Kollektives Wasserpreis-Debakel. Grüne und Medien im Statistik-Chaos

Das Schicksal vieler Journalisten „schnell zu sein“, hat jetzt für ein Wasserpreis-Debakel gesorgt. Medien haben die Pressemitteilung der Grünen ungeprüft übernommen und damit eine Falschmeldungswelle erzeugt. Zunächst startete die Bundestagsfraktion der Grünen Aufklärungsarbeit bei der Wasserpreisentwicklung und griff bei der Auswertung voll daneben – und dabei hatte sie es gut gemeint.

Am 11.5. veröffentlichte die Grüne Bundestagsfraktion eine Pressemitteilung mit dem Titel “Hintergrund  und Kommentierung Wasserpreise in Deutschland“. In der Schlagzeile stellte sie „um 25% steigende Wasserpreise – das sind knapp mehr 50 Euro pro Haushalt“ fest. Damit wollte sie in erster Linie auf die Unzulänglichkeiten im Gewässerschutz und den zunehmenden Aufbereitungserfordernissen und die aus ihrer Sicht unzureichende Wasserpreis-Transparenz hinweisen. Dabei kamen die Grünen zu dem Ergebnis, dass die Wasserpreise weiter steigen werden, wenn der Gewässerschutz weiterhin den Argarinteressen unterworfen bleibt. Ärgerlich nur, dass ihnen dabei einige Fehler unterliefen.

Pressemitteilung der Grünen (11.5.2018)

Pressemitteilung der Grünen (11.5.2018)

Nur wenige Stunden nach der Pressemitteilung der Grünen übernahmen die deutschen Leitmedien das Ergebnis einer 25%igen Wasserpreissteigerung. So kam das Thema „Wasserpreisentwicklung“ sogar in die Nachrichtensendungen. Auch wenn es bereits sommerliche Temperaturen waren, ein Sommerloch galt es nicht zu stopfen. Trump sorgte für Ärger mit dem Iran und der HSV stand kurz vor seinem ersten Abstieg – kurzum: es gab eigentlich Wichtigeres als Wasserpreise. Und dennoch: Nicht wenige Redaktionen machten Wasserpreise und Regionalvergleiche zum Kern ihrer Berichterstattung. Kaum eine Zeitung – weder das Lokalblatt auf dem Lande, noch die FAZ oder Radio- und Fernsehsender wie das ZDF – stellte dabei die Richtigkeit der Berechnungen in Frage, zumal sich die Grünen ja auch die offizielle Statistik des Statistischen Bundesamt und auf den BDEW bezogen. Den Vogel schoß FOCUS Online ab, der sogar eine „Preisexplosion beim Trinkwasser“ beschrie und die Verbraucher aufklärte, warum die Preise noch weiter steigen werden. Das war auch die zentrale Botschaft, die die Grünen im Fokus hatten, nur leider hatte ihre Analyse vermeidbare Schwachstellen. Diese Focus-Online-Meldung war vom 12.5. und damit ein Tag nach der Mitteilung des Statistischen Bundesamtes, das schon kurz nach den Grünen deren Korrekturbedürftigkeit aufzeigte.

Schlagzeile Focus-Online vom 12.5.2018

Schlagzeile Focus-Online vom 12.5.2018

Nur wenige Stunden nach der Pressewelle über die Wasserpreise in Deutschland, meldete sich das Statistische Bundesamt zu Wort, dessen Daten für die Preisvergleiche herangezogen worden waren. Das Bundesamt sah sich veranlasst, einige Angaben der Grünen richtig zu stellen, weil diese unzulässige Vergleiche angestellt hätten. So erklärte die Pressemitteilung: “WIESBADEN – Einige Medien berichten darüber, dass der Preis für Trinkwasser zwischen 2005 und 2016 um 25 Prozent gestiegen sei.Sie beziehen sich hierbei auf eine Auswertung der grünen Bundestagsfraktion, die nach eigenen Angaben auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes basiert. Bei den von der Grünen Fraktion herangezogenen Angaben handelt es sich nicht um Zahlen aus der Preisstatistik, sondern aus der Umweltstatistik, genauer um die Erhebung der Wasser- und Abwasserentgelte. Ein Zeitvergleich zwischen den Jahren 2005 bis 2016 kann aufgrund von methodischen Umstellungen im Berichtszeitraum nicht vorgenommen werden. So sind die Daten ab 2014 wegen konzeptioneller Änderungen in der Auswertung mit den Vorjahren nicht vergleichbar. So werden zum Beispiel seit 2014 nur Tarifgebiete mit identischen Tarifsystemen zusammengefasst, während bis 2013 auch Tarifgebiete mit unterschiedlichen Tarifsystemen schwerpunktmäßig zusammengefasst wurden, siehe Qualitätsbericht (Anm. siehe unten). Die Verbraucherpreisstatistik ist für einen Preisvergleich zwischen den Jahren 2005 bis 2016 als Quelle besser geeignet. Die Aussage, Trinkwasser wird immer teurer, ist in der Form für den kompletten Zeitraum 2005 bis 2016 anhand dieser Quelle nicht haltbar. Im Rahmen der Verbraucherpreisstatistik werden unter anderem auch Preise für die Wasserversorgung privater Haushalte erhoben. Die Verbraucherpreise für Wasserversorgung sind im Zeitraum 2005 bis 2016 um 17,6 % gestiegen. Die Verbraucherpreise insgesamt stiegen im gleichen Zeitraum mit + 16,1 % etwas geringer. (….) Auch am aktuellen Rand liegen die monatlichen Raten 2018 für die Wasserversorgung im Bundesdurchschnitt unterhalb der monatlichen Inflationsraten.“ 

Soweit die Richtigstellung des Statistischen Bundesamtes. Die Gründe für die Korrektur der Auswertungspraxis der Statistiker liegt in der zunehmenden Unterschiedlichkeit der Tarifsysteme in Deutschland begründet. So hatten die Preisstatistiker von Destatis vor einigen Jahren erkannt, dass in Folge veränderter Preissysteme, die einzelnen Tarifgebiete nicht mehr ohne weiteres verglichen werden können und um nicht „Äpfel mit Birnen“ in dieselbe Betrachtung einzubeziehen, die Auswertung umgestellt. Diesen Systembruch hatten die Grünen übersehen.

