Wie kann das Sterben des Toten Meeres verhindert und der „Wasserfrieden“ gesichert werden?

Das Tote Meer stirbt. Der Wasserspiegel des am tiefsten gelegenen Binnenmeeres der Erde sinkt unaufhaltsam. Sein natürlicher Zufluss aus dem Norden, der Jordan, leidet unter dem Wasserbedarf von Städten und Landwirtschaft. Zur Rettung soll das Tote Meer einen neuen Zufluss erhalten: Wasser aus einer geplanten Meerwasserentsalzungsanlage am jordanischen Ufer des Roten Meeres in Aqaba. Eine überlebenswichtige Anlage auch für die wachsende Bevölkerung in Jordanien. Das Wasser soll der geplante „Red Sea-Dead Sea-Kanal“ liefern. Experten sehen das ökologische Gleichgewicht in beiden Meeren bedroht, denn die Folgen für die Natur und die Wasserchemie scheinen unabsehbar. Und dennoch: Israel und Jordanien und das palästinensische Volk brauchen das Wasser in der Wüste.

Angesichts des gegenwärtigen Konflikts zwischen den Palästinensern und Israel könnte die Realisierung eines derartigen Kooperationsprojekts eine neue Grundlage bieten und den Weg in eine friedliche Zukunft weisen. Denn das Sterben des Toten Meeres trifft die Palästinenser, Jordanien und Israel gleichermaßen. Wasser kann das verbindende Element in Richtung Frieden sein. Aber eine Einigung steht aus. Das Projekt liegt auf Eis. Der Versuch einer Bestandsaufnahme ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Das sterbende Tote Meer und die Folgen

Das Tote Meer ist einzigartig. Es gibt keinen zweiten Ort wie diesen auf der Erde. Seine Salzstrände waren die Kulisse für die großen Dramen des Alten Testaments und die Quelle für Kleopatras legendäre Schönheitspflege. Bis heute regen sein blaugrünes Wasser und die extreme chemische Beschaffenheit die Fantasie der Reisenden an. Doch das Tote Meer stirbt. Mit ihm sterben auch seine Uferregionen.

Der Wasserspiegel des Toten Meeres sinkt in einem alarmierenden Tempo. Im Jahr 1970 lag der Wasserspiegel noch rund 389 m unter dem Meeresspiegel, im Jahr 2012 bereits 426 m. Damit sinkt der tiefste Punkt der Erde immer weiter ab. In den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat sich die Oberfläche des Sees um ca. ein Drittel verkleinert und jedes Jahr sinkt der Wasserstand um weitere 100 Zentimeter. Experten gehen davon aus, dass das salzigste Meer der Erde bis zum Jahr 2050 austrocknen und ökologische, soziale und wirtschaftliche Ruinen hinterlassen wird. Dadurch kommt es zu einem Druckverlust, der dazu führt, dass das Grundwasser aus den umliegenden Gebieten in Richtung des Toten Meeres fließt. Durch dieses Phänomen wird sich die Wasserknappheit in einer schon seit Generationen unter der massiven Trockenheit leidenden Region im Zuge des Klimawandels und des Bevölkerungswachstums in Israel, Jordanien und dem Westjordanland noch weiter verschärfen. Nur 80 km entfernt, jenseits der Grenze, in Amman, Jordanien, hat der Wassermangel in der Region ebenfalls eine gefährliche Schwelle erreicht. Denn die Bevölkerung ist von 900.000 Menschen in den 60er Jahren, auf mehr als 10 Millionen Menschen gestiegen. Mehr als eine Million Kriegsflüchtlinge aus Syrien haben Zuflucht in Jordanien gesucht. Eine Ende der Wasserkrise ist unter den gegebenen Umständen nicht in Sicht.

Auch die Ufer des Toten Meeres sind von dem Rückgang des Wassers massiv betroffen. So zieht sich das Wasser nicht nur zurück, sondern hinterlässt auch tiefe Krater. Im Untergrund haben sich geschützt vom Salzwasser Salzkavernen gebildet. Sobald die Uferflächen frei liegen, dringt Süßwasser in die Salzhöhlen ein und bringt diese zum Einsturz. Zurückbleiben riesige Krater, die jegliche Infrastruktur mit in die Tiefe reißen und das Leben für Menschen in den betroffenen Regionen unmöglich machen. Massiv betroffen davon ist der bisher prosperierende Tourismus am Toten Meer. Die Bedrohung dieser bedeutenden Einnahmequelle eint die beiden Staaten am Ufer des Toten Meeres: Israel und Jordanien.

