Progressive Wassertarife: Warum gute Absichten nicht reichen

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Progressive Wassertarife gelten vielen als Königsweg: Sie sollen Wasser sparen, soziale Gerechtigkeit fördern und den Klimawandel gleich mit adressieren. Doch je genauer man hinschaut, desto deutlicher wird: Dieses Instrument stößt an harte Grenzen – ökonomisch, sozial, kommunikativ und abrechnungstechnisch. Schwierig, aber machbar.

Preisliche Anreize zum Wassersparen

Progressive Wassertarife zielen darauf ab, durch eine mengenabhängige Staffelung der Wasserentgelte einen etwaigen Mehrverbrauch an Wasser so zu verteuern, dass damit ein Anreiz entsteht, mit der knappen Ressource sorgsam umzugehen. Die Wassernutzer sollen preisliche Anreize erhalten, weil sie der Theorie nach, versuchen solche Kosten zu vermeiden, denen kein adäquater Nutzen gegenübersteht. Hört sich überzeugend an, ist aber in der Praxis alles andere als einfach, zumal wenn es um Wasser geht. Einerseits sind die Entgelte im Vergleich zu anderen Dingen des täglichen Lebens vergleichsweise gering, zum anderen sind die Preisimpulse kaum wahrnehmbar.

Das zeigt nicht nur die internationale Forschung, sondern auch ein Gutachten für das Hessische Umweltministerium, das von mir gemeinsam mit KollegInnen von BBH und MOcons zu preislichen Anreizen beim Wasserverbrauch im vergangenen Jahr erarbeitet wurde. In den nächsten Wochen geht das niedersächsische Wasserhetz in seine letzte Runde. Darin hat die Landesregierung eine Regelung verankert, die es Wasserversorgern, die Gebühren erheben, ermöglichen soll, progressive Wassertarife einzuführen.

Hoher Verbrauch sollte nicht mit Verschwendung gleichgesetzt werden

Ein zentrales Missverständnis progressiver Wassertarife liegt in der Annahme, hoher Verbrauch sei gleichbedeutend mit Verschwendung. Das ist eine Verallgemeinerung, die einer genaueren Betrachtung nicht stand halten dürfte. Denn der Wasserverbrauch privater Haushalte setzt sich aus sehr unterschiedlichen Bedarfskategorien zusammen – Grundhygiene, Kochen, Waschen, Gebäudetechnik. Große Teile davon sind nicht oder nur sehr begrenzt einsparbar.

Essen, Trinken und Körperhygiene sind existenzielle menschliche Bedürfnisse, die beim Wasser sogar gesetzlich geschützt sind. Sie dienen unmittelbar dem menschlichen Gebrauch. Einsparpotenziale dürfte sie im Regelfall kaum bieten. Bei der Wäsche- und Haushaltsreinigung, dem Geschirrspülen und der Toilettenspülung läßt sich schon der eine oder andere Liter sparen. Allerdings ist das zuweilen mit der Anschaffung moderner wassersparender Geräte verbunden. Beim darüberhinaus gehenden Komfort- oder Luxusbedarf wie der Gartenbewässerung oder Poolbefüllung sollten Einsparpotenziale beispielsweise durch Ersatz durch Regenwasser vorhanden und Preisanreize sinnvoll sein. Aber wie wird bestimmt, welche Anteil der Gesamtwassermenge dem Komfort oder Luxus dient und reduziert werden könnte? Denn eigentlich sollte nur auf diese der höhere Tarif entfallen. Nicht einmal ein Haushalt selbst kann seine Wassernutzungen unterscheiden. Dabei hilft auch kein noch so intelligenter Wohnungswasserzähler, der ja auch nur den Gesamtverbrauch – bestenfalls täglich – ermitteln und anzeigen kann.

