Warum die Gülle unser Trinkwasser verteuern wird, erklärt eine Studie des Umweltbundesamtes

Diese Studie schafft Gewissheit: Gülle stinkt nicht nur, sie wird auch unser Trinkwasser drastisch verteuern. Während wenige Landwirte und Großgrundbesitzer die tierischen Rückstände auf ihre Flächen ausbringen und sich über die Entgelte dafür freuen, müssen die Bundesbürger dafür zahlen. In einem Viertel aller Wasserspeicher werden die zulässigen Nitrat-Grenzwerte in Folge der Gülle-Ausbringung überschritten. Wasserversorger müssten deshalb vielerorts inzwischen teure Anlagen bauen und Verfahren einsetzen, um das Trinkwasser sauber zu halten. Mit Folgen für die Allgemeinheit. Denn die Kosten dafür würden in Zukunft nicht die Verursacher in der Landwirtschaft, sondern die Wasserkunden tragen. Kunden kleinerer Versorger droht sogar eine Verdopplung der Wasserpreise.

„Fleischland“ 

Deutschland ist ein „Fleischland“. Der hiesige Pro-Kopf-Konsum lag nach Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 2016 bei 60 Kilogramm Fleisch im Jahr. Deutschland ist auch zu einem der wichtigsten Fleischexporteure weltweit geworden. Zurück bleibt eine gewaltige Menge Gülle. Die 40 Millionen Großvieheinheiten produzieren 300 Mio. Kubikmeter Gülle (siehe Grafik). Hinzu kommen noch Geflügel-Rückstände und die Importe aus den Niederlanden. Welchen Preis das ganze Land dafür zahlen muss, hat jetzt erstmals das Umweltbundesamt in einer neuen Studie ausgerechnet. Trinkwasser könnte in etlichen Regionen Deutschlands in Zukunft dann spürbar teurer werden. Wegen der hohen Belastung des Grundwassers mit Nitrat überschreiten über 27 Prozent der Grundwasserkörper derzeit den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter, den die Trinkwasserverordnung vorschreibt. Falls es nicht gelingt, die Nitrateinträge zu senken, müssen betroffene Wasserversorger zu teuren Aufbereitungsmethoden greifen, um das für die Trinkwasserversorgung eingesetzte Rohwasser von Nitrat zu reinigen. Der Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zufolge kann dies die Trinkwasserkosten um 55 bis 76 Cent pro Kubikmeter erhöhen. Das entspricht einer Preissteigerung von 32 bis 45 Prozent. Eine vierköpfige Familie müsste dann bis zu 134 € im Jahr mehr bezahlen – nur wegen der hohen Nitratwerte.

Die von den Instituten MOcons, IWW und ARSU erarbeitete Studie ist ausserordentlich fundiert und greift auf die Erfahrungen und Mitarbeit von drei großen Wasserversorgern zurück. Die Kölner RheinEnergie, der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) und die RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH sitzen mit ihren Wasserwerken in den deutschen „Gülle-Hotspots“. Demzufolge bieten sich Wasserversorgern zwei Möglichkeiten, um der Nitratbelastung in den von ihnen zur Wassergewinnung genutzten Wasserkörpern zu begegnen. Sie können Zahlungen aufwenden, um einen reduzierten Einsatz von Düngemitteln zu erwirken und dadurch den Eintrag von Stickstoff nachhaltig zu reduzieren – diese werden als präventive Maßnahmen bezeichnet. Hierfür begründen die Versorger beispielsweise sogenannte Landwirtschaftliche Kooperationen und zahlen den kooperationswilligen Landwirten einen Ausgleich für eine gewässerschonende Ausbringung von Nährstoffen.

Bei kleinen Versorgern könnten sich die Trinkwasserpreise verdoppeln 

Teurer sind die  Reparaturmaßnahmen. Hierbei müssen die Versorger zusätzliche Aufbereitungsanlagen bauen und betreiben, um die in der Trinkwasserverordnung festgelegten Grenzwerte einzuhalten. Die geschätzten Kosten für die Aufbereitung liegen zwischen 0,55 und 0,76 Euro je Kubikmeter Trinkwasser. Die höchsten Aufbereitungskosten sind zu erwarten, wenn ein kleines Wasserwerk (1 Millionen m³ jährlich) bei hohen Schadstoffkonzentrationen im Rohwasser und u.a. die Abwasser aus der Aufbereitung kostenpflichtig in die Kanalisation einleiten muss. In einem solchen Fall werden die zusätzlichen Kosten auf 1,10 € pro Kubikmeter geschätzt. In vielen Regionen dürfte dies sogar eine Verdopplung der Trinkwasserpreise zur Folge haben.

