PFAS im Rhein: Legale Einleitung, politisches Wegsehen und ein Gewässer als Daueropfer

Die „Ewigkeitschemikalien“ sind extrem langlebig in der Natur. Sie gesundheitsschädlich, daher werden sie auch in der Politik als Thema langlebig sein, wenn diese nicht handelt. Denn PFAS werden in den Abwässern in den Rhein eingeleitet – mit Wissen der Behörden und Duldung der NRW-Landesregierung. Die Leidtragenden sind der ökologische Zustand des wichtigsten Flusses in Westeuropa und die Wasserverbraucher. Denn diese werden mit ihrer Gesundheit oder mit den Wasserpreisen dafür bezahlen müssen. Ein Beispiel ist der Chemiepark in Leverkusen. Dort hat der BUND NRW Belastungen öffentlich gemacht und von den Behörden und dem Umweltministerium Schutzmaßnahmen gefordert. Der erhoffte Erfolg wurde bisher ein Opfer der Bürokratie.

Chempark Leverkusen: Belastung bekannt, Konsequenzen vertagt

Im Fokus steht der Chempark Leverkusen mit der Kläranlage Bürrig. Ende 2023 hatte der Chemiekonzern LANXESS verkündet, die PFAS-Produktion am Standort Leverkusen einzustellen. Recherchen des BUND in der Wasserdatenbank des Landes belegten dagegen zwei Jahre später noch, im Sommer 2025, drei- bis zehnfache Überschreitungen des Orientierungswertes für PFAS im Abwasser. Im März 2025 sogar um das Fünfzigfache – fast zwei Kilogramm PFAS pro Tag wurden dabei in den Rhein geleitet. Aber selbst wenn dieser Zustrom versiegen sollte. Es gibt einen weiteren.

Nachfragen des BUND ergaben, dass PFAS-Belastungen – konkret die Substanz PFBS – auch aus dem Sickerwasser der Deponie Bürrig in den nur unweit gelegenen Rhein gelangen. Dieses Sickerwasser wird ohne spezifische Vorbehandlung mit dem übrigen Abwasser vermischt und in der Kläranlage behandelt, obwohl bekannt ist, dass die Anlage PFAS kaum zurückhalten kann.

Die Folgen sind erheblich: Durchschnittlich rund 100 Gramm PFAS pro Tag gelangen so in den Rhein. Im März 2025 kam es sogar zu einem Ausreißer von über zwei Kilogramm PFBS an einem einzigen Tag. Im März 2025 gab es nach Aussage des BUND sogar eine Belastung von über 2000 Gramm, die in den Rhein geleitet wurde.

Der BUND forderte im September 2025 in seiner Beschwerde an den NRW-Umweltminister Oliver Krischer (B90/Grüne) Konsequenzen aus den Feststellungen. Er machte auch konkrete Vorschläge: für die Industriekläranlage Bürrig am Chempark die Nachrüstung einer 4. Reinigungsstufe, so dass die Belastung aus dem PFAS-Strom gemindert wird. Für die Deponieabflüsse forderte er eine Sickerwasserwasserbehandlungsanlage, um die dauerhafte PFAS/PFBS Belastung zu minimieren.

Rhein in Düsseldorf (Foto: Siegfried Gendries)

Überschreitungen – aber keine Maßnahmen

Die Antwort ist typisch. Zunächst einmal kam sie nicht vom Minister, sondern von der Behörde. Auch die war typisch: Die zuständige Bezirksregierung Köln räumt in ihrer Beantwortung der BUND-Anfrage im Dezember 2025 offen ein, dass trotz dokumentierter Überschreitungen keine behördlichen Maßnahmen ergriffen wurden. Der Grund ist formaler Natur: Für PFAS – und speziell für PFBS – existieren bislang keine rechtlich verbindlichen Grenzwerte für Abwassereinleitungen. Die geltenden Orientierungswerte seien rechtlich nicht durchsetzbar, erklärt die Wasserschutzbehörde.

