Hitzewelle über Deutschland – Reichen die Wasservorräte?

Hitzewelle über Deutschland! Wer denkt dabei nicht an das Thema Wasser? Wir haben gelernt, dass Deutschland über weitgehend ausreichende Ressourcen verfügt. Aber reichen dies auch wenn es so heiß bleibt? Wer denkt schon jetzt an das Sparen von Wasser, wenn die Hitze den Durst treibt und die Pflanzen im Garten nach Wasser förmlich schreien? Haben wir hierzulande schon kalifornische Verhältnisse, wo der Rasen nicht bewässert, sondern mit grüner Farbe überzogen wird, um wegen der andauernden Dürre mit den knappen Ressourcen möglichst lange auskommen zu können? Einer der sich besonders intensiv mit dieser Frage befasst hat, ist der Wasser- und Klimaexperte Prof. Dr. rer. nat. habil Gerd Morgenschweis, der mir freundlicherweise seinen aufschlussreichen Artikel zur Verfügung gestellt hat. Damit regt er zum Nachdenken an, trägt aber auch zur Beruhigung bei.

Hier sein Beitrag:

Wassermangel in Deutschland: Wie die Dürreperiode im Frühjahr 2015 einzuordnen ist
Ein stabiles Hoch, das sich im April 2015 nahe der Britischen Inseln aufbaute, sorgte nahezu deutschlandweit für trockenes und warmes Wetter. Diese Schönwetterzone konzentrierte sich im Mai auf Zentraldeutschland und weitete sich im Juni auf Norddeutschland aus. Da es gleichzeitig nur mäßig warm war, wurden die aus dieser Witterungssituation resultierenden Niederschlagsdefizite kaum wahrgenommen. In Wirklichkeit fielen jedoch in den mittleren Gebieten Deutschlands nur 30 % (regional auch weniger) des langjährigen Niederschlags, was nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes DWD zu einer mäßigen bis extremen Dürre in Deutschland führte. Jetzt müssen wir feststellen, dass die Dürre nach kurzfristiger Unterbrechung durch eine Regenphase weiterandauert und sich allem Anschein nach von den Temperaturen her noch verschärft.

Der Bodenfeuchteindex SMI ist ein Maß für das den Pflanzen aktuell zur Verfügung stehende Bodenwasser. Er wird nach in 5 Trockenklassen von „ungewöhnlicher Trockenheit“ über „moderate Dürre“, „schwere Dürre“, „extreme Dürre“ bis „außergewöhnliche Dürre“ eingeteilt. Der SMI erreichte auf dem Höhepunkt des Dürreereignisses am 21.6.2015 in großen Teilen Deutschlands die Trockenklasse „schwere Dürre“; für das Rhein-Maingebiet und große Teile Ostdeutschlands wurde „extreme Dürre“ und für Ungunstgebiete mit vorwiegend sandigen Böden sogar „außergewöhnliche Dürre“, die extremste Klasse, ausgewiesen. Diese Auswertungen des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) bestätigen die Aussage des DWD, dass es sich im Frühjahr 2015 ohne Zweifel um eine Dürrephase, in einigen Regionen Deutschlands sogar um eine extreme Dürre gehandelt hat. Die Trockenheit dürfte insbesondere Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion haben, da sie in die Hauptvegetationsphase vieler Nutzpflanzen fiel. So erreichte die Bodenfeuchte unter Wintergetreide in den mittleren Regionen Deutschlands die niedrigsten Werte seit 1962 (www.deutscher-klimaatlas.de/Sektor Landwirtschaft). Viele Landwirte haben daher große Sorgen um mögliche Ernteeinbußen.

Aus hydrologischer Sicht bewirkte die Dürre ein stetiges Absinken der Wasserstände in den meisten deutschen Flüssen bis auf mittleres Niedrigwasser (MNW). Ausnahmen stellen die Donau und der Rhein dar, die mit ihrem alpinen Abflussregime von den Niederschlägen im Voralpenraum profitierten.

Die Zahlen zur diesjährigen Dürreperiode belegen, dass es in Deutschland durchaus Regionen gibt, in denen unter extremen Witterungsbedingungen Wasser kurzzeitig Mangelware sein kann. Dies wird in der aus dem aktuellen „Weltwasserbericht der Vereinten Nationen 2015“ entnommenen „Weltkarte der Wasserverfügbarkeit“ (s. Bild unten) bestätigt.

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Danach wird Deutschland mit einer mittleren verfügbaren Wassermenge von 2.220 m³ pro Einwohner und Jahr in die Kategorie „vulnerability“ eingeordnet (s. Bild), d.h. es ist, im Gegensatz z.B. zu unserem Nachbarn Frankreich, eine gewisse Verletzlichkeit/Anfälligkeit für Wassermangel vorhanden.

