„Dirty Business“ – TV-Drama über die Abwasserkrise und die Wasserprivatisierung in England

Eine englische TV-Serie zeigt die schockierende Geschichte des rücksichtslosen Umgangs der englischen Wasserwirtschaft mit ungereinigtem Abwasser und des Scheiterns der Behörden. Der Dreiteiler „Dirty Business“ ist eine schonungslose Abrechnung mit der gescheiterten Privatisierung, der unternehmensfreundlichen Regulierung und der Missachtung des Gewässerschutzes im Vereinigten Königreich.

Umweltskandale sind kein Seltenheit in Englands Wasserwirtschaft. Die Folgen ihrer Privatisierung durch die Thatcher-Regierung sorgen seit Jahrzehnten für massive Kritik und öffentliche Proteste. Der englische Sender Channel 4 hat daraus den Öko-Thriller „Dirty Business“ gemacht, der seit einigen Wochen im englischen Privatfernsehen zu sehen ist.

Als Kenner der englischen Wasserwirtschaft hat mich das Doku-Drama schockiert, aber nicht überrascht. Schon im vergangenen Jahr 2025 hatte ich über das „Disinformation Playbook“ und die Schmutzigen Geschäfte in England recherchiert und in meinem Beitrag „Schmutzige Geschäfte: Wie Englands Wasserwirtschaft mit Greenwashing ihre Umweltverschmutzung verschleiert“ (siehe unten) berichtet.

Übrigens: „Dirty Business“ kann nur online empfangen werden, dafür benötigt man eine Registrierung auf Channel 4, was wiederum eine englische Adresse voraussetzt. Zudem gelingt der Zugriff nur über einen Server in UK. Bei der Adresse hilft Google und beim Server VPN (siehe auch unter Weiterführendes unten).

Zwei Perspektiven dramatischer Folgen des Versagens von Unternehmen und Behörden

„Dirty Business“ folgt dem Leben von zwei besorgten Bürgern aus Oxfordshire im Südosten Englands: dem pensionierten Polizeidetektiv Ash Smith und dem pensionierten Universitätsprofessor Peter Hammond, ein Experte für die Entschlüsselung von Mustern in Big-Data. Gemeinsam untersuchen sie seit mehr als einem Jahrzehnt Abwassereinleitungen in einem Fluss an dem sie wohnen.

Die andere Perspektive ist die des viel zu kurzen Lebens eines achtjährigen Mädchens, das im Sommer 1999 nur wenige Tage nach einem Badeaufenthalt an der Küste Devons mit ihrer Familie, in einem Krankenhaus wegen einer E.Coli-Bakterien-Vergiftung qualvoll stirbt. Dabei hatte die Familie der „Blue-Flag“-Kennzeichnung für den Badestrand im Küstenort Dawlish in Devon geglaubt. Damit soll es sich um ein „besonders sauberes Badegewässer“ handeln. Als die Eltern den Strand verlassen, bemerken sie eine braune, nach Fäkalien stinkende Flüssigkeit, die sich aus einer Leitung am Rande des Badestrands ins offene Meer ergießt.

Kleiner Fluss wird zur Kloake

Die zwei Nachbarn Smith und Hammond bemerken viele Jahre später, im Jahr 2016, dass der durch die idyllischen Cotswold fließende River Windrush plötzlich eine bräunliche Färbung aufweist. Das macht sie stutzig und ihr Interesse ist geweckt. Doch was sie angesichts ihrer Recherchen über die Ursachen der Verunreinigung erfahren, übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Das Unternehmen Thames Water so erfahren sie mittels überlassener Daten und durch Hintergrundgespräche mit Beschäftigten des größten englischen Wasserunternehmens, hat mehrere Monate lang ungereinigte Abwässer in den Fluss strömen lassen. Öffentliche Verlautbarungen des Unternehmens und der Umweltbehörde folgen dem bekannten Muster der Verharmlosung und Versicherung, dass die Standards eingehalten worden seien.