Wassernutzungen in Abhängigkeit der Bedarfskategorie (Gendries)

Ich veranschauliche das Problem an einem Beispiel. Der jährliche Wasserverbrauch in privaten Haushalten liegt bekanntlich bei etwa 40 Kubikmeter im Jahr (d.h. ohne das sog. Kleingewerbe). Wird nun bei einem Single-Haushalt eine Jahresentnahmemenge von 200 Kubikmetern Wasser festgestellt, dann dürfte dessen Wasserverbrauch wohl sehr deutlich über den Grundbedarf hinausgehen. Der teurere, weil aus ökologischen Gründen vermeidbare Luxusanteil, wäre damit beträchtlich. Mancher sozial- oder umweltpolitischen Logik folgend, sollte hier der Mehrverbrauch auch teuer sein dürfen. Stellen wir dieselbe Wassermenge aber bei einer sechsköpfigen Familie fest, träfen wir auf einen schon sehr sparsamen Haushalt. Wie bemißt man jetzt den richtigen Tarif auf „verschwenderisch“ oder „sparsam“? Wie soll das der Wasserversorger in seinem Preismodell berücksichtigen? Noch schwieriger wird es, wenn es sich um ein Mehrfamilienhaus handelt. Weiß der Wasserversorger, in welchen Gebäuden die Verbraucher wohnen?

Durch Datenmangel entstehen nicht nur soziale Schieflagen

Progressive Tarife treffen nicht allein „den verschwenderischen Komfortverbrauch“, sondern häufig strukturelle Aspekte: Haushaltsgröße, Wohnform, technische Ausstattung. Wer mit acht Personen in einer Mietwohnung im Mehrfamilienhaus lebt, rutscht schneller in teure Tarifstufen als ein wohlhabender Single in einem Einfamilienhaus. Vielleicht handelt es sich ja auch um einen Gewerbebetrieb. Das ist keine Verhaltenslenkung, sondern angesichts der fehlender Datengrundlagen ein statistischer Kurzschluss.

In meiner Beratungspraxis stelle ich immer wieder fest, dass den Versorgern schon die Daten fehlen. Sie wissen in der Regel nicht, ob es sich um einen Gewerbebetrieb oder um ein Wohngebäude handelt. Auch die Anzahl der Wohneinheiten sind nicht bekannt. Wie sollen dann festgestellt werden, wie viele Haushalte das viele Wasser verbrauchen oder wie viele Personen in den Wohnungen leben?

Das niedersächsische Landeswassergesetz will diese Datenlücke übrigens mit einem Kniff lösen. Die Versorger sollen auf die Daten der Einwohnermeldeämter zugreifen. Was das für die angestrebte Bürokratievereinfachung in den kommunalen Verwaltungen und für die Abrechnungs- und Beschwerdeprozesse auf Seiten der Versorger bedeutet, läßt sich nur erahnen. Für private Versorger dürfte dieser Weg ehedem nicht zugänglich sein.

So mag man sich einen „Wasserverschwender“ vorstellen

Wahrnehmungsbarrieren sind ein Dauerproblem

Ein weiteres Problem: Progressive Tarife behandeln formal alle gleich – und wirken gerade deshalb sozial ungerecht. Hier können „sozialen Schieflagen“ entstehen, wenn Tarife nicht an Haushaltsgröße, Wohnsituation oder Abrechnungspraxis angepasst sind. Besonders deutlich wird das im Mehrfamilienhaus: Dort wird Wasser oft über Nebenkosten verteilt, zwar nimmt der Anteil der Wohnungswasserzähler kontinuierlich zu, aber immer noch gibt es sehr viele pauschale Umrechnungen über Wohnungsgröße oder Personenzahl. Das Preissignal des Versorgers kommt beim einzelnen Haushalt gar nicht an. Wer sparen soll, weiß weder, was ihm das Wasser kostet, noch was er sparen kann.

Ein oft übersehener Punkt ist zudem die systemische Entkopplung von Verbrauch und Verantwortung. In Mietverhältnissen zahlen Eigentümer die Rechnung und legen die Wasserkosten auf die Mietparteien um. In Wohnungseigentümergemeinschaften wird häufig pauschal verteilt. Progressive Tarife lassen sich in diesen Strukturen schlicht nicht „durchreichen“. Sie können also gar keine Wirkung entfalten. Für unser Gutachten habe ich den Begriff der „Wahrnehmungsbarrieren“ verwendet. Diese lassen sich auch mit einem noch so ausgeklügelten Tarifdesign nicht überwinden.

