Wettbewerb am Trinkwasser-Hausanschluss. „Multi-Utility“-Start in England

Der Kampf um den Trink- und Schmutzwasser-Hausanschluss ist in Deutschland Utopie, in England dagegen jetzt Realität. Bisher bestand auf der Insel eine klare Trennung zwischen Wasser- und Energie-Dienstleistungen. Zum 1. April 2018 hat die britische Wasserbehörde OFWAT den „Wettbewerb am Hausanschluss“ eröffnet – ein Jahr nach der Öffnung des Marktes für Wasserdienstleistungen am 1. April 2017 unter dem Titel OPEN WATER. Über 120.000 Unternehmen haben mittlerweile von er Wechselmöglichkeit Gebrauch gemacht. Jetzt können auch Bauherrn und Bauträger in England und Wales erstmals ihren Anbieter für neue Wasser- und Abwasseranschlüsse selbst auswählen. Diese Öffnung des Wassermarktes soll den Entwicklern sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor bedeutende Vorteile bringen. Dazu zählt auch die Möglichkeit, einen Multi-Utility-Ansatz zu verfolgen und alle Versorgungseinrichtungen eines Standortes über einen einzigen Netzanbieter zu beziehen.

Das Hausanschluss-Monopol wurde beendet

Bisher gab es nur sehr begrenzte Möglichkeiten für Entwickler, ihre Trink- und Schmutzwasser-Anschlüsse von anderen als ihrem örtlichen Wasserversorgungsunternehmen zu beziehen. Bei Neuentwicklungen konnten sich konkurrierende Wasserunternehmen nur finanziell an Neubau-Projekten zu beteiligen. Diese Einschränkung wurde aufgehoben.

Bauherren und Bauträger sind es in England gewohnt, ihre Netzanbieter für Gas- und Stromanschlüsse frei zu wählen, und die meisten neuen Strom- und Gasanschlüsse werden von unabhängigen Netzbetreibern betrieben. Die Gas- und Strommärkte im Vereinigten Königreich wurden vor zwanzig Jahren liberalisiert, und die Öffnung dieser Märkte hat zu einem verstärkten Preiswettbewerb, höheren Dienstleistungsstandards und mehr Innovation und Entwicklung geführt. Die gleichen Vorteile sollen zukünftig auch auf dem Wasser- und Abwassermärkten verfügbar sein.

Die Zukunft ist … Multi-Utility

Neun von zehn Unternehmen würde ihr Energie und Wasser von einem einzigen Anbieter kaufen, wenn sie Kosten reduzieren können berichtet das Fachmagazin The Energyst’s im Vorfeld der Marktöffnung für gewerbliche Kunden im April 2017. Mit dem Aufkommen eines echten Wettbewerbs auf dem Wassermarkt ist die Einführung eines Multi-Utility-Ansatzes für Hausbauer und Entwickler, die an Standorten jeder Größe arbeiten, eine realistische Option. Jetzt können alle Versorgungsleistungen eines Gebäudes – Wasser, Abwasser, Strom, Gas, ultraschnelles Internet und in einigen Fällen auch Fernwärme – von einem einzigen unabhängigen Anbieter bezogen werden.

Ist das etwas für den deutschen Markt ?

„Nein, natürlich nicht!“, werden die hiesigen Experten entgegnen. „In England ist alles anders. Die fahren links und abgesehen davon kommt der Brexit.“ Ist das aber wirklich so? Multi-Utility ist in England eine gänzlich neue Option. In Deutschland haben wir eine gänzlich andere Struktur. Aber nicht überall. In einigen Regionen könnten Stadtwerke, die nicht über Wasseraktivitäten verfügen, mit Kostenersparnissen für die Anschlusswilligen punkten. Schon der Wasserzähler hat für Diskussionen gesorgt, ob dieser zwingend vom Wasserversorger kommen muss. Bei Zählern sind die fortschreitende Digitalisierung und Big Data die Treiberkräfte. In England will man mit diesem Wettbewerb die Preise für Hausanschlüsse senken, um die explodierenden Kosten für Neubauten in den Griff zu bekommen. So weit scheint es in Deutschland nicht zu sein. Bin gespannt, ob es hierzulande eine Diskussion über dieses Thema geben wird.

Hier geht zum Bericht über OPEN WATER

Wettbewerb bei Hausanschlüssen Building Magazine und Open Access Government

Ein Gedanke zu “Wettbewerb am Trinkwasser-Hausanschluss. „Multi-Utility“-Start in England

  1. Hervorragende Reportage!

    Eine auf den ersten Blick nicht machbare Regelung bei der hierzulande wohl unzählige „gute“ Gründe gefunden werden, warum das auf keinen Fall geht. Am zweiten Blick stellt sich aber wohl heraus, dass dieses Modell
    1) professionell konzipiert ist – wie meist in Großbritannien
    2) neue Geschäftspotentiale für Utilities und Dienstleister eröffnet
    3) den Markt und Wettbewerb belebt
    4) neue Services für Kunden eröffnet.

    Grundbedingung ist aber eine durchgängig konzipierte und transparente Regulierung und genau daran wird das hierzulande wohl scheitern.

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