Ein unvollständiger Vergleich. Die Wasserpreise in NRW.

Viele Versorger haben zu Jahresbeginn ihre Preise oder Gebühren für Trink- und Abwasserleistungen angepasst. Kunden und Medien suchen daher jetzt nach weitere Informationen. Das Interesse daran, ob man mehr als in der Nachbarkommune zahlen muss oder wie sich die Preise zusammen setzen ist in diesen Tagen besonders hoch. Daher ist es nur folgerichtig, dass der WDR eine Entgeltstatistik des Statistischen Landesamtes NRW aufgreift und das Thema journalistisch aufarbeitet.

Die Trinkwasserentgelte sind unvollständig 

Auch wenn die Überschrift mehr erwarten lässt, die Statistik enthält nur die verbrauchsabhängigen Entgelte, also die sogenannten Arbeits- oder Mengenpreise. Aber für einen Preis- oder Gebührenvergleich taugen die Angaben nur wenig, denn für die tatsächliche Haushaltskosten für Trink- und Abwasser müssen noch die verbrauchsunabhängigen bzw. fixen Grund- oder Systempreise hinzu gerechnet werden. Die sind zwar nur auf einem geringen Niveau, wirken sich aber je nach Verteilung auf die Haushaltskosten aus. So zahlen Einfamilien-Haushalte den Grundpreis allein, während sich die Haushalte in Mehrfamilienhäuser den festen Preis teilen können. Bei Abwasser ist das einfacher, weil es zumindest in NRW nur selten Grundgebühren gibt.

Aus Sicht der Versorger werden die Grund- oder Systempreisen zunehmend kritischer. Denn während auf der Kostenseite das Verhältnis zwischen fixen und mengenabhängigen Kosten 80 zu 20 beträgt, ist es bei den Entgelten genau umgekehrt. Aktuell liegt der verbrauchsunabhängige bzw. variable Anteil der Wasserrechnung in NRW bei gerade mal rund 20 Prozent, wie der BDEW in seiner aktuellen Erhebung festgestellt hat; 80 Prozent sind dagegen variabel. Viele Haushalte reizt dieser hohe variable Anteil Wasser zu sparen, weil sie glauben, dadurch weniger für ihre Trinkwasser- (und Abwasser-) Leistungen zahlen zu müssen. Das ist aber nur kurzfristig möglich. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Kostenseite des Versorgers.

Die Wasserwerke und Netze verursachen fixe Kosten, die sich – wie der Begriff zeigt – bei etwaigen Mengenveränderungen nicht bewegen. Sinkt die Nachfrage, bleiben die Kosten. Die Versorger können darauf entweder mit Preissteigerungen oder mit Senkungen ihrer Ausgaben für die Modernisierung reagieren. Das ist aber auf Dauer nachteilig für alle – auch für die Wassersparer. Viele Versorger versuchen daher die Entgelte den Kostenstrukturen anzupassen und die verbrauchsunabhängigen Entgelte im Gegenzug zur anzuheben. Deshalb empfehlen viele Experten, allen voran die nordrhein-westfälische Landeskartellbehörde, die Entgelte bei Trinkwasser auf höhere fixe Grund- oder Systempreise umzustellen. Einer der ersten Versorger, der sein Preissystem umgestellt hat, war der Mülheimer Versorger RWW, der 2012 das Systempreismodell mit einem verbrauchsunabhängigen Anteil von 50 Prozent eingeführt hat. Jedes Jahr heben allein in NRW durchschnittlich fünf weitere Wasserversorger ihre festen Preisanteile an, in dem sie ihre Preissysteme umstellen.

Modellstruktur Systemgebühren für Trink- und Abwasser

Systempreise/-gebühren für Trink- und Abwasser

Unvollständiger Wasserpreisvergleich 

Dass die Spannbreite der Trinkwasserentgelte im Land von 0,79 Euro (Gemeinde Hövelhof) bis 2,67 Euro (Stadt Solingen) je Kubikmeter reicht, hilft für einen Vergleich der Wasserpreise nicht wirklich weiter. Denn wenn wir beispielsweise auf die Trinkwasserpreise des kommunalen Eigenbetriebes der Stadt Solingen schauen, dann stellen wir fest, dass dort feste Preisbestandteile nicht berechnet werden. Damit wäre Solingen neben einer anderer Stadt, die einzige Kommune, die auf feste Einnahmen verzichtet. Bei allen anderen kommen Grund- oder Systempreise bzw. Gebühren hinzu. Dadurch wird der Vergleich natürlich gravierend verzerrt und sorgt für viel Unruhe. Pikant dabei, dass die Solinger selbst bei einem „vollständigen“ Vergleich zur Spitzengruppe gehören. Beim „Preisbrecher“ Hövelhof wären es zwar pro Jahr 44,94 Euro Grundgebühr, dies ändert aber ebenfalls wenig an der Position in einem Wasserpreisvergleich. Genau dies macht Vergleiche egal wie viele Preisbestandteile berücksichtigt werden, so wenig informativ.

Preise kann man nicht ohne weiteres vergleichen, man müsste auch auf die Kosten schauen  

Eigentlich müsste man sich die Mühe machen und die Kosten für die Trinkwasserbereitstellung in den Vergleich einbeziehen. Dafür liegen aber zu wenig Informationen vor, auch wenn die so genannte Kundenbilanz als Instrument dafür geschaffen worden ist. Aber leider wird dieses Instrument nur selten angeboten. Daher muss man sich auf eine qualitative Beschreibung beschränken. Maßgeblich für die Höhe der Preise und Gebühren sind Faktoren wie Topografie, Grundwasserqualität, Anschlussdichte des Versorgungsnetzes, Bodenqualität, um nur einige wenige zu nennen. Die Solinger sind an ein sehr kostenträchtiges Talsperrensystem angeschlossen, weil das Bergische Land nicht über eigene Grundwasseressourcen verfügt.

NRW’s Trink- und Abwasserpreise (Q: WDR)

Das daraus entnommene Wasser ist auch deshalb so teuer, weil die Talsperren aufwändig unterhalten werden müssen. Dazu kommt die Topografie. Das Wasser muss in der bergischen Region kostenintensiv gepumpt werden, um alle Ortsteile versorgen zu können. Ein weiteres Kosten-Beispiel liefern Versorger, die Ruhr-Wasser entnehmen. Sie müssen das entnommene Flusswasser aufwändig aufbereiten, ehe es trinkbar wird. Auch hiermit sind hohe Investitionen (die sich in jährlichen Abschreibungen auf die Kosten niederschlagen) und Energiekosten verbunden.

Anders als der WDR es erklärt, darf ein Versorger mit seinen Entgelten schon Gewinn erzielen. Aber das ist ein völlig anderes Thema.

Fazit: Wieder einmal ein Preisvergleich, der nur wenig zur Klärung der Frage beiträgt, wer zu hohe Preise verlangt und warum andere Kommunen geringere Preise oder Gebühren erheben. Die Lösung kann nur darin liegen, dass die Versorger und Abwasserentsorger die von ihnen enthobenen Entgelte umfassender erklären, also Preiskommunikation betreiben.

Quellen / Hinweise:
WDR Beitrag
NRW Statistik von IT.NRW (Statistisches Landesamt)
Sind Wasserpreise nicht sogar zu niedrig? (Beitrag zur Mülheimer Tagung)
Neue Wasserpreissysteme

Fotos:
WDR; Siegfried Gendries

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