Das Elend mit der Verstopfung. Wie wir die Toilette vor Feuchttüchern bewahren können.

Des einen Freud, des anderen Leid. Während immer mehr VerbraucherInnen auf feuchte Hygienetücher nicht verzichten wollen, laufen die Abwasserentsorger Sturm. Der Werbeerfolg bei Feuchttüchern führt nicht nur zu steigenden Absatzzahlen, sondern auch zu zunehmenden Problemen im Abwassersystem. 204 Millionen Packungen wurden 2015 bundesweit verkauft, die Wachstumsraten sind zweistellig. Waren Feuchttücher vor zehn Jahren im Einsatz um Babypopos zu säubern, werden sie heute auch in der Gesichtspflege, der Haushaltsreinigung und als Hygienetücher für unterwegs verwendet. Sie sind mittlerweile kaum noch wegzudenken. Viele landen in der Toilette statt im Abfalleimer. Anders als herkömmliches Toilettenpapier winden sich Hygiene-Feuchttücher wegen ihrer Materialbeschaffenheit und der steigenden Mengen an die Abwasserpumpen und bringen diese zum Stillstand. Immer mehr Abwasserentsorger schlagen daher Alarm und bitten Verbraucher, für die Kosmetik oder Babypflege benutzte Tücher nicht über die Toilette zu entsorgen.

Warum sind Feuchttücher ein Problem für Abwasserentsorger?

Die Feuchttücher sind anders als herkömmliche Toilettenpapier reißfest und daher so praktisch. Das verdanken sie einer Mischung aus Viskose, die aus Zellstoff hergestellt wird, dessen Ausgangsmaterial Holz ist, und Chemiefasern. Und genau da liegt das Problem. Reißfest in der Handhabung beutetet auch reißfest in den Pumpen. Wer sich vorstellt, was ein reißfestes Papier mit seiner Küchenmaschine anstellt, wird ein Gefühl dafür bekommen, was die Papiere mit einem Schneckenlaufwerk in der Abwasserpumpe anstellen. „Verzopfung“ nennt sich diese Störung, die zu ähnlichen Folgen führt, wie der ähnliche lautende Begriff für Verdauungsstörungen. Es geht dann nämlich nichts mehr. Die Techniker müssen dann die Pumpe öffnen und von Hand die nunmehr wenig hygienischen Tücher aus der Pumpenschnecke entfernen.

Entfernung von Feuchttüchern

Entfernung von Feuchttüchern

Mitte Februar war ich als Referent bei einem Expertenworkshop des IKT Institut für Unterirdische Infrastruktur, Gelsenkirchen. Dort saßen sie, die Techniker, die bei den großen Abwasserentsorgern für den einwandfreien Betrieb der Anlagen zuständig sind. Sie suchten nach technischen Lösungen. Alle hatten es schon mit Verbraucheraufklärung versucht, Flyer verteilt, Bürger angesprochen und die Presse eingeladen. Auch die Hersteller der Pumpen waren dort und stellten vor, womit sie helfen könnten. Aber das kostet natürlich und wenn die Mengen weiter steigen, wäre das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die, die etwas ändern können, waren nicht in Gelsenkirchen: Hersteller der Hygienetücher und Verbraucher.

Das Problem des Nichtwissens –  Achten Sie auf’s Kleingedruckte!

Wer als Verbraucher alles richtig machen will, nutzt die Toilette gar nicht als Abfalleimer. Aber das benutzte Toilettenpapier nicht in die Toilette zu werfen, klingt auch nicht gerade nachahmenswert. Da werden sollen Entsorgungshinweise auf den Verpackungen helfen, um den Verbrauchern zu informieren, ob die Tücher in den Müll dürfen und wenn ja, wieviele es gleichzeitig sein können. Aber genau da fängt das Problem schon an. Jede Marke hat andere Hinweise, weil sich die Tücher in der Zusammensetzung unterscheiden. Zudem sind die Hinweise nicht nur schwer zu finden, sie sind auch schwer zu verstehen. Während Hakle Feucht maximal 2 Tücher für optimales Spülen empfiehlt, zieht Tempo (Abb. unten links) die Grenze schon bei einem Tuch. Cotonelle Feucht löst sich im Wasser auf – aber nur 1 bis 2 Stück. Warum sich drei nicht auflösen, wird nicht erklärt.