Das Gute an der Sache ist, dass die Grundsatzproblematik „Steigernder Wasserpreise angesichts unzureichender Gewässerschutzpolitik mit der Folge steigender Aufbereitungskosten“ in der Öffentlichkeit angekommen ist. Womöglich wird die Bundes- und Landespolitik das Thema als Herausforderung annehmen und Lösungen dafür entwickeln. Vielleicht hat die Aufregung um die Fehler in der Auswertung sogar eine verstärkende Wirkung?

Das Ärgerliche an der Sache ist, dass die Leitmedien derartige Angaben „im Ringen um die heißeste Schlagzeile“ scheinbar ungeprüft übernehmen und noch „einige Fakten drumherum stricken, um die Story noch lauter werden zu lassen“, aber die Recherche der Quellen deutlich vernachlässigen. Jetzt müssen wir uns als Leser fragen, was die Informationen der so genannten Leitmedien eigentlich wert sein können. Denn was macht der FOCUS? Die Online-Redaktion läßt den seit 11.5. nachweislich falschen Beitrag, der zudem das Veröffentlichungsdatum 12.5. trägt, einfach weiterhin online und fügt am unteren Ende zwischen der Werbung und anderen Überschriften einen kleinen Korrekturhinweis ein. Da die Schlagzeile in der „FALSCHEN“ Meldung aber so schön laut ist, bleibt sie einfach weiter online. Soviel zur Berichterstattung unserer LeiDmedien über Trinkwasserpreise.

Richtigstellung Focus-Online

Richtigstellung Focus-Online

Zu der Bundestagsfraktion der Grünen: Gut Gemeintes, sollte auch gut gemacht werden! Vielleicht kann man für die Auswertungsprobleme Verständnis aufbringen. Das Thema Preisstatistik ist wirklich nicht einfach. Ich habe es in einigen Sitzungen mit den Preisstatistikern von Destatis selber erleben dürfen. Aber ich habe dort mit meinen Fragen immer ein offenes Ohr gefunden. Auch der BDEW hat einen exzellenten und sehr hilfsbereiten Statistiker.
Aber auch anderen Stellen hakt es:

  1. So schreibt Ihr in Eurer Mitteilung: Alleine zwischen 2014 und 2016 gab es deutschlandweit eine Preissteigerung von 3,59%; die Inflationsrate in diesem Zeitraum betrug lediglich 1,7%. Zwischen 2005 und 2013 gab es deutschlandweit eine Preissteigerung von 11,43%; die Inflationsrate in diesem Zeitraum betrug lediglich 15,9% Mhm, das soll nicht aufgefallen sein? Vielleicht fehlinterpretiere ich ja auch nur „lediglich“…
  2. In der Korrektur vom 11.5., 13:32 Uhr, zur ursprünglichen Mitteilung heisst es „uns ist bei der Zusammenfassung leider ein Fehler unterlaufen. Bitte streichen Sie beim Punkt „Zentrale Aussage der Bewertung“ das „pro Jahr“ (siehe unten). Wir möchten Sie bitten, den Fehler zu entschuldigen. (….) – Je nach Bundesland zahlen Haushalte bis zu 41,83% mehr für ihr Trinkwasser als in anderen Bundesländern – In NRW zahlt ein Haushalt 296 Euro, in Berlin nur 172 Euro pro Jahr.“ Wieso streichen? Stimmt doch!!!
  3. Ach ja, auch der Statistikfehler wäre nicht nötig gewesen, denn in der Antwort des Staatssekretärs Machnig vom 5.4.2018 auf die Anfrage der Grünen stand doch „die Daten für die Jahre 2014 bis 2016 liegen noch nicht vor“ (Schriftliche Frage an die Bundesregierung im Monat März 2018 Frage Nr. 443). Da sollte man schon vorsichtiger sein, bevor man mit eigenen Berechnungen diese Aussage in Zweifel zieht! Schlecht gelaufen!

Liebe Grüne: An der Herausforderung, die Wasserpreise in Deutschland zu vergleichen, sind schon manche gescheitert. Egal ob billiger.de, Verivox oder sog. Leitmedien, alle haben „Äpfel mit Birnen“ verglichen und es ist ausser viel Aufruhr nichts brauchbares dabei herausgekommen. Sicher ist es wichtig auf die Ursachen der Wasserpreisentwicklung zu schauen und das Versagen beim Gewässerschutz aufzuzeigen. Wenn ihr dies mit einer Guerilla-Marketingkampagne versucht habt, dann war das ein Riesenerfolg. Vermutlich hat es nur selten eine solche Welle gegeben. Falls ihr Euch – und die anderen Leser sich – für die Gründe der Wasserpreisentwicklung interessieren solltet, dann werdet ihr hier fündig oder meldet euch einfach bei meinem Newsletter an.

Weiterführendes und Quellen

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