Angesichts der weltweit chronischen Wasserknappheit prägt eine Studie der UN University den Begriff eines „Globalen Wasserbankrotts“ und verbindet damit die Forderung nach ein offeneres Politikverständnis für deren Bewältigung.
Wasserbankrott statt Wasserkrise
Immer noch haben Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser oder Sanitärversorgung, und große Teile der Welt leben unter chronischer Wasserknappheit. Wasserbezogene Risiken sind damit systemisch geworden. Menschen, Natur und Industrie leiden gleichermaßen darunter. Wasser ist auch die Grundlage fast aller globalen Ziele der Vereinten Nationen – von Gesundheit über Ernährung bis Frieden. Trotzdem ist das globale UN-Nachhaltigkeitsziel 6 „Wasser und Sanitärversorgung für alle“ weit außerhalb des Erreichbaren. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Die bisherigen Methoden zur Bewältigung sind weitgehend gescheitert.
Der am 20. Januar 2026 veröffentlichte Bericht des UNU-INWEH mit dem Titel „Global Water Bankruptcy: Living Beyond Our Hydrological Means in the Post-Crisis Era“ argumentiert daher, dass der bisherige Begriff der „Wasserkrise“ nicht mehr ausreicht. Stattdessen sei die Welt in eine neue Phase eingetreten: Global Water Bankruptcy (globale Wasser-Insolvenz oder -Bankrott). In vielen Regionen wird seit Jahrzehnten mehr Wasser genutzt, als durch Klima und Hydrologie nachhaltig nachgeliefert werden kann. Dabei wurden nicht nur erneuerbare Wasserflüsse übernutzt, sondern auch natürliche „Reserven“ wie Grundwasser, Gletscher, Böden, Feuchtgebiete und Flüsse geschädigt oder zerstört. Verschmutzung und Versalzung verschärfen das Problem zusätzlich. Dass in manchen Wüsten Aquifere für die Landwirtschaft genutzt werden, um Agrarprodukte zu exportieren, zeigt die Widersinnigkeit und beschleunigt die Endlichkeit der Ressourcen.
Die Folgen sind weltweit sichtbar: austrocknende Flüsse und Seen, absinkende Landflächen durch überpumpte Aquifere, schwindende Gletscher, zunehmende Dürren, Brände, Staubstürme und Städte am Rand von „Day Zero“. Viele dieser Schäden sind auf menschlichen Zeitskalen irreversibel. Genau das unterscheidet Wasser-Insolvenz von Wasserstress oder einer temporären Krise.
Die Bilanz der bisherigen Wasserpolitik dokumentiert das Scheitern
Wasserknappheit weltweit lässt sich nicht mehr als saisonales oder außergewöhnliches Phänomen beschreiben. Rund 4 Milliarden Menschen leben bereits mindestens einen Monat pro Jahr unter schwerer Wasserknappheit. In vielen Regionen wird diese Knappheit zunehmend durch dauerhafte langfristige Übernutzung und die Verschlechterung der Wasserqualität verursacht – und nicht mehr nur durch klimatische Schwankungen.

