8 Stunden arbeiten – 1 ganzes Jahr Wasser nutzen

Screenshot

Für ein ganzes Jahr Trinkwassernutzung und Abwasserreinigung nur einen einzigen Tag arbeiten. Diese Erkenntnis aus der Rubrik „Erstaunliches Statistikwissen“ vermittelt das Statistische Landesamt Baden-Württemberg. Aber es gibt noch eine Geschichte, die uns nachdenklich stimmen sollte.

Deutschland ist „Wasser-privilegiert“, leidet darunter die Wertschätzung?

Bei genauerem Hinsehen öffnet die vermeintliche “Liebhaberei von Statistikern“ einen Blick auf den Wert des Wassers. Die Daten zeigen uns nicht nur, wie günstig Wasser bei uns ist – sie führen uns auch vor Augen, welchen Wert es eigentlich haben müsste, wenn man den Blick auf andere, wasserärmere und weniger wohlhabende Weltregionen richtet. In vielen Teilen Afrikas und Asiens bedeutet Wasserversorgung noch immer körperliche Arbeit und Zeitaufwand. Menschen legen oft stundenlange Wege zurück, um wenige Liter Wasser zu beschaffen – Wasser, das häufig nicht einmal die Qualität erreicht, die hierzulande aus dem Hahn kommt. Noch deutlicher wird der Unterschied dort, wo Versorgungssysteme nicht zuverlässig funktionieren. Wenn Leitungen marode sind oder ganz fehlen, bleibt oft nur der Kauf von Wasser bei Tankwagen. Paradoxerweise zahlen die Menschen in solchen Situationen nicht selten deutlich mehr für Wasser als wir – für eine Versorgung, die gleichzeitig unsicherer und qualitativ schlechter ist.

Gerade weil die Versorgung in Deutschland so selbstverständlich funktioniert, gerät leicht aus dem Blick, was dahintersteckt: Infrastruktur, Know-how und ein System, das rund um die Uhr verlässlich liefert. Diese Selbstverständlichkeit hat ihren Preis – nicht so sehr auf der Rechnung, sondern in unserer Wahrnehmung. Was jederzeit verfügbar ist, verliert schnell an Aufmerksamkeit. Wasser und die Versorgung damit wird dann zur Selbstverständlichkeit und erhält als stets verfügbares Gut des Alltags nicht die Wertschätzung, die es verdient.

All das macht deutlich: Der eigentliche Wert von Wasser zeigt sich nicht im Preis, den wir hier zahlen, sondern im Vergleich. Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung – Wasser nicht erst dann wertzuschätzen, wenn es knapp wird, sondern gerade dann, wenn es scheinbar unbegrenzt verfügbar ist.

Exakt nachgerechnet

Stichwort „Wertschätzung“: An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick zurück ins „Ländle“. Die Statistiker in Baden-Württemberg haben sich nämlich die Mühe gemacht, eine ebenso kreative wie aufwändige Kennzahl zu entwickeln. Sie setzen die jährlichen Kosten für Trinkwasser und Abwasser ins Verhältnis zum durchschnittlichen Verdienst von Vollzeitbeschäftigten.

Das Ergebnis macht die Dimension greifbar: Im Schnitt entfallen pro Person und Jahr 134 Euro auf Trinkwasser aus dem öffentlichen Netz. Für den Transport und die Behandlung des Abwassers kommen weitere 145 Euro hinzu. Insgesamt ergeben sich damit durchschnittliche Kosten von 279 Euro pro Kopf und Jahr.

Stellt man diesen Betrag dem durchschnittlichen Bruttostundenlohn gegenüber – der im repräsentativen Monat April 2025 bei 34,75 Euro inklusive Sonderzahlungen lag – wird es anschaulich: Gerade einmal acht Arbeitsstunden im Jahr sind nötig, um die gesamte Wasserver- und Abwasserentsorgung zu finanzieren.

Große Unterscheide je nach örtlichen Gegebenheiten

Auch wenn wir wissen, dass es zwischen Deutschland und den genannten Regionen des globalen Südens große Unterscheide gibt, so werden einige beklagen, dass es sie auch hierzulande gibt. In Baden-Württemberg – auch das haben die Statistiker ermittelt – ergibt sich in den verschiedenen Kommunen eine jährliche Wasserkostenrechnung in einer Spannbreite von rund 110 Euro bis 550 Euro je Person. Umgerechnet muss in den günstigeren Kommunen rund drei 3 Arbeitsstunden jährlich für die Wasserrechnung gearbeitet werden, während in denen am anderen Ende bis zu knapp 16 Arbeitsstunden fällig werden – also zwei volle Tage. Klingt ungerecht, ist es aber nicht, denn dafür gibt es Gründe.

Häg-Ehrsberg erhebt mit 6,28 Euro je Kubikmeter die höchsten Trinkwassergebühren ….
… während im oberschwäbischen Ebersbach-Musbach nur 0,64 Euro für dieselbe Menge, also 1.000 Liter, zu zahlen sind.

In den unterschiedlich hohen Wasser- und Abwasserentgelten spiegeln sich die lokalen Unterschiede zum Beispiel in der Verfügbarkeit von Wasser zur Trinkwassergewinnung oder der Siedlungsstruktur wider. So haben zum Beispiel kompakte Siedlungsstrukturen in Städten grundsätzlich einen geringeren Aufwand zum Unterhalt des Kanalnetzes zu leisten als Kommunen mit lockerer Bebauung und verstreuten Außenbereichen. Dort, wo sich also viele Gebäude oder Haushalte ein Leitungsnetz teilen, werden die Kosten für das Leitungsnetz und die übrige Infrastruktur auf viele Schultern verteilt und im Ergebnis die Haushaltskosten geringer. Somit zahlt die Bürgerschaft in großen insbesondere verdichteten Kommunen tendenziell geringere Abwassergebühren als die von kleineren Gemeinden.

Das war eine schöne Vorlage des Statischen Landesamtes Baden-Württemberg, um mal aus einer anderen Perspektive über Wasser- und Abwasserentgelte schreiben zu können. Wer sich für die vielen verfügbaren Details und die Herleitung der Werte interessiert, wird in den Quellenangaben und den Links dazu fündig.

Weitere Informationen und Quellen

  • Das Rechenmodell für die (fiktiven) Jahreskosten von Wasser und Abwasser stellt auf eine für das Land repräsentative Durchschnittsperson ab. Durch Multiplikation der Gebührenbestandteile mit dem jährlichen Trinkwasserverbrauch pro Kopf sowie der anteiligen Grundgebühr und gebührenwirksamen Fläche je Person entsteht für jeden Gebührenbestandteil ein additiver Jahreswert. Die Summe dieser Jahreswerte sind die Jahreskosten für Wasser und Abwasser.

Beitragsfoto: Idee Siegfried Gendries, Umsetzung ChatGPT

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Was meinen Sie dazu?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.