Spurenstoffe in Gewässern – Gemeinsame Handlungsempfehlungen zur Vermeidung

„Den Spurenstoffen gemeinsam auf der Spur.“ In bemerkenswerter Eintracht haben Industrie, Forschungsinstitute und Wasserwirtschaft in den vergangenen Monaten auf Initiative des Bundesumweltministeriums darüber diskutiert, wie so genannte Spurenstoffe aus Gewässern zurückgehalten werden können. Heute wurden dem Staatssekretär Jochen Flasbarth, stellvertretend für das Bundesumweltministerium, die politischen Handlungsempfehlungen („Policy Paper“) überreicht. Damit bekommt eine Herausforderung Konturen, die eine Gruppe allein nicht lösen kann. Der nachfolgende Bericht gewährt einen kurzen Blick in das am 27. Juni 2017 veröffentlichte Policy Paper.

„Spurenstoffe“ kommen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor

Wer VerbraucherInnen nach den Begriff „Spurenstoffe“ befragt, wird vermutlich nur Achselzucken statt einer Antwort erhalten. In letzter Zeit häufen sich allerdings Berichte über das Vorkommen von Körperpflegemitteln oder Medizinrückstände bzw. chemische Bestandteile in den Gewässern. Noch kommen sie in nur sehr geringen Konzentrationen in Gewässern vor und stammen aus vielfältigen Produkten wie z. B. Biozide, Human- und Tierarzneimittel, Pflanzenschutzmittel, Industriechemikalien oder Körperpflege- und Waschmittel. Jeder kann sich vermutlich vorstellen, wie er selbst zum Eintrag beiträgt. Neben den Verbrauchern sind es aber auch die Industrie und klinische Einrichtungen die ihr Scherflein dazu beitragen; gerade von letzteren stammen Medikamentenrückstände. Wenn in Bürgerbefragungen nur weniger als 5 Prozent in benannten Spurenstoffen wie Medikamente ein Problem sehen, bedeutet das nicht, dass nichts dagegen getan werden muss. So sehen es auch die Bundesregierung und die Europäische Union. Die Bundesregierung hat daher einen Strategieprozess zum Schutz der Gewässer vor anthropogenen Spurenstoffen angestoßen. Als Vorbereitung wurde am 7. November 2016 ein Stakeholder-Dialog zur „Spurenstoffstrategie des Bundes“ gestartet. Heute wurde das Ergebnis des Dialoges präsentiert. Worum geht es?

Ziel der Strategie wird es sein, den Eintrag von Spurenstoffen in die aquatische Umwelt zu vermeiden bzw. zu vermindern. Der VKU, Teilnehmer am Dialogprozess, erklärt aus Sicht der Wasserwirtschaft in seiner heutigen Pressemitteilung, warum Nichtstun uns alle treffen könnte: „Um unsere Trinkwasserressourcen bestmöglich zu schützen, müssen wir mit diesen Stoffen verantwortungsvoll umgehen und sie frühzeitig vermeiden, beziehungsweise zumindest reduzieren. Das ist umso wichtiger, da wir nach heutigem Stand wissen, dass wir nicht alle diese Stoffe mit der derzeitigen Aufbereitungstechnik aus dem Wasser wieder entfernen können.

Von Teilnehmern, wurde der Prozess als „Hart, aber fair“ bezeichnet. Das ist sicher nicht nur der zielorientierten Haltung der Teilnehmer, sondern auch der fundierten Vorbereitung und Steuerung der Workshops durch die Projektverantwortlichen, dem Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und dem IKU geschuldet. Genau deshalb darf auch mit vernünftigen Ergebnissen gerechnet werden. Denn dort saßen in vier Workshops Akteure zusammen, die nicht nur Verantwortung tragen, sondern auch gemeinsam handeln wollen. Das stimmt zuversichtlich. Die entwickelten Handlungsempfehlungen zielen auf Minderungsstrategien an den Quellen, in der Anwendung und auf der Basis nachgeschalteter Maßnahmen ab. Das bedeutet, die Industrie muss mitwirken, die Konsumenten und die Wasserwirtschaft. Und alle wollen. Daher wurden 14 Handlungsempfehlungen erarbeitet und weitgehend einstimmig beschlossen (siehe Abbildung). Diese finden sich jetzt in heute veröffentlichten Policy Paper (Anglizismus muss sein :-)). Danach geht es an die Konkretisierung.