Vorsorge ist billiger als Reparatur

Die Studie rechnet aus, wieviel die Reinigung von mit Nitrat belastetem Grundwasser in Deutschland insgesamt kosten kann: zwischen 580 und 767 Millionen Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Maßnahmen der novellierten Düngeverordnung kosten laut Bundeslandwirtschaftsministerium die Landwirtschaft bis zu 112 Millionen Euro pro Jahr, also nur einen Bruchteil dessen, den die betroffenen Trinkwasserkunden zu bezahlen hätten. Dies zeigt erneut: Vorsorge ist billiger als Reparatur. Diese Maßnahmen helfen nicht nur, Nitrateinträge zu reduzieren und die Kosten für die Aufbereitung zu senken. Daneben haben sie sogar noch viele weitere positive Auswirkungen auf die Umwelt, wie den Erhalt der Artenvielfalt.

Politik ist gefordert

Der VKU äußert massive Kritik an der Bundespolitik. Ihm geht die aktuelle Gesetzgebung nicht weit genug. In seiner Pressemitteilung erklärt er „Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen ist es wichtig, die Nitrateinträge in unsere Gewässer deutlich zu reduzieren. Maßgebliche Stellschraube dafür ist, dass Gülle und mineralische Dünger endlich korrekt bilanziert und dann auch wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden. ‚Ein Weiter so reicht für den Schutz der Trinkwasserressourcen nicht‘. Die Neuregelung des Düngerechts, das mit der Einigung der Regierungskoalition auf eine Stoffstrombilanzverordnung nun auch noch seinen letzten Baustein erhalten hat, ist mit Blick auf dieses Ziel aber nur ein Startschuss“.

Landwirte werden in Sippenhaft genommen

Die Medien gehen nach der Veröffentlichung der UBA-Studie mit „der Landwirtschaft“ hart ins Gericht. Der TAGESSPIEGEL wird sehr deutlich und bezieht die Vertragsstrafen, die wegen des wiederholten Verstosses gegen die EU-Nitratrichtlinie mit ein. „Und wenn Brüssel dann feststellt, dass deutsche Bauern regelwidrig durch Überdüngung das Grundwasser verseuchen und Klage einreicht, wer zahlt dann die zu erwartende Geldstrafe? Wer zahlt für den Mehraufwand, den Wasserwerke betreiben müssen, um die Substanzen wieder unschädlich zu machen? Die Nutzer, Bürger, Steuerzahler. Und zwar nicht zu knapp, das hat das Bundesumweltamt nun vorgerechnet. Das selbe Prinzip der Verursacherverantwortungslosigkeit gilt für die oft tödlichen Folgen von Antibiotikaresistenzen bei Krankenhauspatienten, für die nach Meinung etlicher Wissenschaftler das Impfen dauerkranker Tiere in Großmastanlagen mitverantwortlich ist. Über die Jahrzehnte ist aus der sogenannten Landwirtschaft ein in Wirklichkeit so unhaltbares wie unangefochtenes System geworden, in dem eine Minderheit die Risiken ihres Handelns vergesellschaftet – oder ignoriert. Und die Kosten dafür werden nicht den Verursachern, sondern den Opfern in Rechnung gestellt. Den Steuerzahlern ohnehin, den Beitragszahlern der Krankenkassen, den Strom- und Wasserkunden. Ist das nicht perfekt?“ So der TAGESSPIEGEL in seinem Online-Beitrag vom 11.6.2017 .

Das sind harte Worte, die gar nicht gegen alle Landwirte gerichtet sind. Viele umweltorientiert agierende Bauern werden in Sippenhaft genommen. Sie sind daher aufgerufen, sich gegen ihre Standesgenossen – und Wettbewerber – zu Wehr zu setzen. Ihr Image wird darunter leiden, wenn die Verbraucher zur Kasse gebeten werden. Schon heute beklagen Landwirte, dass sie in den Dörfern wegen der Versäumnisse der Landwirtschaftspolitik von den Nachbarn kritisiert werden. Wir brauchen die Landwirtschaft in Deutschland, da darf es gar keine Fragen geben. Aber wir wollen eine saubere Landwirtschaft, die mit den Ressourcen die sie nutzen darf so umgeht, dass auch die kommenden Generationen Boden und Wasser uneingeschränkt nutzen können. Ein „Wir Bauern dürfen das“, wie ich es am Wochenende als Antwort von einem Landwirt gehört habe, ist nicht tolerierbar. Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Wählerinnen und Wähler sollten genau hinschauen, was die Parteien bei diesem Thema versprechen und später tun werden.

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