Spurenstoffe im Wasser und wie ein hessisches Wasserwerk seine Kunden aufklärt

2018 dürfte das „Jahr der Spurenstoffe im Wasser“ werden. Bundesregierung und Regionen wie beispielsweise das Hessische Ried haben für nächstes Jahr Spurenstoffstrategien angekündigt. Damit soll den zunehmenden Mikrokonzentrationen von Medikamenten und anderen anthropogenen Stoffen im Wasser entgegen gewirkt werden. Von allen Akteuren wird betont, dass der Kommunikation eine wichtige Bedeutung beigemessen werden soll, um überzogenen Ängsten entgegen zu wirken und eine breite Plattform für die Bewältigung der Probleme zu schaffen. Ein Versorger aus Hessen, der Zweckverband Wasserwerk Genauer Land, hat seine Kommunikation schon auf diese Ziele ausgerichtet. Unter dem Titel „Transparente Trinkwasserqualität“ bietet der Regionalversorger seinen rund 65.000 Kunden im Hessischen Ried ein weit reichendes Informationsangebot über Spurenstoffe im Grund- und Trinkwasser an. Bisher noch eine Besonderheit in der Branche sind die Angaben zu den Konzentrationen der gefundenen Spurenstoffe im Grundwasser und Trinkwasser auf der soeben neu gestalteten Website. Damit soll einerseits durch Transparenz das hohe Vertrauen in die Trinkwasserqualität gestärkt und anderseits an die Verantwortung und Mitwirkungsbereitschaft gegen den Spurenstoffeintrag durch Verbraucher, Industrie und Landwirtschaft appelliert werden.

Wo liegt das Problem der Spurenstoffe?

Der medizinische Fortschritt bringt immer mehr Medikamente hervor. Die Kehrseite der Medaille: Immer mehr Wirkstoffe und Abbauprodukte aus Arzneimitteln gelangen in unsere Gewässer. Dank modernster Analysetechnik können mittlerweile Konzentrationen von Millionstel Gramm in einem Liter gemessen werden. Wegen dieser geringen Konzentrationen werden sie als „Spurenstoffe“ bezeichnet. Die kommunalen Kläranlagen sind aktuell nicht in der Lage, alle Stoffe zurück zu halten; das macht viele Verbraucher unsicher. Geschürt werden diese Sorgen durch vereinzelte Medienberichte. Wir müssen uns daher nicht nur mit den Stoffen, sondern auch mit der richtigen Kommunikation über deren Auftreten im Wasser auseinandersetzen. Auch Konsumgewohnheiten bringen derartige Stoffe in den natürlichen Wasserkreislauf, die dort nicht hingehören. Weil sie von uns Menschen eingetragen werden, werden sie als anthropogene Spurenstoffe bezeichnet. Hierzu gehören beispielsweise Süßstoffe, Reinigungsmittel und Pestizide.

„Transparente Trinkwasserqualität“ – ein Informationsangebot des Wasserwerks Gerauer Land

Das Wasserwerk Gerauer Land hat seine soeben neu gestaltete Website um ein umfangreiches und verbraucherorientiertes Informationsangebot zur Trinkwasserqualität und zum Gewässerschutz erweitert. Neben zwei Grafiken zum natürlichen Wasserkreislauf und zum Einzugsgebiet des Grundwassers, bieten häufig gestellte Fragen und Antworten (FAQ) Hintergrundinformationen und Wissenswertes zum Grundwasser und Trinkwasser. Ein wesentlicher Schwerpunkt der FAQ ist das Thema Spurenstoffe im Wasser. Ein Höchstmaß an Transparenz bieten zwei Tabellen mit Analysedaten zu Spurenstoffen im Grundwasser und im Trinkwasser. Von dieser Offenheit verspricht sich der Versorger noch mehr Kundenzufriedenheit. Die Bürgermeister und die politischen Vertreter der Verbandsversammlung zeigten sich nach der Vorstellung des Konzeptes und der neuen Website am 23.11.2017 in Büttelborn begeistert und hoffen, dass sich die Verbraucher nicht verunsichern lassen und ihren Beitrag zur Vermeidung leisten. So soll in Kürze eine Aufklärungskampagne über die richtige Entsorgung von Medikamenten gestartet werden.

Website des Wasserwerks Genauer Land – Auszug Spurenstoffe

Verbraucheraufklärung über Spurenstoffe 

Wie wichtig gerade die Verbraucher-Aufklärung beim Thema Spurenstoffe sein wird, erklärt Dr. Arnold Quadflieg aus dem Hessischen Umwelt- und Verbraucherschutz-Ministerium in der aktuellen Energie Wasser Praxis, einem Fachmagazin in der Wasserwirtschaft: „Auch unter Beachtung des Minimierungsgebotes sind Ansprüche Dritter an eine Null-Emission und -lmmission von Spurenstoffen für Wasserressourcen weder realistisch nachverhältnismäßig  Es bedarf – mit Blick auf den Verbraucher – einer objektiven Kommunikationsstrategie der Wasserwirtschaft, um offensiv Verunsicherungen der Öffentlichkeit durch einseitig eine auf Sensation ausgerichtete mediale Berichterstattung begegnen zu können.