Schwerpunkte setzen mit Liste gewässerrelevanter Spurenstoffe

Einer der zentralen Punkte der Handlungsempfehlungen liegt in der Einigung auf eine Stoff-Liste. Man will sich erst auf eine Auswahl an Stoffen einigen, auf jene, die eine hohe Bedeutung haben. Damit will man verständlicherweise vermeiden, jeden nur denkbaren Stoff zu untersuchen. Das würde zu lange dauern und unvertretbare Kosten erzeugen. In der Empfehlung steht dazu „(…) ist es notwendig, Spurenstoffe zu identifizieren, die eine hohe Relevanz hinsichtlich ihres Vorkommens in der Umwelt und ihrer human- bzw. ihrer öko-toxikologischen Eigenschaften besitzen“. Darin sieht der VKU ein wichtiges Ergebnis: „Eine Schlüsselstellung nimmt hierbei der Vorschlag ein, eine branchenbezogene Liste gewässerrelevanter Spurenstoffe zu erarbeiten. Nur so gibt es eine bundeseinheitliche Herangehensweise und die Diskussion über die Relevanz von Spurenstoffen kann versachlicht werden. Und nur so kann man verstärkt dafür sorgen, Einträge dieser relevanten Stoffe zu reduzieren.“ Man will sich aus das Wesentliche beschränken, um handlungsfähig zu werden. Das ist sicher gut so!

Es wird mehr Sensibilisierung nötig werden

Viele Anwendergruppen und Verursacher stehen unter erheblichem Kosten- und Zeitdruck. Wenn es um Arzneimittel geht, leuchtet dies beim Blick auf Beschäftigten in ärztlichen Praxen und klinischem Personal unmittelbar ein. Hier will die Handlungsempfehlung 3.2. ansetzen und „gezielte Information und Beratung von Fachpersonal und professionellen Anwendern zum Umgang mit Produkten, die relevante Spurenstoffe enthalten,“ anbieten, „um einen bewussteren Produktumgang zu ermöglichen.“ Es gibt Untersuchungen, die in Kliniken und Arztpraxen Schwachpunkte sehen (z.B. Sauber+). Zentral wird es darauf ankommen, den Betroffenen den Raum zu geben, sich mit den Themen zu befassen und sich risikoorientiert zu verhalten. In dem Mülheimer Projekt Merk’mal, bei dem es die Eintragsvermeidung von Röntgenkontrastmitteln  geht, sind lokale Kliniken die Mit-Initiatoren (siehe Beitrag „Wasserschutz an der Toilette“, Link unten).

Handlungsempfehlung aus dem Stakeholder-Dialog

Handlungsempfehlung aus dem Stakeholder-Dialog

Information, Information, Information 

Die Handlungsempfehlung „Informationsangebote verbessern und Kampagnen zu initiieren“ zielt darauf ab, die Bevölkerung umfassend über die Gewässerrelevanz von Spurenstoffen zu informieren und für einen nachhaltigen Umgang mit entsprechenden Produkten und ihrer umweltgerechten Entsorgung zu sensibilisieren. Hier sehen die vom FISI und IKU moderierten Autoren den Aufbau einer zielgruppenorientierten, professionellen Kommunikationsstrategie als notwendig an, um die Bevölkerung für die Spurenstoffthematik zu sensibilisieren und sie über mögliche eigene Handlungsoptionen zu informieren.