Was das in der Praxis bedeutet, sagt die Bezirksregierung bemerkenswert offen: Reduzierungsmaßnahmen könnten „prinzipiell nur im Dialog mit den Betreibern“ erfolgen, höhere Einträge seien „fachlich nicht erwünscht“, aber rechtlich zulässig  . Mit anderen Worten: Solange sich ein Betreiber kooperativ zeigt, passiert etwas – wenn nicht, passiert nichts.

Stand der Technik? Fehlanzeige als Ausrede

Immer wieder wird argumentiert, es gebe keinen „gesicherten Stand der Technik“ zur Entfernung kurzkettiger PFAS wie PFBS. Das stimmt nur halb. Richtig ist: Eine vollständige Elimination ist schwierig. Falsch ist aber der Schluss, daraus Untätigkeit abzuleiten.

In Nordrhein-Westfalen existieren zahlreiche Anlagen, die belastetes Sicker- oder Grundwasser sehr wohl gezielt behandeln – etwa an Industriestandorten wie im Umfeld der Shell Raffinerie und bei Lyondell Basell im Kölner Süden oder am Flughafen Düsseldorf. Der entscheidende Unterschied: Dort wird an der Quelle angesetzt. Genau das fordern die Umweltschützer. Aber das unterbleibt in Leverkusen. Dort bleibt man bei der Entsorgung. Statt hochkonzentriertes Sickerwasser separat zu behandeln und die PFAS zu reduzieren, wird es verdünnt, „mitgefahren“ und letztlich in den Rhein abgegeben. Hierzu Paul Kröfges, Wasserexperte des BUND NRW: Das Verdünnungsprinzip ersetzt hier wirksamen Umweltschutz. Der Rhein wird so als nachgeschaltete Deponie missbraucht.“

WDR, 23.9.2025

Der Chempark-Betreiber Currenta erklärt dazu auf Anfrage des WDR: „Currenta als Kläranlagenbetreiber (verfolgt) natürlich das Ziel, auch diese Abwässer sicher zu klären. Gerade mit Blick auf Deponiesickerwässer stellt dies jedoch eine komplexe technische Herausforderung dar.“ Und weiter: „Currenta arbeitet bereits seit einiger Zeit intensiv daran, gezielte Maßnahmen und Behandlungsverfahren zu erproben.

Politische Verantwortung wird weitergereicht

Sowohl Bezirksregierung als auch Umweltministerium NRW verweisen regelmäßig auf den Bund oder die EU. Grenzwerte müssten erst gesetzlich festgelegt werden, dann könne man handeln. Diese Argumentation blendet aus, dass Landesbehörden sehr wohl Spielräume hätten – etwa über Nebenbestimmungen, Vorsorgeauflagen oder immissionsbezogene Schutzkonzepte. Spätestens seit der Rheinministerkonferenz 2020 ist klar, wohin die Reise gehen soll: Eine Reduktion der Einträge von Mikroverunreinigungen um mindestens 30 Prozent bis 2040. Doch zwischen politischen Absichtserklärungen und konkretem Handeln klafft eine wachsende Lücke.

Titel eines Radio-Beitrages im Deutschlandfunk "Wie Chemikalien Wasser für immer verschmutzen"
Deutschlandfunk, 11.7.2024

Ein Fluss mit vielen Nutzern – und zu wenig Schutz

Der Rhein ist nicht nur ein Industriegewässer. Er ist Lebensraum, Verkehrsweg und zentrale Trinkwasserressource für Millionen Menschen – auch weit stromabwärts. PFAS-Einträge machen an Landesgrenzen nicht halt. Dennoch beschränkt sich die grenzüberschreitende Abstimmung bislang auf bestehende Gremien, ohne erkennbare Konsequenzen für den konkreten Einleitungsfall Leverkusen.