Problem des Nichtwissens: Preise wirken nur, wenn man sie kennt und versteht

Wir stossen immer wieder das Problem, dass die Wasserpreise nicht bekannt sind. Das wirft die Frage auf, wie die in den Preisen gesetzten Anreize wirken und den Haushalt zum Wassersparen veranlassen sollen. Anders ausgedrückt: der Verbraucher muss die Wasserentgelte und darauf basierend die mit einer Verbrauchsänderung einhergehenden möglichen Kostenersparnisse kennen, damit er auf Anreize in dem beabsichtigten Ausmaß reagieren kann. Die Unterscheidung zwischen Verbraucher und Kunden ist nicht unbedeutend. Denn schon der Kunde, also Vertragspartner des Wasserversorgers, erhält nur einmal jährlich die Abrechnung. Ich hatte meine Rechnung für 2025 vor wenigen Tagen in der Post. Wäre ich Mieter, müsste ich je nach Motivation meines Vermieters, auf die Nebenkostenabrechnung möglicherweise bis Dezember 2026 warten.

Das bringt mich zu einem weiteren Dilemma. Seit Jahren zeigen Verbraucherbefragungen, dass es für Verbraucher nur wenig Unbedeutenderes zu geben scheint, als die von zu bezahlenden Wasserentgelte oder Wasserrechnungen. Mal gerade jede fünfte in einer Umfrage des VKU befragte Person gab an, die zu zuhaltenden Wasserpreise oder die Höhe ihrer Wasserrechnung zu kennen. Wurde sie gebeten, die Wasserpreise zu benennen, kamen astronomische Beträge dabei heraus. Die Gründe für die Unwissenheit sind vielsagend. Sie reichten von schlichtem Desinteresse über unmerkliche Preishöhen bis zur unverständlichen Nebenkostenabrechnung.

Fazit: Viele Haushalte kennen nicht nur nicht ihren Wasserpreis, sondern es recht nicht die Tariflogik. Ein Wasserversorger brachte es auf den Punkt: „Wir schaffen ein kompliziertes Preissystem, dessen Erfolg voraussetzt, dass die Verbraucher es verstehen, aber sie kennen es nicht und kümmern sich auch nicht darum.

Mehr Transparenz beim Verbrauch

Die Wirksamkeit von preislichen Anreizen erfordert nicht nur die Kenntnis der Preise und ihrer Differenzierung, sondern auch die Kenntnis des Verbrauchs, besser noch die dadurch entstehenden Kosten. Das heißt, die Verbraucher müssten eigentlich für ihren Verbrauch interessieren und in Echtzeit erfahren, was ihnen eine Wassernutzung gerade kostet. Auch hier ist das Problem die zeitliche Entkopplung von Verbrauch und Rechnungstellung. Also könnte die Lösung in intelligenten Zählern liegen, die auf einem Display oder via Smartphone die Verbrauchswerte oder gar die damit verbundenen Kosten sofort zeigen. Noch sind diese Systeme in Deutschlands Wasserwirtschaft erst im Aufbau.

Im Anschlussraum unseres Hauses arbeitet ein solcher innovativer Zähler. Mit Hilfe dessen kann ich meine Verbrauchswerte und die Wasserkosten am Ende des Tages von meiner Smartphone-App ablesen. Sogar die Abwasserkosten sind eingerechnet. Tarifbedingt liegt dahinter noch keine progressive Preissystematik für das Trinkwasser, sondern nur ein schlichter Mengenpreis. Wir wissen dann bestenfalls, was wir an einem Tag an Wasser verbraucht haben und für das Wasser bezahlen müssen. Aber diese Systeme sind die Ausnahme. Im Normalfall gibt es keine Interaktion, kein unmittelbares Feedback, keinen Lernprozess. Die Wasserversorger müssten also in smarte Zählersysteme und innovative Abrechnungssysteme investieren. Das ist für viele noch Zukunftsmusik.

Wasserverbraucher handeln nicht nach ökonomischer Theorie

Besonders ernüchternd ist der Blick auf die Preiselastizität. Dabei geht es um die Frage, wie sich ein Verbrauch verringert, wenn der Preis steigt. In unserem Gutachten haben wir aufgegriffen, was viele Studien seit Jahren zeigen: Der Wasserverbrauch von Privathaushalten reagiert kaum auf Preisänderungen. Selbst deutliche Preisunterschiede führen nur zu minimalen Verbrauchseffekten. Wasser ist ein Grundgut – kein Konsumartikel, den man beliebig drosselt. Die Gründe dafür liegen in dem, was ich zuvor beschrieben habe.

