PFAS im Trinkwasser. Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit?

In den USA breitet sich eine unsichtbare Trinkwasserkrise aus. PFAS, die sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ haben das Grundwasser in vielen Regionen kontaminiert. Gesundheitliche Gefahren sind am größten für solche Haushalte, die auf private Trinkwasserbrunnen angewiesen sind. Denn diese sind nicht an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen. Viele davon können sich die Anschlüsse nicht leisten. Das macht sie zu potenziellen Opfern des verunreinigten Trinkwassers.

Welche Folgen dies für die Gesundheit haben kann, zeigt eine Studie, die die Auswirkungen für Schwangere und Kleinkinder aufzeigt, die ihr Trinkwasser aus derartigen Brunnen entnehmen. Ich konnte die Ergebnisse kaum glauben und hatte deshalb Kontakt mit den Autoren aufgenommen. Die Studienergebnisse geben Anlass zur Besorgnis.

Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung ist keine Selbstverständlichkeit

Jeder zehnte US-Amerikaner:in, rund 43 Millionen Menschen, erhält das Wasser nicht aus modernen Wasserwerken, die ihr Wasser regelmäßig analysieren und ggf. aufwendig filtern. Überdurchschnittlich häufig leben diese Menschen in ländlichen, strukturschwachen oder einkommensarmen Regionen. Überwiegend handelt es sich um Gebiete mit ethnischen Minderheiten oder indigenen Bevölkerungsgruppen.

Und es sind gerade diese Regionen in den USA die bis heute durch das Raster der Trinkwasserregulierung fallen. Für private Brunnen gelten keine nämlich keine Pflicht zur regelmäßigen Untersuchung und kaum staatliche Unterstützungsprogramme.

Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP unter staatlichen Behörden führen mindestens 20 Bundesstaaten keine PFAS-Untersuchungen an privaten Brunnen durch, sofern nicht bereits ein Verdacht auf Probleme besteht. Und viele verfügen über keine klaren Richtlinien, um Brunnenbesitzer zu informieren, wenn in der Nähe PFAS-Probleme auftreten. Aber wie sollen Betroffene das überhaupt feststellen? PFAS sind farb-, geruchs- und geschmacklos. Wer keinen Test durchführen lässt, trinkt das belastete Wasser oft jahrelang, ohne es zu wissen. Die Abhängigkeit von privaten Brunnen ist damit nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein soziales Risiko.

Wasserturm Shore Harbour (NJ / USA) Foto: Gendries

Nur wer testet, kann PFAS-Gefahren auch erkennen

Die Ereignisse in der Kleinstadt Stella im US-Bundesstaat Wisconsin hat lange Zeit die Schlagzeilen geprägt. Erst durch freiwillige Tests von skeptisch gewordenen Bewohnern wurde bekannt, dass zahlreiche Brunnen extrem hohe PFAS-Konzentrationen aufweisen, teils tausendfach über den heutigen Grenzwerten für öffentliches Trinkwasser. Viele Familien hatten das Wasser über Jahrzehnte unwissend genutzt und getrunken. Ein Umzug oder ein Anschluss an das städtische Netz ist für viele nicht möglich, weil diese Alternative nicht angeboten wird oder sie es sich nicht leisten können. Dabei zeigt sich wie sich Umweltbelastung und soziale Verwundbarkeit überlagern. Vor wenigen Wochen beugte sich der Gouverneur des Staates dem öffentlichen Druck und ließ ein Gesetz verabschieden, das den Betroffenen finanzielle Unterstützung für die Bewältigung einer Gefahr gewähren soll, an deren Entstehung sie nicht schuld sind.

Der US-Bundesstaat Michigan hingegen ist proaktiv vorgegangen. Dort sind Millionen von Menschen auf private Brunnen angewiesen, und die Behörden haben das Grundwasser untersucht und Brunnenbesitzern in der Nähe von PFAS-Hotspots kostenlose Tests angeboten. Diese Tests können Hunderte von Dollar kosten – Geld, das viele nur ungern oder gar nicht ausgeben können.

PFAS-kontaminiertes Trinkwasser gefährdet Schwangere und Kleinkinder

Wie gravierend die gesundheitlichen Folgen von PFAS in Trinkwasser sind, zeigt die im Fachjournal PNAS veröffentlichte Studie „PFAS-contaminated drinking water harms infants“.