Deshalb wächst in den Niederlanden die Verärgerung über die industrielle Verunreinigung des Rheinwassers und die Untätigkeit der deutschen Behörden. Im Jahr 2024 forderten daher die niederländischen Wasserversorger, die zur Trinkwassergewinnung auf Wasser aus dem Rhein angewiesen sind, von der Bundesregierung den Erlass von Grenzwerten für die Einleitung von PFAS in den Rhein. Der niederländische Fachverband RIWA-Rijn warf in einem Schreiben an die damalige Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) Deutschland den Verstoß gegen die Vereinbarungen zur Wasserqualität, die in der eigenen nationalen und europäischen Gesetzgebung festgelegt sind, vor. „Niederländische Bürger und Unternehmen werden in den kommenden Jahren einen steigenden Bedarf an sauberem Trinkwasser haben, dessen Gewinnung durch die industriellen Einleitungen in Deutschland immer teurer wird“, heißt es in der Kritik unserer Nachbarn.

Das gilt in gleicher Weise auch für Deutschland und die hiesigen Wasserversorger. Welche Dimension das erreichen kann, zeigt der Fall Rastatt. In der badischen Region hatten die Ewigkeitschemikalien das Grundwasser nach Ausbringung PFAS-verunreinigter Böden stark kontaminiert. Der Wasserversorger in Rastatt musste seine Grundwasserbrunnen schließen und die Wasserwerke mit Millionen-Investitionen nachrüsten, um die Grenzwerte einhalten und die Trinkwasserversorgung aufrecht erhalten zu können. Für eine Vermeidung war es zu spät.

ZfK, 26.6.2025

Die unvermeidlichen Investitionen haben daraufhin die Wasserpreise in Raststatt innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Die Entfernung von PFAS aus dem Grundwasser machten in den vergangenen zwei Jahren fast 30 Prozent im Rastätter Wasserpreis aus. Am Ende zahlen die Zeche für die fehlenden Aufbereitungen der Verursacher die Wasserverbraucher – zusätzlich zu anderen Kostensteigerungen. Und wer sich jetzt zurücklehnt, unterliegt vermutlich einen Trugschluss. Denn diese Entwicklung droht auch anderen Regionen und Wasserversorgern in Deutschland.

Fazit: Legal heißt nicht verantwortungsvoll

Während die EU bei bei den Grenzwerten für die Trinkwasserversorgung mit den Grenzwerten Mitte Januar einen ersten Schritt gemacht hat und beim Einsatz von PFAS in Gebrauchsgegenständen im Verbote folgen, fehlen vergleichbare Beschränkungen für die industriellen Abwasser-Einleitungen. Zu stark sind Lobbyisten der Industrie und die politischen Akteure, die sich um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in der Chemieindustrie sorgen. Diese Herausforderungen sollen auch keinesfalls ignoriert werden. Der Betreiber nutzt den sich bietenden regulatorischen Rahmen aus. Das werden seine Gesellschafter auch von ihm verlangen. Deshalb muss die Politik die richtigen Weichenstellungen vornehmen.

Aber was sich im Chempark Leverkusen zeigt, ist ein strukturelles Problem: Ein Umweltrecht, das hinter der Stoffrealität hinterherläuft. Behörden, die sich auf formale Zuständigkeiten zurückziehen. Und eine Landesregierung, die Risiken kennt, aber auf Zeit spielt. PFAS sind ein Langzeitproblem. Jeder weitere Tag der Einleitung verschärft die Altlast von morgen. Vorsorge würde heißen: Behandlung an der Quelle, technische Nachrüstung, klare Reduktionsziele – auch ohne EU-Grenzwert. Aber dazu braucht es politische Entschlusskraft.

Übrigens: Wer jetzt erwartungsvoll auf die Entwicklung der Landeswasserstrategie NRW schaut, könnte enttäuscht werden. Jedenfalls sind die dortigen Formulierungen typisch unverbindlich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Quellen und weiterführende Informationen

Beitragsfoto: KI-generiert, Idee: Siegfried Gendries

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