Totes Meer und seine Zuflüsse (Q: Google Maps)

Ursachen für den Rückgang des Toten Meeres

Der Hauptgrund für den Rückgang des Toten Meeres ist der abnehmende Zufluss von Süßwasser aus dem Jordan, der den im Norden gelegenen See Genezareth mit dem Toten Meer verbindet. Israel hatte in den 60er Jahren ein Nationales Wasserversorgungssystem, den National Water Carrier, errichtet und diese 130 Kilometer lange Verbindung mit dem Wasser des Jordan gespeist. Wasser, das einst hinunter ins Tote Meer floss, versorgte stattdessen die Städte an der Mittelmeerküste sowie in die Negev-Wüste, um dortigen Siedlern landwirtschaftlichen Anbau zu ermöglichen. Im Vergleich zu 1950 sind die Wassermengen des Jordan von 1,2 Milliarden Kubikmeter im Jahr auf nur noch 0,2 Milliarden zurückgegangen. So verliert allein der Untere Jordan auf seinen Weg in das Tote Meer über 96 Prozent seines Wassers an die Anrainerstaaten Israel, Jordanian und an das Palästinensische Westjordanland, die die dringend benötigten Ressourcen für die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung abzweigen.

Auch die Industrie trägt zu dem Wasserrückgang des Toten Meeres bei. Die Arab Potash Company sowie die israelischen Dead Sea Works des global agierenden Mineralstoff-Konzern ICL gewinnen am Toten Meer neben Kali, für die Düngemittelproduktion, eine Reihe weiterer Mineralstoffe wie Magnesiumchlorid, Tafelsalze und Bromid. Für den Zugang zu diesen Ressourcen, haben sowohl Israel als auch Jordanien den südlichen Teil des Toten Meeres in eine Reihe künstlicher Verdunstungsteiche verwandelt. Für die Gewinnung mittels Verdunstung wird Wasser aus dem abgegrenzten Nordteil abgezogen, was zur dortigen Verlandung beiträgt. Im Gegenzug sichern die Unternehmen die wirtschaftliche Prosperität der Region, die Rohstoffunabhängigkeit und schaffen Arbeitsplätze.

Wie das Tote Meer gerettet werden soll

Um das Tote Meer vor dem Austrocknen zu retten, arbeiten die Regierungen aus Israel und Jordanien in offenkundig unterschiedlicher Intensität an einem Konzept für einen Kanal zwischen dem Roten Meer und dem Toten Meer. Zweiter Schwerpunkt des Projekte ist eine Meerwasserentsalzungsanlage in der Nähe von Aqaba. Nach der Erzeugung von Trinkwasser wird die verbleibende hochsalzhaltige Flüssigkeit per Pipeline in das Tote Meer geleitet, wobei zwei Wasserkraftwerke im Verlauf der Pipeline jenen Strom erzeugen sollen, den die energieintensive Meerwasserentsalzung benötigt.

Die Idee eines Kanalbaus zwischen dem Toten Meer und dem Roten Meer ist alt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war ein solcher Kanal als Verkehrsweg und zur Energiegewinnung im Gespräch. Im Jahr 2002, als Israel und Jordanien den Plan als „Friedenskanal“ auf dem Weltgipfel in Johannesburg vorstellten, bekam die Idee neues Gewicht. Kurze Zeit später unterstützte auch die Palästinensische Autonomiebehörde den Plan und im Mai 2005 erklärten sich die drei Anrainerstaaten dazu bereit, eine Studie zur Machbarkeit eines solchen Kanals zu unterstützen. Die Studie wurde mit Hilfe der Weltbank durchgeführt und durch einen Multi-Geber-Treuhandfonds finanziert, der im Dezember 2006 gegründet wurde. Vor kurzem veröffentlichte die Weltbank eine Studie zu diesem Kanal, die bestätigt, dass das Projekt ökonomisch, ökologisch und sozial verträglich sei.

Das Projekt würde Trinkwasser für Jordanien produzieren und in einer ersten Stufe 235 Millionen Kubikmeter Sole und Meerwasser in das Tote Meer liefern. In der zweiten Phase würde der Zufluss auf 700 Millionen Kubikmeter erhöht, wodurch die Schrumpfung des Toten Meeres umgekehrt oder zumindest stabilisiert werden soll. Gemäß einem Abkommen aus dem Jahre 2015 würde Israel 35 Milliarden Kubikmeter Trinkwasser aus der Entsalzungsanlage für seine südlichen Regionen beziehen und damit auch die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen versorgen können.

Forscher verweisen auf die Risiken

Das Problem aber sind die ökologischen Unwägbarkeiten. Kaum jemand kann heute beurteilen, wie sich die Mischung des Wassers aus dem Toten Meer mit der Sole aus der Meerwasserentsalzung vertragen wird. Die Forscher befürchten eine Veränderung der Wasserqualität. Wie der Sender ARTE berichtet, werde das stark Kalzium-haltige Tote Meer mit dem Sulfat-haltigen Roten Meer vermischt. Das könnte zu einer Weißtrübung führen. Aber auch das Vermischen des mit 34 Prozent stark salzhaltigem Toten Meer mit dem sechsprozentigen Salzgehalt der Sole birgt Risiken. Auch die Fauna und Flora an der Entnahmestelle des Roten Meeres könnten leiden. Das Projekt könnte das ökologische Gleichgewicht in einer ehemüde schon bedrohten aquatischen Umwelt unwiederbringlich zerstören.

