„Tag ohne Wasser“? In Kreuztal war es Realität. Ein Lehrstück für die Krisenkommunikation?

Und es gibt ihn doch: Einen mehrtägigen Wasserausfall in Deutschland. Nur eine Woche vor dem Mottotag „Stell Dir einen Tag ohne Wasser vor“, bricht im siegerländischen Kreuztal eine Hauptversorgungsleitung. Die Folgen: 7.000 Menschen sind mehrere Tage ohne Trinkwasser. Dieses Ausnahmeereignis hat auch Positives: es schärft das Bewusstsein für den Wert des Wassers sowie der Infrastruktur, zugleich belegt es die Bedeutung einer zielgerichteten Krisenkommunikation. Als quasi „Kollateralnutzen“ schafft ein derartiger Wasserrohrbruch neue Freundschaften, weil man sich gegenseitig mit Wasser aushilft. Wir haben uns daher entschlossen, die Betroffenen in Kreuztal nach ihrer Wahrnehmung und Erfahrung im Zusammenhang mit dem Wasserausfall zu befragen. Nach vorausgegangener Information des Kreises Siegen-Wittgenstein (Pressesprecher und Leiter der Krisenkommunikation Torsten Manges) und der Stadt Kreuztal sowie des Wasserwerks (Kämmerer und Betriebsleiter Michael Kass), kontaktieren Telefon-Interviewer des auf Wassermarktforschung spezialisierten Instituts IESK die Bürger. Die selbstverständlich anonymisierten Ergebnisse sollen u.a. eine Grundlage für Krisenkommunikationsstrategien und Analysen des „Bewusstseins für den Wert des Wassers“ bieten. An den Ergebnissen hat zwischenzeitlich auch das Bundesamt für Katastrophenschutz Interesse signalisiert.

Als sehr selbstverständlich nehmen die Wasserkunden und Verbraucher in Deutschland die Wasserversorgung hin. Auch zeigen sie sich in den Befragungen stets sehr zufrieden – mit Preis und Leistung. Wir können uns hierzulande glücklich schätzen, dass die Wasserversorger genügend Finanzkraft besitzen, um die Infrastruktur intakt zu halten. Laut BDEW fliessen 2,7 Milliarden Euro in die Versorgungssysteme. Aber dafür bedarf es auch ausreichender Einnahmen, Druck auf die Wasserpreise bei steigenden Kosten ist dort das falsche Signal. Es gibt daher aus Sicht der Versorger gute Gründe, dass die Bürger über den Wert des Wassers und die Systeme nachdenken und zu schätzen wissen. Zunehmend wird die Stärkung des „Bewusstseins für den Wert des Wassers“ (water awareness) international diskutiert und kommuniziert. Auch hier nimmt das Thema Fahrt auf. So war ich an diesem Dienstag mit 120 anderen Wasserexperten auf Einladung der Bundesumweltministerin Svenja Schulze beim 1. Nationalen Wasserforum, bei dem der Grundstein für eine Nationale Wasserstrategie gelegt wurde. In der Diskussion wurde auch der „Wert des Wassers“ in die Agenda aufgenommen. Eben aus jenen Beweggründen, wie voranstellend skizziert. In ihren Abschlussworten griff Regina Dube vom Bundesumweltministerium auch den Vorschlag „Stell dir einen Tag ohne Wasser vor“ auf.

Das ist auch folgerichtig, denn Kreuztal ist kein Einzelfall. So berichtet die Presse in den vergangenen Tagen von größeren Wasserrohrbrüchen in Chemnitz, Magdeburg, Dortmund, im bayrischen Kronach oder auch saarländischen Pirmasens. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Zwar wurde in Kapstadt der „Day Zero“ am 1.10. abgesagt, häufen sich wegen der hiesigen Sommertrockenheit die Wasserspar-Appelle deutscher Kommunen und Wasserversorger. Der baden-württembergische Umweltminister Untersteller erklärt bei der Vorstellung des Gewässerberichts 2017: „Der Blick auf die Grundwasservorräte zeigt, dass sich der Klimawandel in Baden-Württemberg schon heute spürbar auswirkt“. Müssen auch wir Deutschen daher beim gewohnten Maß an Versorgungssicherheit umdenken?