Vertuschung als Folge der Privatisierung

Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall. Die beiden decken auf, dass in ganz England und Wales tausende Male Abwasser ungeklärt in Flüsse oder ins Meer gelangt ist. Ihnen werden von Unternehmensinsidern auch die Gründe geliefert. Thames Water war im Jahr 2006 von dem australischen Finanzinvestor Macquarie von der deutschen RWE erworben worden.

Mit dem Gesellschafterwechsel änderte sich auf die Unternehmenspolitik. Statt Einhaltung der regulatorischen und ökologischen Standards, ging es von nun an nur noch um die Erreichung der Gewinnziele. Da die Preise durch die englische Regulierung gedeckelt sind, wurden die Kosten massiv reduziert – auch jene für solche Maßnahmen, die dem Umweltschutz und der Erhaltung der technischen Anlagen gedient hätten.

Die beiden investigativen Pensionäre deckten auf, dass vor allem jahrzehntelange Unterinvestitionen in die Infrastruktur unzureichende Personalausstattung und Managementsysteme die Ursachen für die ökologischen und gesundheitlichen Probleme waren. So wurde aus dem gelegentlichen Überlaufen von Abwasserströmen aus Kläranlagen in die Flüsse und Seen durch Starkregenereignisse ein unbemerkter Regelfall.

Wenn Kontrolle den Unternehmen überlassen wird

Ein weiterer Handlungsstrang der Serie beschäftigt sich mit politischen Entscheidungen und deren Auswirkungen auf die Umweltüberwachung.

Dabei geht es um ein System, das als „operational self-monitoring“ bezeichnet wird. Dabei wird die Verantwortung für die Überwachung möglicher Umweltverstöße teilweise von staatlichen Behörden auf die Wasserunternehmen selbst übertragen. Diese sollen also im Grunde ihre eigenen Einleitungen und mögliche Regelverstöße dokumentieren.

In dem Film glauben sogar die Mitarbeiter der staatlichen Umweltbehörde nicht, was deren Leiterin ihnen soeben eröffnet hat: Die Unternehmen sollen sich selber überwachen und Regelverstöße der Behörde melden. Diese würde den Sachverhalt anschließend untersuchen. Einwände, dass damit Interessenkonflikte einhergehen und Mißbrauch eines unter wirtschaftlichen Erfolgsdruck stehenden Unternehmens zu befürchten seien, wird von der Behördenleitung entkräftet.

Blickt man auf die steigende Zahl der Umweltverstöße seit der Privatisierung der Wasserwirtschaft im Jahr 1989, dann wäre eine Intensivierung der Kontrollen angebracht gewesen. Aber das hätte womöglich das Narrativ einer erfolgreichen Privatisierung gefährdet.

Privatisierung ist die wahre Ursache

Im Jahr 1989 wurden die regionalen Wasserbetriebe in England und Wales von der Regierung Margret Thatcher privatisiert. Big Business zog so in die vormals kommunale Wasserwirtschaft ein. Daraus wurde „Dirty Business“. Denn für die Investoren aus Australien und China war und ist die Erzielung hoher Profite wichtiger, als der Schutz von Menschen und Umwelt sowie die Sicherung der Infrastruktur.

Kritiker sehen darin eine zentrale Ursache für die heutigen Probleme. Sie argumentieren, dass über Jahre hinweg hohe Gewinne ausgeschüttet wurden, während gleichzeitig zu wenig in die Modernisierung der Infrastruktur investiert wurde. Alte Kanalnetze und Kläranlagen können große Regenmengen oft nicht bewältigen. In solchen Situationen kommt es zu sogenannten Mischwasserüberläufen, bei denen ungeklärtes Abwasser direkt in Gewässer gelangt.