Die Information darf sicher nicht in einem solchen Konzept fehlen. Leider gibt es kaum ein Projekt, in dem dieser Aspekt nicht auch von zentraler Bedeutung gewesen wäre. Genauso leider zeigt sich wie so häufig, dass nach dem Ende des Projektes die Sensibilisierung und der Informationsstand ständig sinken. Es wird also hierbei nicht auf Kampagnen ankommen, auch wenn sie ‚verstetigt‘ sind, sondern auf anhaltende Wahrnehmungssteuerung und Verhaltensanstöße („Nudging“). Auch wird es darauf ankommen, gesellschaftliche Multiplikatoren zu finden, deren Verhalten bei der Masse der Bevölkerung als vorbildlich und nachahmenswert angesehen wird. So wie irgendwann einmal in Fernsehfilmen das Zigarette rauchen eingestellt wurde, sollten Medikamente im TATORT nicht mehr in der Toilette entsorgt werden. Hier müssen dann auch die Medien mitspielen und sich bei der Skandalisieren zurück halten. Die Medienanalyse bescheinigt den Medien hierbei Sachlichkeit „Die Berichterstattung zu anthropogenen Spurenstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf (mit Verbraucherbezug) in den Medien ist relativ sachlich und hat bisher nicht auf Skandalisierung gezielt.“ Das sollte hoffentlich auch so bleiben.

Überreichung der Policy Paper (BMUB/Thomas Imo)

Überreichung der Policy Paper an Staatssekretär Jochen Flasbarth (Foto: BMUB/Thomas Imo)

Kennzeichnungspflichten sind eher strittig

Dabei könnte eine Kennzeichnungspflicht für Produkte helfen, den Konsumenten und Anwendern Orientierung zu geben. Dieser Vorschlag wurde von der Industrie mit dem Hinweis auf bereits bestehende Kennzeichnungen mit einem Minderheitsvotum abgelehnt. Wenn man Konsumenten und Anwender informieren will, kommt man um entsprechende produktbezogene Hinweise nicht herum. Hier könnten sich aber auch Produkt-Apps, wie sie es beispielsweise für Nahrungsmittelzusatzstoffe bereits gibt, eignen. Problem ist nur, die Kennzeichnungen können nur dann wirken, wenn sie wahrgenommen werden und da schliesst sich der Kreis zur Kommunikation.

Jetzt geht es richtig los. 

Kommunikation sollte nicht darauf abzielen, das Problem zu adressieren, sondern auch Handlungswege und Lösungen aufzuzeigen. Wie ISOE in der Medienanalyse zu Spurenstoffen feststellt, wird konkretes Handlungswissen für Verbraucher in den Medien insgesamt eher selten vermittelt. Das sollte aber der Fall sein. In den Stakeholder-Dialog, und das mag nicht von allen begrüßt werden, hätten auch Kommunikationsexperten eingebunden werden können. Vielleicht hätten einige Empfehlungen dann schon etwas weiter gereicht.

Spurenstoffe sind kein Problem, das den Wasserversorgern oder Kläranlagenbetreibern angelastet werden darf. Sie tun alles, damit das Trinkwasser rein und genusstauglich ist. Wasser ist natürlich. Nicht jeder denkt beim Biss in eine Bratwurst an die Stoffe, die das Schwein gefressen hat und im Fleisch verbleiben sind, oder an die Zusatzstoffe, die für den vermeintlichen Geschmack und die Haltbarkeit sorgen. So sicher und gut überwacht wie Wasser, sind nur wenige  Lebensmittel. Aber jede Kontrolle hat ihre Grenzen. Und dann die Kosten. Die 4. Reinigungsstufe ist aus dem Prozess nicht als allein-selig-machende Lösung heraus gekommen. Die Kosten, die durch die end-of-pipe-Lösung entstünden, wären von den Verbrauchern zu tragen und würden die Verantwortung ans Ende verlagern. Deshalb ist es richtig, dass die Strategie ganzheitlich ausgerichtet wird und bei der Verursacherverantwortung auch die Industrie in die Pflicht genommen wird. Wir erleben gerade im Diesel-Skandal wie am Ende die Falschen zur Kasse gebeten werden. Das ist bisher im Stakeholder-Dialog Spurenstoffe ausgeblieben. Wir wollen hoffen, dass alle gesellschaftlichen Kräfte offen und ehrlich miteinander umgehen und keiner vorprescht, um sich daraus einen politischen oder wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen.

Lebensraumwasser wird über den Fortgang der Strategieentwicklung weiter berichten und bei der Entwicklung der Kommunikation den möglichen Beitrag leisten, um die Verbraucher und die Öffentlichkeit zu informieren.

Weiterführende Informationen

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