In vielen Systemen definiert sich Knappheit daher nicht allein über die Menge des verfügbaren Wassers, sondern darüber, wie viel von diesem Wasser grundlegende Qualitätsstandards für die menschliche Nutzung, die Nahrungsmittelproduktion und die Gesundheit von Ökosystemen erfüllt. Verschmutztes oder salzhaltiges Wasser taucht zwar in mengenmäßigen Wasserbilanzen auf, da es nicht nutzbar ist, müsste es betrachtet werden, als stünde es gar nicht zur Verfügung.
Mehr als 1,8 Milliarden Menschen – nahezu jeder vierte Mensch – lebten in den Jahren 2022 und 2023 unter Dürrebedingungen. Betroffen sind in erster Linie die Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Diese müssen dann das Wasser unter großen Anstrengungen, entweder weil die zugänglichen Brunnen weit entfernt liegen, oder für viel Geld beschaffen, weil sie auf Tanklaster zurückgreifen müssen.
Dürrebedingte Schäden, die nicht allein durch Niederschlagsdefizite, sondern vor allem durch Bodendegradation, Grundwassererschöpfung und den Klimawandel verstärkt werden, verursachen weltweit bereits Kosten von über 307 Milliarden US-Dollar pro Jahr – mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung von vier Fünfteln der UN-Mitgliedstaaten. Diese Verluste sind wahrscheinlich unterschätzt, da sie indirekte Auswirkungen nur selten erfassen.
Wassergerechtigkeit ist eines der größten Opfer – Konflikte nehmen zu
Wasser ist in zahlreichen Regionen ein Mittel der Machtausübung und ein Konfliktgegenstand. Die Untersuchung des renommierten ThinkTank Pacific Institute kommt zu dem Ergebnis, dass nach jahrzehntelangem gemäßigtem Niveau an weltweiten Wasserkonflikten, seit 2022 eine steigende Eskalation zu einer Verdreifachung im Jahr 2024 geführt hat. Peter Gleick, Vordenker des Pacific Institute erklärte in einem Interview im englischen Guardian die Dimension: „Derzeit leben 4 Milliarden Menschen in Flusseinzugsgebieten, die politische Grenzen überschreiten, doch in mehr als der Hälfte der 310 internationalen Flusseinzugsgebiete der Welt fehlen internationale Vereinbarungen zur gemeinsamen Nutzung oder gemeinsame Flussgebietskommissionen. Um Streitigkeiten beizulegen und zwischenstaatliche Wasserspannungen abzubauen, sind diplomatische Anstrengungen erforderlich. Und wir müssen die Anstrengungen zur Verlangsamung und Eindämmung von Klimastörungen, die die Spannungen um Wasser verschärfen, deutlich beschleunigen.“
Der UNU-Bericht knüpft daran an, in dem er fordert, dass die Gerechtigkeitsperspektive zu einem zentralen Element der politischen Forderungen werden müsse. Grundbedürfnisse müssen gesichert, Ökosysteme geschützt, soziale Folgen abgefedert und Konflikte fair bearbeitet werden. Ohne diesen Fokus drohen soziale Spannungen und politische Blockaden.

Abschließend versteht der Bericht Wasser als verbindendes Element zwischen Klima-, Biodiversitäts- und Entwicklungszielen. Die kommenden UN-Wasserkonferenzen und das Jahr 2030 gelten als entscheidende Zeitfenster, um das Konzept der Wasser-Insolvenz in globale Politik zu integrieren.
Auf das Überschreiten des Kipppunktes reagieren
Der Bericht fordert deshalb einen grundlegenden Kurswechsel in der globalen Wasserpolitik. Statt Krisenmanagement mit dem Ziel, zum alten Zustand zurückzukehren, braucht es ein transformierendes Management, das Irreversibilität anerkennt.
Die Botschaft ist klar: Die Welt lebt bereits über ihre wasserwirtschaftlichen Verhältnisse – das anzuerkennen ist kein Aufgeben, sondern die Voraussetzung für einen realistischen und nachhaltigen Neuanfang.
Wie bei einer finanziellen Insolvenz geht es darum, Verluste offen zu benennen, unrealistische Erwartungen aufzugeben und neue, tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen – durch eine Kombination aus Vermeidung weiterer Schäden und Anpassung an neue hydrologische Realitäten. Dieser Punkt dürfte auf der UN Wasser Konferenz vom 2. bis 4. Dezember 2026 in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebhaft diskutiert werden.
Ob es auch zu tragfähigen Lösungen kommen wird? Solange die Weltpolitik in der Hand von erratisch handelnden Autokraten liegt und die neue weltpolitische Ordnung nicht dem Streben nach Frieden und Gerechtigkeit, sondern nach Macht und Reichtum untergeordnet wird, sind Zweifel mehr als berechtigt.
Quellen und Weiterführendes
- Global Water Bankruptcy: Living Beyond Our Hydrological Means in the Post Crisis Era, Kaveh Madani (2026). Global Water Bankruptcy: Living Beyond Our Hydrological Means in the Post Crisis Era. United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU INWEH) (Dateigröße ca. 45 Mb).
- Water Conflict Chronology, Pacific Institute
- As water becomes a weapon of war, we must focus on cooperation and peace, Peter Gleick, Guardian
- Zentral-Asien am Scheideweg: Wasserkrise als tickende Zeitbombe, LebensraumWasser, Mai 2025
- Wie kann das Sterben des Toten Meeres verhindert und der „Wasserfrieden“ gesichert werden?, LebensraumWasser, 2021
- Marokkos Regierung kämpft gegen die Wasserarmut, um Verteilungskämpfe zu verhindern , LebensraumWasser, 2017
- Wasser als Waffe gegen den Krieg , LebensraumWasser, 2017
- Wasserkrisen beinhalten Risiken mit gravierendsten Auswirkungen, LebensraumWasser, 2015



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