Rheinwasserentnahme für die Tagebauseen: Wurde das Risiko unterschätzt? (Gastbeitrag)

Die Braunkohletagebau-Regionen Garzweiler und Hambach stehen umweltpolitisch schon wieder im Fokus. Nach der Beendigung des Abbaus dreht es sich jetzt um die Rheinwasserentnahme für die Verfüllung. Umweltwissenschaftler Dr. Georg Gellert kritisiert die Prüfung der Wasserqualität und sieht erhebliche Risiken.

Der Wissenschaftler und Wasserschützer hat die Risiken bei der Rheinwasserentnahme untersucht und seine Ergebnisse in einem Gastbeitrag zusammengefasst. Vom 27. bis 30. August findet in Monheim/Rhein ein FlussCamp der Umweltverbände statt. Dort wird es auch um die Rheinwassertransportleitung gehen. Einer der Vortragenden auf dem Event ist der Dr. Georg Gellert.

Gastbeiträge geben die Meinung des Autors wider

Welche Gefahren bei der Rheinwassertransportleitung hat die Wissenschaft übersehen? (Kurzfassung)

Von Dr. Georg Gellert (Bonn)

Der Tagebau Hambach ist die größte Braunkohlegrube Europas und liegt in Nordrhein-Westfalen (NRW) zwischen Jülich und Kerpen. Seine Größe des beträgt 43 km2 (4.300 ha), die maximale Tiefe liegt bei 411 Meter.

Weil dieses riesige Erdloch mit Abraum zu füllen nicht möglich ist, kommt nur Wasser aus dem Rhein in Frage, um einen Gegendruck für mehr Uferstabilität aufzubauen. Wegen der Beendigung der Braunkohlegewinnung im Jahr 2029 muss mit der Rheinwasserfüllung durch Rheinwasserentnahmen bereits ab 2030 begonnen werden. 

Der Tagebau Garzweileretwa 20 Kilometer Luftlinie vom Tagebau Hambach entfernt, teilt sich in Garzweiler I und II und erstreckt sich in den Kreisen Neuss und Heinsberg. Das Abbaugebiet beträgt 66 km2(6.600 ha). Seine tiefsten Stellen liegen bei 200 Meter. Auch dieses Areal wird von der RWE Power AG bearbeitet. Die Befüllung mit Rheinwasser beginnt dort erst 2039.

Bislang liegen behördliche Genehmigungen für die Rheinwasserentnahmen und für den Transport per Rohrleitung zu den beiden Tagebauen vor. Noch keine Genehmigung gibt es für die Einleitung in die Tagebaue. Diese soll im Herbst 2026 erfolgen.

Der Rhein unterliegt zahllosen Nutzungen, wobei die wichtigste die Wasserversorgung von 22 Mio. Menschen ist.  Der Rhein dient u. a. auch zum Abtransport von gereinigtem Abwasser aus kommunalen und industriellen Kläranlagen.

Blick auf Garzweiler (Foto: Siegfried Gendries)

Im Einzugsgebiet des Rheins befinden sich tausende Industrieanlagen, deren Abwasserzusammensetzung, trotz staatlicher Aufsicht, weitgehend unbekannt ist. Da braucht es nicht viel Fantasie, um sich die Risiken vorstellen zu können. Diese Anlagen tragen enorm zur chemischen Verunreinigung bei. 

Die Rheinwasserentnahme erfolgt bei Dormagen bei Kilometer 712,6 am linken Rheinufer. Das Konzept sieht im Grundsatz vor, dass die Entnahmemengen, je nach Wasserstand, zwischen 1,8 bis 18 m³/s variieren. Das Wasser wird über ein ca. 45 Kilometer langes Rohrleitungssystem zu den Tagebauen gefördert. Der Zeitraum für die Befüllung der Tagebauseen bis zur Erreichung der jeweiligen Zielwasserstände wird mit etwa 40 Jahren veranschlagt.

Ein Problem, das bisher bei der Planung keine besondere Beachtung gefunden hat, ist der Umstand, dass sich zwei Kilometer oberhalb der Entnahmestelle der Ablauf die Industriekläranlage des Chemieparks Dormagen befindet. Laut öffentlicher Quellen ist dieser Chemiepark Dormagen weltweit der vielseitigste und wichtigste Produktionsstandort für die Herstellung von Pflanzenschutzwirkstoffen. In Dormagen werden jährlich etwa 35.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel hergestellt.

Diese Industriekläranlage kann sich gravierend auf die Rheinwasserqualität auswirken und stellt deshalb ein Risiko für die Tagebaufüllung aus. Denn in den zwei Kilometern Fließstrecke zwischen der Einleitstelle der Industriekläranlage und der Entnahmestelle ist das Abwasser noch nicht gleichmäßig in der Strömung verteilt. Deshalb ist die Gefahr besonders groß, dass unzählige toxische und persistente Stoffe in größeren Konzentrationen die kurze Fließstrecke im Rhein schnell überbrücken und über die Transportleitung das Gebiet von Hambach und Garzweiler erreichen. 