Aber man kann ja fragen. Also habe ich die führenden Händler und Hersteller befragt, was sie tun, damit ihre Produkte nicht zu Problemen führen. „Die feuchten Toilettentücher von Zewa und Tempo zerfallen in bewegtem Wasser in wenigen Minuten in kleine Einzelteile und sind bei Erreichen der Kläranlagen analog zu trockenem Toilettenpapier vollständig in Einzelfasern zersetzt“, erklärte mir Ann-Christin Greitschus vom Tempo-Team. Einer der führenden Hersteller Nice-Pak „arbeitet konstant an Verbesserungen seiner hergestellten Produkte. So sind aktuell Applikatorvarianten verfügbar, welche sehr gute Eigenschaften hinsichtlich Abbaubarkeit und Spülbarkeit aufweisen. Selbstverständlich arbeiten wir derzeit auch an Verbesserungen dieser Produkte. Bitte haben Sie hierbei Verständnis, dass wir über noch nicht vollständig finale Produktneuentwicklungen an dieser Stelle nicht sprechen können“, beantwortete Michael Spaleck von Nice-Pak meine Anfrage. Klingt doch alles gut, oder? Die Abwasserexperten waren da nicht so zuversichtlich. Ein Teilnehmer des Workshops bezweifelte mit der Aussage „die Testverfahren der EDANA sind Käse“, die Tauglichkeit des Testverfahrens an, mit dem der Herstellerverband die Zersetzungsdauer der Papiere testet. Also müssen wir doch beim Verbraucher ansetzen.

Vorschläge für neuen Wege in der Umweltkommunikation

Erklärvideo der Firma Jung-Pumpen

Vielleicht stimmt ja, was Jan Waschnewski von den Berliner Wasserbetrieben auf der IKT-Veranstaltung erklärte, und es gibt wirklich eine neue Rezeptur für die Tücher, die die Verstopfungsprobleme in Abwasserpumpen auflöst, sofern die Tücher biologisch abbaubar sind, weil sich auch die Tücher auflösen. Aber wenn nicht. Wie kann man Verbraucher aufklären? Viele Printmedien und Fernsehsender haben das Problem bereits aufgegriffen. Sogar der Deutsche Bundestag hat sich auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke mit dem Thema befassen müssen. Hersteller von Abwasserpumpen und Feuchttüchern sind sich an einer Stelle einig: man muss die Verbraucher mit so genannten Erklärvideos aufklären. Leider tun sich beide schwer, sie scheinen die Verbraucher nicht zu erreichen, wie die Klickraten, die zeigen wie oft ein Video aufgerufen werden ist, belegen. Weniger als neun Tausend waren es bei Jung-Pumpen. Vielleicht muss man sich mal auch mal trauen, andere Wege zu beschreiten?

Aufmerksamkeit erzeugt man nur, in dem man in Zeiten des Social Web originell und laut ist oder beides gleichzeitig. Damit sind die Erfolgsaussichten für Kampagnen bei der Mund-zu-Mund-Propaganda (virales Marketing) deutlich größer. Bei meinen Recherchen für meinen IKT-Vortrag bin ich auf Erklärvideo aus den USA gestossen, das zu einem so stinklangweiligen Thema wie Feuchttücher in kürzester Zeit über 2,5 Millionen Aufrufe verzeichnen konnte. Das „warum?“ beantwortet ein Klick zu „Adam Ruins Hygiene“, einer amerikanischen TV-Comedy-Aufklärungsserie mit Adam Conover auf truTV, die seit Start im Herbst 2015 eine wachsende Fan-Gemeinde auf YouTube gewinnt (siehe unten). Sicher gibt es auch in Deutschland YouTuber, die man für eine derartige Kampagne gewinnen kann.

Fotomontage Gendries

Fotomontage Gendries

Aber es gibt ja neben der digitalen auch noch die analoge Aufklärung. Dazu gehört aber schon etwas Mut. Das „Tor zum Abwassersystem“ ist doch der Toilettendeckel. Bevor man etwas in die Toilette wirft, blickt man auf die Unterseite des Deckels. Warum  dort nicht einen Hinweis anbringen – und sei es nur auf den öffentlichen Toiletten, da kann der Lerneffekt schon mal beginnen, vielleicht hält es ja bis zuhause (siehe Abbildung links). Dieser greift dann nicht nur das Feuchttücher-Thema auf, sondern warnt ganz allgemein davor, die Toilette als Abfallstelle zu missbrauchen.

Ich werde diesen Vorschlag auf seine Praxistauglichkeit hin untersuchen lassen. Vielleicht hilft es ja auch bei Arzneimitteln, Ohrenstäbchen, Babywindeln, Damenbinden, Socken und allen anderen Dingen, die den Abwasserentsorgern Kopfzerbrechen bereiten und den Gewässern schaden.

 

Recherchequellen und weiterführende Informationen:

 

 

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