Auch wenn die mediale Berichterstattung heute überwiegend sachlich und aufklärend gehalten ist, so zeigt die jüngste Nitratdiskussion, wie schnell Skandale entstehen. Ähnliche Ausreißer gab es kürzlich, nachdem die Berliner Wasserbetriebe über Blutdrucksenker berichtet hatten. Vereinzelte Medien titelten daraufhin mit Vergiftungsrisiken vermutlich weniger um Information, als vielmehr um Wahrnehmung bemüht. Auch wenn sich die Wasserversorger zu Recht fragen, warum sie die Informationsverantwortung tragen sollen, so müssen sie berücksichtigen, dass ihr Image – oder besser das Ihres Produktes – von einer möglichen Spurenstoff-Hysterie bedroht wären. Insoweit sollten sie sich vorsorglich eine Krisenkommunikation zurecht legen, besser aber noch eine aktive Verbraucheraufklärung zu diesem vermutlich unvermeidbaren Thema entwickeln.

Die Presseberichterstattung über die Verbandsversammlung in Büttelborn

Die Presseberichterstattung über die Verbandsversammlung in Büttelborn

Auch Friedrich Reh, Leiter Wasserwerke bei der Gelsenwasser AG, prognostiziert Kommunikationsbedarf: „Auch das Thema Spurenstoffe wird uns zunehmend fordern, nicht nur in der Frage der Vermeidung, sondern auch kommunikativ. (….) Das „neue“ Wissen über die unerwünschten Inhaltsstoffe unseres Trinkwassers darf den Verbraucher nicht verunsichern. Hier muss das Wünschenswerte, nämlich, dass wir diese Stoffe nicht im Trinkwasser haben wollen, von einer toxikologischen Bewertung getrennt werden. Nur wenn Wasserversorger und Behörden hierbei eng zusammenarbeiten und transparent kommunizieren, werden uns die Menschen auch in Zukunft vertrauen.“ Gelsenwasser hat für seine Kunden ebenfalls eine weit reichende Spurenstoff-Kommunikation aufgebaut. Alle analysierten und aufgefundenen Werte werden in einem sehr umfassenden Tabellarium aufgeführt. Die lokale Presse ECHO hat mittlerweile sehr sachlich über die Veranstaltung und die Initiative berichtet (zum Beitrag).

Nur weil ein Stoff im Wasser festgestellt werden kann, hat er nicht zwangsläufig auch gesundheitliche Relevanz.

Der Gesetzgeber hat mit der Trinkwasser-Verordnung festgelegt, wie Trinkwasser für den menschlichen Gebrauch beschaffen sein muss. Das Trink­was­ser muss demnach mi­kro­bio­lo­gi­sche, che­mi­sche und ra­dio­lo­gi­sche An­for­de­run­gen er­fül­len, de­ren Kon­zen­tra­tio­nen eine Schä­di­gung der mensch­li­chen Ge­sund­heit „bei ei­nem le­bens­lan­gen Ver­zehr nicht be­sor­gen“ las­sen. Da es für anthropogene Spurenstoffe – mit Ausnahme der Pflanzenschutzmittel – in der Regel keine gesetzlichen Grenzwerte für das Trinkwasser gem. Trinkwasser-Verordnung gibt, sind vom Umweltbundesamt „gesundheitliche Orientierungswerte (GOW)“ festgelegt. Der GOW ist ein Vorsorgewert für (noch) nicht bewertbare Stoffe. Der GOW wird für einen Stoff so niedrig angesetzt, dass auch bei lebenslanger Aufnahme der betreffenden Substanz kein Anlass zur gesundheitlichen Besorgnis besteht. Im Rahmen von Vorsorge-Untersuchungen im Hessischen Ried wurden Grund- und Rohwasserbrunnen untersucht. In diesen Wässern waren teilweise anthropogene Spurenstoffe nachzuweisen. Die hessische Landesregierung kann die Verbraucher beruhigen: „Im abgegebenen Trinkwasser aus dem Hessischen Ried werden gegenwärtig keine GOW überschritten“, erklärte sie im Mai 2017 auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion. Auch wenn das zunächst besänftigend klingt, so gibt es keinen Grund, sich zurück zu lehnen. Viele Stoffe müssen deshalb schon bei ihrem Eintrag in den Wasserkreislauf zurückgehalten werden. Nur auf die modernen Kläranlagen mit einer 4. Reinigungsstufe zu setzen, könnte uns teurer zu stehen kommen. Weil sie einerseits die Abwassergebühren in die Höhe treiben und anderseits sich manche Stoffe von den Kläranlagen nicht zurückhalten lassen.

Quellen:

  • Website des Wasserwerks Genauer Land
  • Antwort der Hessischen Landesregierung auf die Kleine Anfrage zu Spurenstoffen
  • Lebensraumwasser Beitrag – Den Spurenstoffen auf der Spur – Gemeinsame Handlungsempfehlungen
  • Umweltbundesamt Toxikologie des Trinkwassers
  • Gelsenwasser Spurenstoff Kommunikation

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