Es ist ein großes Problem, dass die Lage der Entnahme bei der Genehmigung der Rheinwasserentnahme offensichtlich keine Rolle gespielt hat. Diese Vorgehensweise könnte sich als gravierender Planungsfehler erweisen. und verlangt dringend nach einer Revidierung. Eine technische Möglichkeit wäre beispielsweise die Rheinwasserentnahmestelle zumindest nach oberhalb des Bayerwerks zu verlegen.

Nun kommt das von der RWE Power AG im Auftrag gegebene Gutachten ins Spiel, das den Titel „Prognose der limnologischen Entwicklung des Tagebausees Garzweiler II“ trägt. Beteiligt daran waren die RWTH Aachen, die Universität Cottbus-Senftenberg und das Institut für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow. Wörtlich lautet das Gesamtergebnis in diesem Gutachten: Die Rheinwasserqualität steht der vorliegend beantragten Entnahmeerlaubnis nicht entgegen. Der Tagebausee Garzweiler erfüllt hinsichtlich der prognostizierten Umweltbedingungen die grundlegenden Anforderungen für die Entwicklung einer Fischlebensgemeinschaft. Was für den Tagebau Garzweiler gilt, soll selbstverständlich auch für den Tagebau Hambach geltem. Schließlich wird er von der gleichen Wasserquelle gespeist.

Wie haben die Auftragnehmer in diesem Gutachten die „Unbedenklichkeit“ der Rheinwasserqualität ermittelt? Dafür wurde eine Auswertung von behördlichen Monitoringdaten vorgenommen. Für die Beurteilung der Rheinwasserqualität ist besonders die Messstelle in der Nähe der Entnahmestelle von Bedeutung. Aber das Problem bei der Auswertung ihrer Daten ist, dass sie in den Jahren 2023 bis 2024 nur vier Mal pro Jahr stichprobenhaft untersucht worden ist. Aus statistischer Sicht ist die Anzahl der Messungen zu gering, um gesicherte Aussagen treffen zu können. Dafür unterliegt der Rhein zu vielen Stoßbelastungen durch ständige Produktionsänderungen an unzähligen Industriestandorten im gesamtem Rheineinzugsgebiet. Zusammenfassend kann der Schluss gezogen werden, dass ein derartiges Gutachten sich verheerend auf die Menschen und auf die Umwelt auswirken wird, falls die wasserrechtliche Erlaubnis für die Einleitung des Rheinwassers in die Tagebaue im Herbst 2026 auf der Basis dieser Empfehlung erteilt würde.

Auf die Frage, warum die Gutachter das Rheinwasser an der Entnahmestelle zur Füllung des Braunkohletagebaues Garzweiler, bei dieser unzureichenden Datenlage, für geeignet halten, warum die 2 Kilometer oberhalb liegende Industriekläranlage nicht genauer unter die Lupe genommen worden ist und schließlich warum wissenschaftliche Standards vernachlässigt worden sind, hat nur einer der 8 befragten Gutachtern geantwortet, ohne aber einen methodischen Fehler erkannt zu haben. 

Ein Hinweis an das Rektorat der RWTH Aachen, dass in seinem Haus ein Gutachten mit nicht nachvollziehbaren Ergebnissen erstellt worden sei, wurde nur ernüchternd beantwortet. Wörtlich hieß es: Nach sorgfältiger Prüfung der von Ihnen vorgebrachten Vorwürfe kann ich Ihnen mitteilen, dass diese unbegründet sind. Es liegen keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten der genannten Mitarbeiter oder der RWTH Aachen vor. Vor diesem Hintergrund sehen wir weder Anlass zu weiterführenden Maßnahmen noch zu einem weiteren Austausch zu diesem Sachverhalt. 

Weil auch die Erklärung der Universität nicht überzeugend war, wurden noch das Wissenschaftsministerium in NRW eingeschaltet. Das Ministerium meinte nur, dass das Vorgehen der RWTH Aachen von Seiten der Rechtsaufsicht nicht zu beanstanden ist und der Inhalt der Wissenschaftsfreiheit unterliege. 

Es scheint so zu sein, dass bei Großbauprojekten, die mit gewaltigen Schäden für Mensch und Natur einhergehen, nicht immer sehr genau hingeschaut wird. Besonders tragisch dabei ist, dass ausgerechnet die Wissenschaft als Akteurin ausfällt, der die Bürger noch das größte Vertrauen entgegenbringen.

Aber es besteht noch Hoffnung. Wenn die Verantwortlichen bereit sind, die Risken einer objektiven Überprüfung zu unterziehen und nach Lösungen suchen, die sich auch im Nachhinein noch realisieren lassen, dann können sie nicht nur die Region vor einer möglichen Umweltkatastrophe bewahren, sondern auch bei den Menschen, die lange unter dem Tagebau gelitten haben und jetzt erneut bedroht sind, das Vertrauen zurückgewinnen. 

Quellen und Weiterführendes

Kontakt Autor

Dr. Georg Gellert (Bonn) – E-Mail: parada-gellert@t-online.de, Tel.-Nr.: 0228/5552843

Beitragfoto: Dormagen – Blick auf den Rhein (Foto: Siegfried Gendries)

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