Was die Wirkung noch beeinträchtigen wird, ist die Zahlungsbereitschaft. Ein einkommensstarker Haushalt wird tendenziell eher in der Lage sein, das mengenmäßige überhöht Niveau seiner Wassernutzung aufrechtzuerhalten, wenn er sich davon einen Nutzen verspricht und die hohen Kosten nicht scheut. Ein Poolbesitzer, den ich mal nach seiner Zahlungsbereitschaft gefragt habe, brachte es wie folgt auf den Punkt: „Ich kaufe doch nicht für 30.000 Euro einen Swimmingpool und lasse mich dann von einem um einige Cent höheren Wasserpreis abschrecken.“

Anders ist es übrigens bei Gewerbebetrieben oder in der Industrie. Die Unternehmen sind deutlich preissensitiver. Sie rechnen nach, wann sich für sie eine andere Technologie lohnt, die weniger Wasser verbraucht. Bei Unternehmen wären progressive Tarife durchaus angebracht. Allerdings scheuen viele Versorger – auch auf Druck der Lokalpolitik – die Einführung derartiger Wasserpreise, die mit steigendem Verbrauch höher werden. Insbesondere wasserintensive Branchen könnten schon mal über den Standort nachdenken.

Damit könnte sich eine unbequeme Frage stellen: Wenn der Preis kaum lenkt, wozu dann die ganze Komplexität?

Fazit: Nicht unmöglich, aber es sollte gut durchdacht sein

Vor 15 Jahren haben wir mit dem Systempreismodell ein derartig innovatives und durchaus komplexes Wasserpreissystem entwickelt, das bei den Herausforderungen viele Parallelen aufwies. Entwickelt und eingeführt wurde es 2012 beim RWW in Mülheim an der Ruhr. Mittlerweile wird der Wasserverbrauch von rund 6 Millionen Menschen nach dem Tarifsystem abgerechnet. Wir haben damit beweisen können, dass mit den richtigen Stellschrauben und Instrumenten ein Preissystem für die Wasserwirtschaft realisiert werden kann, das für Verursachungsgerechtigkeit und Ausgewogenheit bei den Tarifen sorgt und die Versorger bei der Kostendeckung und Substanzerhaltung ökonomisch unterstützt. Diese Voraussetzungen wird auch ein Tarifsystem benötigen, das sich auf eine progressive Preisstaffelung stützt.

Es gibt in der deutschen Wasserwirtschaft schon progressive Tarifsysteme, die mit einfachen Preisstaffeln oder Zonentarifen arbeiten. Auch diese stoßen bei genauerer Betrachtung an dieselben Grenzen. Übrigens gibt es ähnlich Systeme auch in Frankreich, dort allerdings noch mit saisonal abhängigen Staffelungen. Wo liegt eigentlich der Knackpunkt? Meine Antwort: Bei der Erwartungshaltung und in der Umsetzung!

Denn eins sollte bedacht werden: Progressive Wassertarifsysteme sind kein Allheilmittel. Sie sind ein Instrument, das nur unter sehr spezifischen Bedingungen überhaupt wirken kann. Wenn sie nicht richtig ausgestaltet oder übereilt eingeführt werden, können sie in den Abrechnungs- und Beschwerdeabteilungen und beim Kundenvertrauen erhebliche Nebenwirkungen erzeugen. Unverzichtbar sind daher neben vielen anderen Aspekten insbesondere eine klare Zieldefinition, eine verlässliche Datengrundlage, eine ausgefeilte Modellierung und sehr viel Kommunikation. Wenn die Preiskommunikation psychologisch, inhaltlich und technisch zielgerichtet konzipiert und umgesetzt wird, kann auch ein derartig komplexes Wasserpreissystem erfolgreich eingeführt werden. Man muss nur offen darüber sprechen, wo die Grenzen liegen. Wer diesen Weg in Betracht zieht oder einfach nur mehr wissen will, kann mich gerne ansprechen siegfried@gendries.de

Quellen und Weiterführendes

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