchfahnen von Raffinerien in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die die Anwohner in Windrichtung krebserregenden Stoffen und Schwermetallen aussetzen. Experten warnen vor langfristigen ökologischen Schäden am fragilen marinen Ökosystem des Persischen Golfs.

Am 2 März gab es den ersten Kollateralschaden an Entsalzungsanlagen

Der Krieg, der am 28. Februar mit US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf den Iran begann, hat die Kämpfe bereits in die Nähe wichtiger Entsalzungsanlagen gebracht. Am 2. März schlugen iranische Bomben im Hafen von Jebel Ali in Dubai nur etwa 20 Kilometer von einer der größten Entsalzungsanlagen der Welt entfernt ein, die einen Großteil des Trinkwassers der Stadt produziert.

Auch im Kraftwerks- und Wasserkomplex Fujairah F1 in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in der Entsalzungsanlage Doha West in Kuwait wurden Schäden gemeldet. Die Schäden an den beiden Anlagen scheinen durch Angriffe auf nahegelegene Häfen oder durch Trümmer abgefangener Drohnen verursacht worden zu sein.

Meerwasserentsalzungsanlagen waren in kriegerischen Konflikten im Nahen und Mittleren Osten in der Vergangenheit als Angriffsziele stets ausgenommen worden. Aber als US-Präsident Trump die Energieinfrastruktur des Irans bombardieren ließt, antwortete das Regime des Iran mit Angriffen auf die Energie- und Wasserversorgungsanlagen der mit USA kooperierenden Golfstaaten.

Die US-Angriffe auf die Wasserinfrastruktur im Iran zerstören nicht nur kurzfristig die Versorgung, sondern verschärfen eine ohnehin fragile soziale Lage. US-Präsident Donald Trump scheint dies egal zu sein, jedenfalls hat er auf seiner Social Media-Plattform angekündigt, dass er alle iranische Meerwasserentsalzungsanlagen zerstören will, um im Iran zu bleiben.

Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, „möglicherweise alle Meerwasserentsazlungsanalgen im Iran“ zu zerstören, Post auf TruthSocial vom 30.3.2026, 13:26 Uhr

Der Schutz durch das Völkerrecht wird ausgehöhlt

Das eigentlich Beunruhigende ist jedoch etwas anderes: Die Schwelle, zivile Infrastruktur als militärisches Druckmittel zu betrachten, sinkt weiter. Damit wird ein Bereich attackiert, der völkerrechtlich eigentlich geschützt sein sollte.

Die vier Genfer Konventionen und ihre Zusatzprotokolle bilden den Kern des humanitären Völkerrechts. Wasserinfrastruktur als ziviles Objekt ist grundsätzlich geschützt. Zudem wird definiert, dass es verboten ist Trinkwasserversorgungsanlagen und -vorräte sowie Bewässerungsanlagen zum Zweck des Aushungerns der Zivilbevökerung anzugreifen, zu zerstören und unbrauchbar zu machen.

Wasser wird zum Schlachtfeld

Die arabischen Staaten am Golf und auch Israel stehen damit vor einer neuen Erkenntnis. Ihre Überlebensfähigkeit und Stärke beruht längst nicht mehr nur auf militärischer Abschreckung oder Energieexporten, sondern auch auf die Sicherung ihrer komplexen Wassertechnologien. Doch genau diese Technologien sind im Kriegsfall angreifbar. Wasser ist keine Nebenfolge des Krieges, wenn es bewusst ins Visier genommen wird. Dann wird es selbst zum Schlachtfeld.

Wenn Präsident Trump dem Iran mit der Zerstörung aller Meerwasserentsalzungsanlagen droht, verstößt er nicht nur gegen das Völkerrecht, sondern er öffnet auch die „Büchse der Pandora“ und könnte seine Alliierten letztendlich mehr schaden, als dem Iran.

Ein Krieg gegen Wasser

Bücher über den Krieg um Wasser füllen bereits Bibliotheken, militärisch ausgefochtene Nutzungskonflikte um Wasser sind ein trauriger Teil der Menschheitsgeschichte. Aber die Spirale der Vernichtung von Wasserinfrastrukturen, die sich jetzt im Iran-Krieg abzeichnet, ist ein neues Kapitel. Sie trifft nicht die militärischen Einrichtungen und schadet nicht der Streitkraft. Sie zielt auf das Wasser ab, sie trifft die Bevölkerung, zumeist die Ärmsten. Die sind die wahren Verlierer.

Denn anders als Brunnen, die geologischen Schutz geniessen, sind zerstörte Wasserversorgungsinfrastrukturen und ihre Energieversorgungsanlagen lange Zeit unbrauchbar. Der Mensch kann aber nur kurze Zeit ohne Wasser überleben.

Es ist ein Krieg gegen Wasser. Er ist menschenverachtend, denn seine Wirkung ist brutaler als die von Bomben, Minen oder Drohnen, denn sie trifft ganze Städte und Regionen.

Quellen und Weiterführendes

Bearbeitungsstand dieses Beitrages: 6.4.2026, 22:00 Uhr

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