Trinkwasser in Deutschland: viel Vertrauen, aber wachsende Sorgen

Leitungswasser ist für die große Mehrheit der Menschen das wichtigste Lebensmittel – das bestätigt eine aktuelle Konsumentenbefragung. Aber das Vertrauen wird brüchig, wenn es um die Erwartung der zukünftigen Entwicklung geht. Verantwortlich dafür ist auch die Medienberichterstattung über Wasser.

Leitungswasser gehört zum Alltag

Über 95 Prozent der Befragten trinken Leitungswasser direkt. Fast drei Viertel tun das täglich oder sogar mehrmals am Tag. Leitungswasser ist damit nicht nur akzeptiert, sondern fest im Alltag verankert – deutlich vor Flaschenwasser oder anderen Getränken. Das geht aus der im Auftrag des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) vom Düsseldorfer Marktforschungsinstitutes I.E.S.K. jährlich durchgeführten Konsumentenbefragung TWIS zur Qualität und zum Image von Trinkwasser in Deutschland (2024/25) hervor.

Die Bewertung der Trinkwasserqualität fällt wie schon in den Vorjahren erneut ausgesprochen positiv aus. Mehr als 87 Prozent stufen „ihr“ Leitungswasser als „gut“ oder „sehr gut“ ein. Rund neun von zehn Befragten halten es für sauber, rein und wohlschmeckend. Diese Ergebnisse treten auch in Blindverkostungen von Wasser zutage. In denen erhält Leitungswasser regelmäßig die Bestnoten.

Insoweit zeigt die aktuelle TWIS-Befragung zur Trinkwasserqualität auf den ersten Blick ein beruhigendes Bild: hohes Vertrauen, gute Bewertungen, breite Nutzung. Doch schaut man genauer hin, werden zwei Schwachstellen sichtbar, die für die Zukunft entscheidend sind: der Kostenaspekt und die Rolle der Medien beim Vertrauen in die Wasserqualität.

Wasser kostet wenig – und genau das weiß kaum jemand

Trinkwasser ist eines der günstigsten Lebensmittel überhaupt. Trotzdem wissen viele Menschen erstaunlich wenig darüber, was es tatsächlich kostet. Je nach den Gegebenheiten vor Ort liegen die Wasserentgelte bei gerade mal 0,2 Cent je Liter. Kein Wunder, dass für diesen geringen Preis die Vorstellungskraft fehlt. Selbst wenn bei der Wasserrechnung noch der Jahresgrundpreis hinzukommt, ergibt sich z.B. in den NRW-Großstädten ein Durchschnittspreis von maximal 0,4 Cent je Liter oder 4 Euro je Kubikmeter Leitungswasser.

Insoweit wenig überraschend, dass in der Befragung nur gut jede dritte Person die eigene Wasserrechnung bestenfalls ungefähr kennt. Über 40 Prozent wissen gar nicht, was sie bezahlen, weitere machen keine Angaben. Das ist kein Randphänomen, sondern strukturell: Wasser taucht häufig nur als Teil der Nebenkosten auf, ist schlecht aufgeschlüsselt oder schlicht kein Thema. Wer die Rechnung nicht sieht, setzt sich auch nicht mit ihr auseinander. Das Ergebnis: Die tatsächlichen Kosten für Leitungswasser werden regelmäßig überschätzt, obwohl sie pro Person und Tag meist nur wenige Cent betragen. Die „Wahrnehmungsbarriere“ zeigt ihre Wirkung.

Paradox ist dabei: Obwohl viele den Preis nicht kennen, bewerten über 85 Prozent das Preis-Leistungs-Verhältnis von Trinkwasser als mindestens angemessen. Wasser ist also gleichzeitig unbekannt billig und gefühlt fair. Diese Kombination wirkt stabil – ist es aber nicht.

Die Bild-Zeitung macht Schlagzeilen über steigende Gebühren – verheimlicht aber, dass eigene Zeitungspreise „explodiert“ sind (Lebensraumwasser)

Wertschätzung sichert Akzeptanz für Preissteigerungen

Denn wer den Wert eines Gutes nicht kennt, ist schlecht vorbereitet auf Preissteigerungen. Diese stehen bei Trinkwasser aber an, da die Kosten durch Klimaanpassung, neue Aufbereitungstechniken oder strengere Grenzwerte steigen werden. In NRW beispielsweise haben in diesem Jahr von 27 großstädtischen Versorgern bereits 10 zum 1.1.2026 ihre Wasserentgelte erhöht. Selbst wenn die Wasserpreise wie in zwei Städten über 20 Prozent mit einem Mal angehoben wurden, bleibt eine Protestwelle aus. Die Zahlungsbereitschaft orientiert sich an der Wertschätzung des Trinkwassers. Und die ist hoch, das zeigen Befragungen. Damit dürften die Akzeptanz für steigende Wasserpreise gegeben sein, wenn die Gründe richtig kommuniziert werden.

