NRW-Wasserwirtschaft braucht mehr Rückenwind. Umweltwirtschaftsbericht NRW heute in Essen vorgestellt.

Angesichts der Ressourcenintensität der Wasserver- und Abwasserentsorgung wächst der Bedarf an Innovationsanstrengungen. Davon sollte auch NRW profitieren können. Die wasserwirtschaftliche Daseinsvorsorge in Nordrhein-Westfalen greift auf eine in über 100 Jahren „historisch gewachsenen infrastrukturelle Systemarchitektur“ zurück und ergänzt sie durch zahlreiche Innovationen auf der gesamten Wertschöpfungskette. Denn obwohl die Struktur große Sicherheit gewährt und hohe Standards in der Ver- und Entsorgung gewährleistet, erfordern die Herausforderungen aus sich ändernden Rahmenbedingungen kontinuierliche Produkt- und Verfahrensinnovationen, um die Aufgaben der Daseinsvorsorge auch zukünftig sicher zu bewältigen. Von dieser Entwicklung könnten die heimische Qualität der Daseinsvorsorge und die Exportwirtschaft profitieren. Um die NRW-Wasserwirtschaft ging es heute auch, als Landesumweltministerin Christina Schulze Föcking in Essen den Umweltwirtschaftsbericht NRW 2017 vorgestellt hat. „Die Umweltwirtschaft in Nordrhein-Westfalen ist bundesweit die Nummer Eins und bereits heute ein Global Player. Umwelttechnologien sind Wachstumstreiber und Beschäftigungsmotoren für nordrhein-westfälische Unternehmen. Nordrhein-Westfalen ist der größte Anbieter von Produkten und Dienstleistungen der Umweltwirtschaft in Deutschland. Und das Entwicklungspotenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Zwei Prozent der weltweiten Patente stammen aus der NRW-Umweltwirtschaft“, erklärte Schulze Föcking in Essen im Rahmen des ersten „Netzwerk-Summit Umweltwirtschaft.NRW 2017“. Trotz dieser guten Ergebnisse in der gesamten Umweltwirtschaft gibt es Anlass zur Neuorientierung in der Wasserwirtschaft.

Veränderungsdruck fördert die Innovationsbereitschaft

Die Wasserwirtschaft steht gewaltigen Veränderungen gegenüber: Immer mehr Menschen zieht es in die Städte und in die städtischen Ballungszentren. Der ländliche Raum hat teilweise unter Abwanderung zu leiden und die verbleibenden Menschen über steigende spezifische Kosten der Infrastrukturnutzung. Der Klimawandel führt vermehrt zu extremen Wetterereignissen wie Starkregen oder auch Dürreperioden. Hier ist die Wasserwirtschaft gefragt, sie muss Lösungen bereit stellen. Die Fortschritte in der Analytik und in der Medizin, begleitet von einer alternden Gesellschaft, führen zur Feststellung eines zunehmenden Anteils von kritischen Substanzen im Grundwasser und den Gewässern, beispielsweise Nitrate oder andere Spurenstoffe aus Arzneimitteln, Kosmetika, landwirtschaftlichen oder industriell genutzten Chemikalien. All dies befördert einen Veränderungsdruck für die nordrhein-westfälische Wasserwirtschaft und ist zugleich und in noch größerem Maße von weltweiter Bedeutung für die Branche.

Nachfrage auf dem Heimatmarkt und in vielen Weltregionen angesichts steigender Wassernachfrage

Die Nachfrager für technologische Entwicklungen sind in der nordrhein-westfälischen Wasserwirtschaft, aber auch in den internationalen Märkten finden. Sie bestimmen die Innovationen in der Ver- und Entsorgung der global immer bedeutender werdenden Ressource. Da die Nachfrage nach Wasser steigt und die Ressourcenvorräte in einer zunehmenden Anzahl von Regionen schwinden, wächst auch die Nachfrage nach technologischen Lösungen für eine effizientere Wassernutzung. Dabei geht es auch um die Qualitätssicherung, denn je besser die Qualität des aufbereiteten Abwassers, umso einfacher die Widernutzung des Wassers. Daher nehmen Abwasserbehandlungsverfahren eine vorrangige Rolle in der technologischen Entwicklung in NRW ein, etwa die 4. Reinigungsstufe für Kläranlagen, die Ozonierung, der Einsatz von Aktivkohle oder die Membrantechnik. Moderne Technologien, wie die Nanotechnologie oder Ultrafiltrationen, oder neuartige Ansätze, etwa zur Phosphorrückgewinnung, sind ebenfalls von großer Bedeutung. Andere Innovationsthemen zeugen von Potenzial für die Umweltwirtschaft, beispielsweise die energieeffiziente Abwasserbehandlung und diverse Filtermedien aus innovativen Materialien.

