Mariah Blake’s „Die Vergiftung der Welt“ ist eine erschreckende Biografie der bedrohlichsten Chemikalie ever: PFAS – die „Ewigkeitschemikalie“.
Entwickelt und produziert wurden bei den Schwergewichten der globalen Chemieindustrie u.a. bei DuPont im Zuge des „Manhattan Projects“ im militärischen Komplex der USA. Informationen über gesundheitliche Bedrohungen wurden daher zunächst vorgeblich aus Gründen der „Nationalen Sicherheit“ unter Verschluss gehalten. Die menschlichen Opfer wurden daher wissentlich in Kauf genommen, ungeachtet der Warnungen der Wissenschaftler aus der Industrie.
Das Buch schildert eine Unternehmenspolitik, die die Schicksale von Menschen in den Hintergrund stellt, um die Renditeerwartungen der Investoren zu befriedigen. Die Recherchen entlarven, dass das was viele Jahre als Erfolgsstory der Chemiekonzerne verkauft worden ist, in Wahrheit eines der dunkelsten Kapitel in der Industriegeschichte war.
Aber wir dürfen nicht sorglos sein, auch wir tragen Verantwortung. Denn wir Konsument:innen haben uns von den Versprechungen der Industrie und des Handels blenden lassen. Wir wollten sie haben: die wasserdichten Outdoor-Jacken, die praktischen Pfannenbeschichten und all diese schönen Dinge, die uns das Leben leichter machen sollten. Leider haben wir nicht gewußt, dass es vielen Menschen ihr Leben kosten wird.
Vergiftung des Trinkwassers mit katastrophalen Folgen
Im Mittelpunkt stehen Kleinstädte in den USA an der Peripherie der Metropolen und industriellen Zentren. So wurde Teflon, der wohl bekannteste Einsatzbereich eines PFAS wurde bis 2013 in Parkersburg, West Virginia, USA unter Verwendung von Perfluoroctansäure (PFOA oder C-8) hergestellt. Die Lage der Stadt am Ohio-River hatte katastrophale Folgen für die Menschen. Mit Studien wurde aufgedeckt, dass der Kontakt mit PFOA mit lebensbedrohlichen Krankheiten in Verbindung steht.
Dank geleakter interner Unternehmensdokumenten konnte bewiesen werden, dass DuPont bereits 1961 über die Gefahren von PFOA Bescheid wusste und 1984 Kenntnis davon hatte, dass die Chemikalie im örtlichen Trinkwasser vorhanden war und aus den Fabrikschornsteinen in den Staub abgegeben wurde, dies jedoch weder den Arbeitnehmern noch der umliegenden Bevölkerung mitteilte. Zwischen 1951 und 2003 hat das Werk Tausende Tonnen PFOA entsorgt und emittiert.
Vergeblich versuchten Beschäftige der DuPont-Fabrik Parkersburg zu beweisen, dass ihre Krankheiten von der PFOA-Wasserverschmutzung im Fluss Ohio ausgelöst worden waren. Sie reichten Klagen gegen DuPont ein. Zunächst waren die staatliche Umweltbehörde EPA und die Politiker in den Standortkommunen nicht von der Bedrohung und die gesundheitlichen Folgen der Kontaminationen zu überzeugen. Zu stark war der Einfluss des übermächtigen Konzerns.
Als an den Produktionsstandorten die Folgen und die Zahl der Toten unübersehbar wurden, wurden endlich auch die Behörden wach…
Was folgte war das bekannte Katz- und Maus-Spiel zwischen der Profitgier der Industrie mit ihrem bewährten Playbook aus Lügen, Desinformation und Lobbyismus und den von Angst und Ohnmacht getriebenen Menschen, die erkennen mussten, dass ihre Arbeit in der Chemieindustrie für sie den sicheren Tod bedeuten wird.

Das Ende in Sicht?
Im Jahr 2023 forderte eine Gruppe von 51 international tätigen Vermögensverwaltern mit einem Anlagevolumen von über zehn Billionen Dollar die CEOS der größten Chemiekonzerne der Welt auf, die Produktion von PFAS einzustellen. Sie scheuen die Haftungsrisiken. Ähnlich verhalten sich die Versicherungskonzerne. In den USA drehen die Behörden an der Regulierung und senken die Grenzwerte. Die Konzerne machen Zugeständnisse. Aber auch dahinter verbirgt sich eine Strategie, wie Blake offenlegt: Es werden einige PFAS-Produktionen eingestellt, aber die lukrativsten behalten. Für die Ersetzbaren werden Alternativen geschaffen, die lukrativen dagegen als unersetzlich bezeichnet. Mit dazu gehören TFA und Teflon… die Geschichte geht weiter. Wenn wir uns nicht dagegen wehren. Das Ende in Sicht? Nein, es beginnt gerade erst.
Von der Vergiftung der Welt bleibt auch Deutschland nicht verschont. PFAS ist ein globaler Skandal, bei dem die Industrie einem immer gleichen Verhaltensmuster folgt. Dies sollten wir kennen, um uns konsequent dagegen zu wehren, uns zu schützen und die Verantwortlichen frühzeitig zur Rechenschaft ziehen zu können.
Meine Meinung dazu
Ohne Whistleblower und investigative Journalisten wäre dieses schockierende Dokument über die rücksichtslose Politik der Chemieindustrie nicht entstanden. Mariah Blake ist weder die Erste, die das Thema PFAS aufgreift, noch ist sie die Einzige, aber sie macht es in einer fesselnden Art, wie man sie nur selten bei einem derartigen Thema findet. Eine Mischung aus Dokumentation und Drama – leider ohne Happy End.
Eine absolute Lese-Empfehlung. Mich hat das Buch gefesselt.
Leseprobe und Bezugsquelle
Hier geht’s zu einer Leseprobe von Mariah Blake’s „Die Vergiftung der Welt“ erschienen vor wenigen Wochen im oekom Verlag. Für 25 Euro, die bestens investiert sind. Hier ist kann man es direkt beim oekom-Verlag kaufen: https://www.oekom.de/buch/die-vergiftung-der-welt-9783987265150
Weiterführendes
- „Vergiftete Wahrheit“ auf ARTE. Öko-Thriller über PFOA im Trinkwasser, LebensraumWasser, 08/12/2023
- Wird die gewässergefährdende „Ewigkeitschemikalie“ PFAS europaweit verboten?, LebensraumWasser, 20/02/2023
- PFAS im Rhein: Legale Einleitung, politisches Wegsehen und ein Gewässer als Daueropfer, LebensraumWasser, 26/01/2026
- Beyond PFAS: The Safer Alternatives, ChemSec
Beitragsfoto: Siegfried Gendries



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