Diese Gründe für Preiserhöhungen sind zahlreicher und vielfältiger geworden. Neben den „klassischen“ Verunreinigungen durch Nitrate, Arzneimittel, Pestizide und Spurenstoffe sind jetzt noch die PFAS hinzugekommen. Die Investitionen, um die Ewigkeitschemikalie aus dem Trinkwasser herauszuholen, schlagen sich schon in Wasserpreiserhöhungen nieder. Hinzu kommen die Sicherheitsanforderungen gegen den Klimawandel und gegen Cyberrisiken. Die haben ebenfalls deutlich zugenommen – nicht nur in NRW. Die Verbraucher sollten sich daher auf weiterhin steigende Wasserentgelte einstellen.

Medien: informieren, verunsichern – oder beides?

Ein zweiter zentraler Punkt in den Befragungsergebnissen ist die Rolle der Medien im Hinblick auf das Konsumentenvertrauen. Zwar ist dieses in Bezug auf die Wasserversorgung schon seit Jahren auf Spitzenniveau, aber es zeichnet sich eine Trübung ab. Und das hat einen Grund. Früher waren Wasserthemen in der Berichterstattung der Medien eine Randerscheinung. Wasserknappheit spielte sich im globalen Süden ab und der Begriff „Nutzungskonflikte“ war hierzulande unbekannt. Trinkwasserqualität war schon immer ein mediales Thema, aber spätestens seitdem die Sozialen Medien den den klassischen Medien als Gatekeeper den Rang streitig machen, ist die Aufmerksamkeitsökonomie das Maß aller Dinge. Damit hat sich die Darstellung des Themas Wasser in den Medien geändert, und das hat Einfluss auf dessen öffentliche Wahrnehmung insbesondere der Trinkwasserqualität, wie die Befragung zeigt.

So geben rund 40 Prozent der Befragten an, dass Medienberichte ihre Einschätzung der Trinkwasserqualität beeinflusst haben. Auffällig ist dabei: Nur ein kleiner Teil fühlt sich danach besser informiert oder beruhigt. Die Mehrheit spricht von „Verunsicherung“ oder einer „verschlechterten Wahrnehmung„.

Die Haupttreiber sind bekannte Schlagworte: Klimawandel, Schadstoffe, Nitrat, Industriechemikalien, Plastik. Die Themen sind real, die Risiken teilweise auch – doch Berichterstattung bleibt oft punktuell, skandalisierend und ohne Einordnung. Was fehlt, ist der Kontext: Wie häufig treten Probleme wirklich auf? Wie reagiert die Wasserversorgung? Welche Risiken sind lokal relevant – und welche nicht?

…so hat die mediale Berichterstattung über Wasser die Wahrnehmung bei den Befragten verändert (Quelle: TWIS, VKU)

Vertrauen entsteht nicht durch Schweigen

Interessant ist: Selbst in Regionen, die von Starkregen, Überschwemmungen oder Abkochempfehlungen betroffen waren, ist das langfristige Vertrauen in die Trinkwasserqualität kaum eingebrochen. Das spricht für die Robustheit der Wasserversorgung – aber auch dafür, dass Transparenz wichtiger ist als perfekte Schlagzeilen.

Medien haben hier eine doppelte Rolle: Sie können aufklären oder verunsichern. Entscheidend ist nicht, ob Probleme thematisiert werden, sondern wie das geschieht. Ohne verständliche Einordnung, Darstellung des Kontextes entstehen diffuse Ängste – und die richten sich langfristig gegen Versorger, Politik und das gesamte System der öffentlichen Wasserversorgung. Das muss verhindert werden. Hier ist konstruktiver Journalismus gefragt. Berichte und Reportagen sollten dazu dienen, relevante Herausforderungen und Probleme verständlich zu machen und einzuordnen, davon gibt es tatsächlich genug beim Wasser. Dem Publikum sollten aber auch Möglichkeiten und Perspektiven aufgezeigt werden, wie darauf erfolgreich reagiert werden kann oder soll. 

Fazit: Wertschätzung braucht Wissen

Die Befragung macht deutlich: Trinkwasser leidet nicht unter mangelnder Qualität, sondern unter mangelnder Sichtbarkeit. Wer Preise nicht kennt und Informationen nur aus alarmistischen Schlagzeilen bezieht, verliert Vertrauen – nicht sofort, aber schleichend. Wasser braucht positive Narrative, nicht um zu verschleiern, sondern um die wahren Stärken sichtbar zu machen.

Zudem darf auch das nicht übersehen werden: Wenn Wasser auch künftig bezahlbar, akzeptiert und geschützt bleiben soll, braucht es mehr Offenheit über Kosten und mehr Verantwortung in der öffentlichen Kommunikation der Wasserversorger. Vertrauen entsteht nicht durch Beruhigung, sondern durch verständliche, ehrliche Information. Damit sollte nicht zu spät begonnen werden, denn Glaubwürdigkeit ist ein scheues Reh.

Quellen und Weiterführendes

Beitragsfoto: Idee Siegfried Gendries, Ausführung ChatGPT

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Was meinen Sie dazu?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.