Vor einigen Wochen waren wir noch optimistisch. Die Voraussetzungen für eine ökologische Erholung der Ostsee schienen günstig. Ostwinde hatten ungewöhnlich viel Wasser aus der Ostsee hinausgedrückt. Erwartet worden war, dass kaltes, salziges Nordseewasser zurückkommt. Leider haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt – noch nicht.
Anfang Februar schätzte das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) die Wahrscheinlichkeit für einen großen Salzwassereinbruch aus der Nordsee auf 80 bis 90 Prozent – wenn sich die Winde drehen. Das hätte für den Zustand der Ostsee erhebliche Bedeutung gehabt – doch bislang ist es ausgeblieben.
Warum ein Salzwassereinbruch für die Wasserqualität wichtig ist
Große Salzwassereinströme aus der Nordsee gelten als eine Art natürlicher „Erneuerungsmechanismus“ für die Ostsee. Sie transportieren kaltes, sauerstoffreiches Wasser in die tiefen Becken des Meeres.
Wie der Ozeanograph Volker Mohrholz vom IOW erklärt, kann kaltes Wasser deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes. Ein kräftiger Einstrom hätte deshalb überdurchschnittlich viel Sauerstoff in die Tiefenbereiche der Ostsee bringen können. Genau dort herrscht seit Jahren vielerorts Sauerstoffmangel.

(Foto: Gendries)
Ein solcher Zustrom hätte zwei wichtige Effekte haben können. Zum einen hätte er die sauerstoffarmen Tiefenbecken, in denen sich derzeit häufig „Todeszonen“ bilden, belüftet. Und darüberhinaus das Tiefenwassers, dessen Temperaturen in den zentralen Ostseebecken seit etwa zwei Jahrzehnten ungewöhnlich hoch sind, abgekühlt. Beides hätte die Wasserqualität und die ökologischen Bedingungen im Meer deutlich verbessern können. Das IOW warnt in wissenschaftlichen Studien vor den Folgen für den Lebensraum Ostsee.
Die Ostsee füllt sich – aber ohne den erhofften Effekt
Mitte Februar hatte zwar hat der Wintereinbruch mit zweistelligen Minustemperaturen dafür gesorgt, dass in der Lübecker Bucht die Ostsee in einigen Bereich zugefroren war und sich die Eisschollen an den Uferbreichen „stauten“ (siehe Foto oben). Es mussten sogar „Eiswanderer“ von abgedrifteten Schollen gerettet werden, wie ich bei meinem Aufenthalt an der Küste miterlebte (siehe Foto). Allerdings hat sich die Winterepisode auf die Temperaturen in den Tiefen der Ostsee nicht ausgewirkt.

(Foto: Gendries)
Inzwischen hat sich der Wasserstand der Ostsee zwar wieder erhöht. Anfang Februar lag er noch bei minus 67 Zentimetern unter dem mittleren Wasserstand, Anfang März nur noch bei minus 19 Zentimetern. Doch leider erfolgt die Auffüllung nicht durch salzreiches Nordseewasser. Stattdessen strömte überwiegend das zuvor hinausgedrückte salzarme Ostseewasser wieder zurück – lediglich leicht vermischt mit Wasser aus dem Kattegat, wo sich Nord- und Ostsee treffen.
Die Windverhältnisse änderten sich. Der starke Ostwind ließ nach, doch gleichzeitig blieben die für einen Salzwassereinbruch entscheidenden kräftigen Westwinde aus.
Zu wenig Salz und zu geringe Dichte
Das zurückströmende Wasser weist laut IOW nur einen Salzgehalt von etwa 11 bis 13,5 Gramm pro Kilogramm auf. Entscheidend ist jedoch nicht nur der Salzgehalt, sondern auch die Dichte des Wassers. Diese reicht nicht aus, damit das Wasser in die tiefsten Bereiche der zentralen Ostsee absinken kann. Genau dort wären jedoch Sauerstoffzufuhr und Durchmischung besonders wichtig. Damit bleibt auch der positive Effekt auf die Sauerstoffversorgung der Tiefenwasserbereiche aus – ein zentraler Faktor für die ökologische Stabilität der Ostsee.
Eine kleine Chance besteht noch
Rein hydrologisch wäre ein großer Salzwassereinbruch weiterhin möglich: Mit derzeit rund 19 Zentimetern unter dem mittleren Wasserstand bleibt die Ostsee grundsätzlich „aufnahmebereit“. Allerdings spricht die aktuelle Wetterlage dagegen. Ein stabiles Hochdruckgebiet mit südlichen bis südwestlichen Winden bestimmt seit Wochen das Wetter. Die für einen starken Einstrom nötigen Nordweststürme sind derzeit nicht in Sicht.
Das Fazit des IOW fällt deshalb nüchtern aus: Vor einigen Wochen sprach vieles für einen großen Salzwassereinbruch. Doch diesmal haben die 10 bis 20 Prozent Wahrscheinlichkeit, die dagegenstanden, offenbar die Oberhand behalten. Für die Ostsee bedeutet das vorerst: Die dringend benötigte Sauerstoffzufuhr für die Tiefenwasserzonen bleibt weiterhin aus. Aber es besteht noch Hoffnung…
Quellen / Weiterführendes
- Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde IOW
- Obwohl die Ostsee Wasser verliert, könnte die Natur gewinnen, Lebensraumwasser, 9.2.2026
- Joachim Kuss, Peter Holtermann, Lars Umlauf, Olaf Dellwig, Ralf D. Prien, & Joanna J. Waniek (2026). The Changing Baltic Sea: Between Nutrient Load Reduction and a Warming Climate. Annu. Rev. Mar. Sci. 2026. 18:16.1–16.26, doi.org/10.1146/annurev-marine-040324-020707



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