Hinzu kommt die Gefahr von Erdbeben. Tektonische Erschütterungen könnten die Sole-Leitung zum Bersten bringen. Dadurch könnte das austretende Salzwasser die Grundwasserreservoirs Israels versalzen. Die Forscher verweisen warnend auf frühere schwere Erdbeben in der Region und schließen baldige Katastrophen nicht aus.

Wie geht es weiter mit der Rettung?

„Alternativlos“ könnte man dieses Projekt bezeichnen, wenn die gegenwärtige Entwicklung am Toten Meer zum Maßstab des Handelns gemacht würde. Sicher, es gibt auch Vorschläge, den Zufluss aus dem Jordan zu steigern oder Wasser aus dem Mittelmeer in das Tote Meer zu leiten. Aber die beiden alternativen Konzepte haben die Verhandlungstische noch nicht erreicht. Somit konzentriert sich die Hoffnung auf das Red Sea-Dead Sea-Projekt, also der Zufluss aus dem Süden. Ein Teil davon, die Meerwasserentsalzung am Roten Meer in Aqaba, erscheint unverzichtbar. Denn nicht nur das Tote Meer benötigt dringend Wasser. Medienberichten zufolge bereitete die jordanische Regierung angesichts ausbleibender Regenfälle und eines erwarteten heißen Sommers die Bevölkerung auf Restriktionen vor. Denn die Talsperren liegen aktuell bei nur 42 Prozent ihrer Speicherkapazität und die Grundwasserspeicher werden angesichts des immer häufiger ausbleibenden Regens übernutzt. Jordanien hat 12 Grundwasserreservoire, zehn von ihnen sind so gut wie erschöpft. Damit nimmt der Wasserstress in Jordanien eine überaus kritische Dimension an. Die Menschen dort müssen mit weniger als 1 Prozent des global durchschnittlichen Wasserdargebots auskommen.

Die Ausgangssituation könnte dramatischer kaum sein. Die Region ist ein dauerwährendes Pulverfass. Eine Lösung unabdingbar. Und dennoch scheinen die Beteiligten keinen gemeinsamem Weg zu finden. Im Gegenteil: Die Beziehungen zwischen Jordanien und Israel haben einen Tiefpunkt erreicht, nachdem es im letzten Jahr zu diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und König Abdullah II kam. Der letzte derartige Vorfall wurde erst am 12. April 2021 gelöst, als Netanjahu Ammans Antrag auf zusätzliche Wasserrationen aus dem Jordan genehmigte, fast einen Monat nachdem die jordanische Regierung darum gebeten hatte.

Daher überrascht es nicht, dass es still ist um den Red Sea-Dead Sea-Kanal. Von Seiten der arabischen Vertreter wird befürchtet, dass die Israelis kein Interesse mehr an der Realisierung hätten. Im September 2020 hat der jordanische Außenminister Ayman Safadi mit dem israelischen Außenminister Gabi Askenazi erörtert. Wie die Gespräche ausgegangen sind war nicht zu erfahren. Jedenfalls berichten die Medien nicht über Fortschritte. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen zwischen der palästinensischen Hamas und Israel tragen sicher nicht zur Entspannung bei. Es dürfte also wieder lange dauern, bis eine Fortsetzung erwartet werden kann.

Anders dagegen das Projekt zum Bau der Meerwasserentsalzungsanlage in Jordanien. Arabischen Medien zufolge sollen die Projektvorbereitungen ein Endstadium erreicht haben. Aktuell würde die Unternehmen ausgesucht, die mit der Errichtung der Anlage beauftragt werden sollen. Hierzu verlautbarte der jordanische Minister für Wasser und Bewässerung, Motasem Saedan, gegenüber einer lokalen Nachrichten-Website im Dezember 2020, dass die Arbeiten zum Bau einer Wasserentsalzungsstation in Aqaba in Kürze beginnen sollten. Ab 2025 könnte die Anlage Trinkwasser in die Hauptstadt Amman pumpen.

Beim Red Sea-Dead Sea-Kanal war der jordanische Minister aber ernüchtert. “Die Versuche, das Tote Meer zu retten, scheinen nirgendwohin zu führen”, resümierte er enttäuscht. Der Leiter der jordanischen Delegation bei den Gesprächen über das Red Sea-Dead Sea-Projekt mit Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde, Abu Hammour, erklärte Ende 2020 rückblickend: „Wir haben die Hoffnung auf die Rettung des Toten Meeres verloren, seit die Gespräche über das Wassertransportprojekt zwischen Jordanien und Israel seit 2017 eingestellt wurden„.

Eine Meerwasserentsalzungsanlage wie sie in Amman am Roten Meer entstehen soll (Anlage Ashkelon Israel – Foto: Gendries)

Quellen / Weiterführendes

Beitragsfoto: Gendries

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