Der „normale“ Bürger in Deutschland hat dies bisher nicht zur Kenntnis genommen. So wurde die diesjährige ungewöhnliche Dürreperiode nur durch Horrormeldungen aus anderen Weltregionen wie z. B. Kalifornien („schlimmste Dürrekatastrophe seit 1200 Jahren“) oder Nordkorea („härteste Dürre seit 100 Jahren“) wahrgenommen.

Dass in Deutschland keinerlei Probleme bei der flächendeckenden Trinkwasserversorgung auftraten, keine Wassersparappelle oder -dekrete notwendig waren, liegt jedoch an der guten und funktionierenden wasserwirtschaftlichen Infrastruktur in unserem Lande. Regionen, die von Natur aus niederschlagsarm sind oder durch eine hohe Bevölkerungsdichte einen hohen Wasserbedarf aufweisen, wurden schon vor Jahrzehnten mit überregionalen Speicher- und Versorgungssystemen ausgestattet wie z.B.

  • die Fernwasserversorgung aus dem Harz für den Raum Bremen,
  • das Talsperrensystem im Sauerland für die Wasserversorgung der Metropole Ruhr,
  • die Wasserversorgung des schwäbischen Industriegebietes im Großraum Stuttgart durch Überleitung von Trinkwasser aus dem Bodensee (Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung,

um nur einige (wesentliche) Beispiele zu nennen. Diese wasserwirtschaftlichen Systeme sind auf die Überbrückung solcher und längerer Trockenzeiten ausgelegt. Rechnet man im Übrigen nach der gleichen Methodik historische Trockenperioden durch, so würde z.B. der Ballungsraum Ruhr in einem extremen Trockenjahr wie 1959 mit nur 277 m³ pro Einwohner und Jahr ohne das Speichersystem im Hintergrund in den Bereich des absoluten Wassermangels („absolute scarcity“) einzuordnen sein.

Schlussfolgerungen:

Die Dürreperiode im Frühjahr 2015 ist durchaus als nicht „exotisch“ einzuordnen, sondern statistisch gesehen mit einer mittleren Wiederkehrwahrscheinlichkeit ausgestattet. D.h. mit anderen Worten: Deutschland ist entgegen landläufiger Meinung durchaus nicht in allen Regionen und zu allen Zeiten mit Wasserüberschuss gesegnet. Dies widerspricht ein wenig der Einschätzung von Philipp Wagnitz, Referent für Süßwasser und Wasserpolitik beim WWF Deutschland, der in seinem Bericht über die globale Wasserkrise vom 20.3.2015, schreibt, dass Deutschland eine „komfortable Wasser-Situation“ habe und global gesehen ein „Ausnahmefall“ sei. Dürre wirkt sich insbesondere auf die landwirtschaftliche Produktion aus, die unter reduzierten Ernteerträgen oder im schlimmsten Fall unter Ernteausfällen zu leiden hat. Hier erhält die Tatsache, dass heute – wie in Teil 5 der Spezialserie zum Wasser, die im Blog der Republik ausführlich dargestellt ist – jedes zweite in Deutschland gegessene Nahrungsmittel, importiert werden muss, eine zusätzliche Bedeutung in Bezug auf die Ernährungssicherheit unseres Landes. Wenn dann in den Lieferländern zeitgleich ebenfalls eine Trockenperiode auftritt, könnte dies zu schwerwiegenden Lieferengpässen führen!

Ressourcenschutz ist unverzichtbar

Soweit die Feststellungen und aus Sicht der Wassernutzer in vielen Regionen beruhigenden Prognosen über die Wasserverfügbarkeit eines ausgewiesenen Wasserexperten. Wer sich für die aktuellen Wasserstände von Flüssen und Seen interessiert, findet bei den für die Wassermengensteuerung verantwortlichen Verbände aufschlussreiche und aktuelle Daten. Als Beispiel sei hier der Ruhrverband genannt, der für die Steuerung der Ruhr und ihrer Talsperren zuständig ist. Die Ruhr dient als Vorlieferant der Trinkwasserversorger im Ruhrgebiet und versorgt damit mittelbar 4,5 Millionen Menschen.

Wie Morgenschweis zurecht warnt, sind wir nicht nur vom Wasservorrat hierzulande abhängig, sondern hängen mit unseren Lebensmitteln auch am „Wassertropfen“ der Herkunftsländer der von dort stammenden Importwaren. Um so weiter leben zu können wie bisher, müssen wir auch die Wasserressourcen dort im Blick haben.

Das Original dieses Beitrages ist im Blog-der-Republik erschienen. Dort finden sich neben den Quellen zu diesem Artikel auch weitere interessante Beiträge zu Politik und Gesellschaft – nicht nur zum Thema Wasser.

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