NRW verliert den Anschluss an den Weltmarkt – die Chancen machen Mut 

Trotz der insgesamt positiven Entwicklungsperspektiven entwickeln sich bei der Wasser- und Abwasserinfrastruktur die Exporte aus Nordrhein-Westfalen stark rückläufig. So ist der Weltmarktanteil der Wasserwirtschaft aus NRW von 2010 bis 2015 um jährlich 2,9 % gesunken. Ähnlich hoch der Rückgang der Wassertechnologischen Patentanmeldungen an der Umweltwirtschaft insgesamt (siehe Tabelle). Die Perspektiven bleiben gut, bestehen doch in vielen Ländern aufgrund der hohen internationalen Nachfrage deutliche Marktchancen. Zunahme bei den Exporten aus Nordrhein-Westfalen verzeichnen Monitoring und Analyseverfahren, Wasser- und Abwassermanagement. „Es entsteht der Eindruck, dass sich der Exporthandel von Nordrhein-Westfalen in der Wasserwirtschaft auf der Basis von Kompetenzen im Innovationsthema Wasser 4.0 neu ausrichtet“, so die Schlussfolgerung des Berichts.

NRW-Wasserwirtschaft braucht mehr Wahrnehmung 

NRW braucht mehr eigene Kraft und die Unterstützung aus der Politik, um bei dem existentiellen Zukunftsthema Wasserwirtschaft in der Weltspitze mitspielen zu können. Viele Länder wachsen aufgrund der eigenen Herausforderungen bei der Wasserwirtschaft über sich hinaus und werden zu starken Wettbewerbern. Wie der Bericht belegt, haben wir in NRW Spitzenunternehmen und „Hidden Champions“ in der Wasserwirtschaft zu bieten. In der Tat kann unter Wasser 4.0 eine neue Nachfragedynamik entstehen, die wir NRW’ler uns zu Nutze machen können. Aber verglichen mit den Global Player im Wassermarkt gibt es für NRW-Unternehmen Wahrnehmungsdefizite.

Es könnte auch ein „Henne und Ei“-Problem sein. Die Binnennachfrage ist vielen Sektoren ausschlaggebend für die technologische Entwicklung und die Exportstärke. Bei Wasser und Abwasser scheint die Branche nachfrageseitig in einer Phase der Neuorientierung. Viele Innovationsthemen sind noch unter Beobachtung. Die Phosphorrückgewinnung konkurriert gegen die Klärschlamm(mit)verbrennung und die 4. Reinigungsstufe bei den Kläranlagen hat noch Pilotcharakter. Wenn es hier anwendungstechnisch und gesetzlich Klarheit gibt, kann die Branche durchstarten. Da warten Milliardeninvestitionen. Ja, und auch das darf nicht verschwiegen werden, dieses müssen bezahlt werden. Preis- und Gebührensteigerungen lassen sich allein mit steigenden Effizienzen in Folge der Modernisierungen nicht vermeiden. Aber wenn die Investitionen unvermeidlich sind, dann heimisches Know-how. Besser eine starke heimische Wasserindustrie schaffen, als Technologien aus China, USA oder Israel einkaufen zu müssen. Die heutige Konferenz könnte ein Auftakt sein, für einen neuen Rückenwind in der NRW-Wasserwirtschaft.

Hier geht es zum Umweltwirtschaftsbericht Nordrhein-Westfalen 2017

Veranstaltungshinweis: An dieser Stelle ein Hinweis auf die Mülheimer Tagung am 1.3.2018, die sich mit dem Zukunftsthema „Digitalisierung in der Wasserwirtschaft“ befasst.

 

 

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