Wenn die Rohre platzen – Kreuztal mehrere Tage ohne Wasser 

Zurück nach Kreuztal. Wie wertvoll Wasser ist, merkt man erst wenn es ausbleibt. Rund 7.000 Bewohner des siegerländischen Städtchens Kreuztal, dem Standort der KROMBACHER Brauerei, haben das jetzt über mehrere Tage am eigenen Leib gespürt. Am Dienstag, den 2.10. platzte eine Hauptversorgungsleitung in der Nähe der örtlichen Kläranlage. Damit brach die Wasserversorgung zusammen. Kochen, Waschen, Reinigen, Körperhygiene, Wassertrinken – Selbstverständlichkeiten, über die hierzulande kaum jemand nachdenkt. Die Kreuztaler sehen das jetzt anders.

Die örtliche Feuerwehr wird als Helfer in der Kreuztaler Facebook-Gruppe gelobt

Die Betroffenen haben nicht nur den Wert des Wassers zu schätzen gelernt, sondern auch die Bedeutung der schnellen Kommunikation. Als ein wichtiges Informationsmedium hat sich die ansonsten gescholtene Social-Media-Plattform Facebook herausgestellt. Auf der lokalen Facebook-Seite Du bist Kreuztaler, wenn…. diskutierten und informierten sich rund 3.400 Mitglieder über den Stand der Ereignisse, alternative Wasserversorgungen und einfach nur ihre Erlebnisse. Aktuell werden die Bürger noch über Bypässe versorgt, bis die neue Leitung wieder steht, wie die Stadt Kreuztal auf Ihrer Website berichtet.

Dankbarkeit und Solidarität

Kreuztaler „Wasserverzichter“ zeigen Dankbarkeit: Die Helfer werden gefeiert und der Wert des Wassers wird hochgelobt – oder andersrum. Wer sich auf der Facebook-Seite der Stadt Kreuztal als Aussenstehender umschaut, ist beeindruckt von dem Zusammenhalt, der sich durch dieses Ereignis – für das nach bisher landläufiger Meinung ja niemand etwas kann – gebildet hat. Im Vordergrund stehen die Wasserexperten der Feuerwehr. Sie haben offenkundig ihr Bestes gegeben und mit Hilfe von Schläuchen eine vorübergehende Notversorgung aufgebaut. 160 Leute gingen am sonntags zum Duschen in die örtliche Dreifachturnhalle.

Das sind Gegebenheiten, wie man sie in Deutschland eigentlich nicht kennt. Das ist aber auch genau der Grund, die Befragung durchzuführen, damit andere Wasserversorger aus den Erfahrungen lernen können. Viele Unternehmen haben bereits eigene Social Media-Verantwortliche, die in solchen Situationen wertvolle Unterstützung in der Krisenkommunikation leisten können.

Bürgermeister Walter Kiß hatte dann auch allen Grund in seinem Interview mit dem WDR beruhigt auf die Ereignisse zurückzublicken. Die Verantwortlichen haben die Krise im Griff und die Betroffenen Verständnis. „Man hat erkannt und gesehen, dass in dieser Situation das Krisenmanagement funktioniert hat“, beantwortet er die Frage des Moderators und ergänzt mit gewissem Stolz, „der Zusammenhalt und er Bevölkerung hat gut funktioniert“. Menschen hätten sich gegenseitig geholfen, die sich vorher nicht gekannt haben. Diese Berichte habe auch ich gehört. Da haben Pendler Wasserkanister von ihrem auswärtigen Zuhause mit an ihren Arbeitsplatz nach Kreuztal genommen. (Weitere Informationen auf WDR hier)

Wenn ein solches Ereignis schon nicht zu verhindern ist, dann sollten die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen und Erfahrungen zumindest als Vorsorge für ähnliche zukünftige Ereignisse in Deutschland genutzt werden können.

Aktueller Stand

  • Mit Hilfe von mehreren Bypässen wird versucht, die schadhafte Stelle an der Hauptversorgungsleitung zu umgehen.
  • Am 21.10.2018, fast drei Wochen nach dem ersten Schaden, erklärt die Stadt Kreuztal auf Ihrer Internetseite: „Die Leckage an der Hauptleitung des Wasserverbandes Siegen-Wittgenstein im Bereich von Kredenbach ist beseitigt. Die Leitung ist wieder in Betrieb. Eine Bevorratung mit Trinkwasser ist nicht mehr erforderlich.“

Video „Tag ohne Wasser“

Ein anschauliches Beispiel, wie ein „Tag ohne Wasser“ sein kann, zeigt das nachstehende Video der Studenten der Technischen Hochschule Deggendorf (THD), das auf von „Wasser-Bayern.de“ erschienen ist, einem Informationsportal das informativ und herstellerunabhängig über Wasserthemen informiert. (Ich danke dem Geschäftsführer Mathias Schmitz für die freundliche Zurverfügungstellung dieses Videos)

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