Anglian Water und South West Water wurden 2025 zu Strafzahlungen in Höhe von 87 Millionen Pfund verurteilt, weil das Management der Abwasseranlagen zu Störungen und Gewässerbeeinträchtigungen geführt hatte

Die Serie thematisiert auch weitere Kritikpunkte

Wir kennen das Verhalten von heutigen Big-Tech-Konzernen: Geldstrafen für Verstöße fallen häufig niedriger aus als die wirtschaftlichen Vorteile der Unternehmen. Nicht anders zeigt es die Serie bei den Umweltverstössen der Wasserunternehmen. Zudem wechselt Personal zwischen Regulierungsbehörden und Wasserunternehmen. Damit zahlt sich „Rücksichtnahme“ die Überwacher aus. Das ist zudem auch deshalb lukrativ, weil die Managergehälter in der Branche sehr hoch und die Entwicklungsperspektiven aussichtsreich sind. Das System bietet Sicherheit und Profit. Damit stellt die Serie eine grundlegende Frage: Kann ein System, das auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, langfristig den Schutz von Gewässern gewährleisten? Als Antwort darauf werden viele Privatisierungsgegner in Europa laut „Nein“ rufen. Die Ereignisse in England geben ihren recht.

Ob die im vergangenen Jahr angestossene Reform des englischen Regulierungssystems unter OFWAT wirklich positive Veränderungen mit sich bringen wird, halten viele Experten für fragwürdig. Das wahre Problem ist … – die Privatisierung. Aber obwohl die Labour-Partei viele Jahre auf eine Rückabwicklung der Privatisierung gedrängt hatte, ist davon aktuell nur wenig zu hören. Das ist wenig verwunderlich, denn schließlich muss sich der englische Staat die damit verbundene Auszahlung der privaten Investoren auch leisten können.

Der lange Kampf engagierter Bürger

Besonders eindrücklich ist in der Serie die Darstellung des Engagements einzelner Bürger. Die beiden Protagonisten stehen symbolisch für viele Menschen, die sich in lokalen Initiativen und Umweltgruppen für saubere Flüsse einsetzen. In der Realität haben solche Gruppen in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle bei der Dokumentation von Gewässerverschmutzung gespielt.

Doch der Kampf gegen große Unternehmen und komplexe Verwaltungsstrukturen ist oft mühsam. Informationen sind schwer zugänglich, Verfahren dauern lange, und politische Entscheidungen verändern sich nur langsam. In der Serie bringt einer der Protagonisten dieses Gefühl auf den Punkt: „Der Versuch, ein großes System zur Verantwortung zu ziehen, kann enorm erschöpfend sein.

Szene aus Dirty Business (Screenshot aus Channel 4)

Mehr Aufmerksamkeit für ein unterschätztes Problem

Ob „Dirty Business“ tatsächlich politische Veränderungen auslösen wird, ist offen. Doch die Serie hat bereits ein wichtiges Ziel erreicht: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Umweltproblem, das lange nur begrenzte öffentliche Aufmerksamkeit erhielt.

Saubere Flüsse und Küstengewässer hängen nicht nur von technischen Lösungen ab. Entscheidend sind auch politische Rahmenbedingungen, ausreichende Investitionen in Infrastruktur und eine wirksame Kontrolle von Umweltauflagen.

Die Geschichte hinter der Serie zeigt zudem, wie wichtig aufmerksame Bürger für den Gewässerschutz sein können. Oft sind es lokale Beobachtungen – ein verfärbter Fluss, ungewöhnlicher Geruch oder tote Fische –, die den Anfang einer größeren Recherche bilden. In Zeiten eines „information overload“ bei Umweltproblemen müssen es schon Skandale sein, um öffentliche Wahrnehmung und politisches Engagement zu initiieren. Die tragische Episode von „Dirty Business“ bietet die Voraussetzung dafür. Das wird die Opfer nicht verhindern.

Der Schutz unserer Gewässer ist keine Selbstverständlichkeit. Er erfordert Aufmerksamkeit, Transparenz und die Bereitschaft, Missstände offen anzusprechen.

Quellen und Weiterführendes

Beitragsfoto: Idee Siegfried Gendries, Umsetzung ChatGPT

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