Die Forschenden der University of Arizona untersuchten Geburten im US-Bundesstaat New Hampshire zwischen 2010 und 2019, um zu identifizieren, welche Gefahren von Brunnenwasser ausgehen, wie PFAS krank machen und die Sterblichkeit erhöhen. Dazu nutzten die Forschenden die Fließrichtung des Grundwassers, um Haushalte mit PFAS-belasteten Brunnen stromabwärts von Verschmutzungsquellen mit unbelasteten Haushalten stromaufwärts zu vergleichen. So konnten sie erstmals einen klaren kausalen Zusammenhang zwischen PFAS im Trinkwasser aus privaten Brunnen und schweren gesundheitlichen Schäden bei Säuglingen nachweisen.

Die Ergebnisse sind alarmierend. Säuglinge von Müttern, die während der Schwangerschaft PFAS-belastetes Brunnenwasser tranken, hatten ein deutlich erhöhtes Risiko zu sterben, zu früh geboren zu werden oder mit extrem niedrigem Geburtsgewicht zur Welt zu kommen. Diese Effekte traten bereits bei sehr niedrigen PFAS-Konzentrationen auf, also in einem Bereich, der lange Zeit in den USA als gesundheitlich unbedenklich galt. Besonders problematisch ist, dass viele der betroffenen Frauen nicht wussten, dass ihr Brunnen im Einflussbereich einer PFAS-Quelle lag.

PFAS-Sicherheit ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Für sozial schwächere Regionen verschärft sich die Lage zusätzlich. Während wohlhabendere Haushalte Filteranlagen installieren, neue Brunnen bohren oder auf Flaschenwasser ausweichen können, fehlen diese Optionen vielerorts. PFAS lassen sich nur mit teuren Aktivkohle- oder Umkehrosmoseanlagen entfernen, die regelmäßig gewartet werden müssen. Neue Brunnen kosten oft zehntausende Dollar – ohne Garantie auf sauberes Wasser. Denn die Betroffenen stehen bei der Bohrung neuer Brunnen vor der Unsicherheit, woher das unbelastete Wasser kommen soll.

In manchen Fällen bleibt nur der dauerhafte Bezug von Flaschenwasser, eine Lösung, die sich viele auf Dauer nicht leisten können. Ungeachtet dessen werden sie von öffentlichen Unterstützungsprogrammen nicht berücksichtigt. So fließen öffentliche Mittel in den USA überwiegend in die kommunalen Wasserversorgungssysteme, während private Brunnen – und damit oft sozial benachteiligte Haushalte – weitgehend außen vor bleiben. Daran hat sich auch in der Trump-Ära nichts geändert. Ein Bericht der EPA aus Februar verweist zwar auf strengere Kontrollen der Wasserversorger bei PFAS – die privaten Brunnen sind dabei nicht erwähnt. Hier zählt die Eigenverantwortung.

Nur wenn die Standorte durch das EPA-Superfund-Programm (CERCLA), einem US-Bundesprogramm zur Sanierung der am stärksten mit gefährlichen Abfällen kontaminierten Standorte, erfasst werden, können öffentliche Mittel fließen. Das trifft aber nur auf sehr wenige Ausnahmefälle zu..

Damit wird deutlich, dass PFAS im Trinkwasser in den USA nicht nur ein Umwelt- und Gesundheitsproblem ist, sondern auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Wer in strukturschwachen Regionen lebt, ist häufiger auf private Brunnen angewiesen, wird seltener getestet, schlechter unterstützt und trägt ein höheres Gesundheitsrisiko – oft ohne es zu wissen. Wissenschaftliche Studien wie die oben genannte zeigen, dass diese Ungleichheit reale und schwere Folgen hat, insbesondere für Kinder. Ohne verbindliche Testpflichten, gezielte Förderprogramme für private Brunnen und eine stärkere Berücksichtigung sozialer Faktoren bleibt der Schutz von Millionen Menschen dem Zufall überlassen. Ob sich hierbei unter der Präsidentschaft von Donald Trump etwas ändern wird, dürfte eher fraglich sein.

In einem Folgebeitrag werde ich über die Situation in Deutschland berichten.

Quelle und Weiterführendes

Beitragsfoto: Siegfried Gendries

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