Wie Corona den Wasserverbrauch in Deutschland verändert

Die Corona-Pandemie war für die Wasserversorger ohne Frage eine Herausforderung, die insbesondere arbeitsorganisatorisch weit über das Normalmaß hinausging. Bestanden hat dies die deutsche Wasserwirtschaft – Ver- und Entsorger gleichermaßen – mit Bravour. Das Leitungswasser und das Abwassersystem, beides die elementaren Säulen der Hygienemaßnahmen zur Bewältigung der Infektionen, standen uneingeschränkt zur Verfügung. Die Corona-Folgen schlugen sich dennoch auf die Wasserversorger nieder: in Form von Verbrauchsverschiebungen. Deren Betrachtung hat nicht nur Unterhaltungswert, sondern offenbart auch manche statistische Verzerrung in Normalzeiten.

Kaltwasserverbrauch in Haushalten Corona-bedingt um 10 % höher als im Vorjahr

Die privaten Haushalte haben während des Lock-Downs und des kollektiven „stay at home“ mehr Trinkwasser gebraucht. Das kann nicht überraschen, schließlich musste die häusliche Toilette genutzt werden und das Händewaschen fand vermutlich häufiger statt als zu normalen Zeiten. Gestützt werden diese Feststellungen auf Wasserverbrauchsauswertungen des Energie- und Zähler-Ablesedienstleisters Techem. Dieser hatte anonymisiert mehr als 50.000 Haushalte in Mehrfamilienhäusern in eine Verbrauchsanalyse einbezogen. Demnach sei der Kaltwasserverbrauch im März und April 2020 im Vergleich zum Vorjahr um rund 10 Prozent, der Verbrauch an Warmwasser sogar um 11 Prozent gestiegen. Deutlicher als die Zahlen der Wasserversorger können die Verbrauchsmuster von Techem den Endverbrauchern direkt zugeordnet werden, denn Techem greift auf die Daten der digitalen Haushaltszähler zurück und erhebt, anders als die Versorger, nicht nur einmal jährlich die Zählerdaten.

Der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) teilte nach einer Umfrage bei den Mitgliedsunternehmen mit, wie sich die Wasserverbräuche dort in Folge von Corona verändert hatten. Beim Kleingewerbe wie kleineren Geschäften und Dienstleistungen hat sich aufgrund der teilweisen Schließungen ein geringerer Verbrauch ergeben, „der“, so der BDEW, „jedoch den deutlichen Mehrgebrauch bei den Haushalten bei weitem nicht ausgleicht.“ Negative Veränderungen haben sich auch in der Industrie ergeben, dort wirkten sich die Produktionseinschränkungen auf den Wasserverbrauch aus. Dass Arbeitsstillstände sich auch in geringerem Toilettenwasserbedarf niederschlagen, dürfte nur eine Randbemerkung wert sein. Das Betroffenheitsbild dürfte uneinheitlich sein, verfügen viele große Industriebetriebe ehedem über eigene Brunnenanlagen und beziehen kein Trinkwasser der öffentlichen Wasserwirtschaft. Auch die Harzwasserwerke verzeichneten nach eigenem Bekunden eine “geringere Wasserabnahme in Industrie-Standorten, da die Produktionen der Firmen einige Wochen ruhten.”

Pendler sind ursächlich für die Verbrauchsverschiebungen

Die Pendlerbewegungen oder besser die Penderstagnation dürfte ursächlich für die Verbrauchsverschiebungen innerhalb der Städte sein. So hat Hamburg Wasser mitgeteilt, dass sich der Innenstadt-Verbrauch Mitte März verringert und in die Außenbezirke verlagert hat. Rückfragen bei Stadtwerken in Hessen und Rheinland-Pfalz zeichnen ein ähnliches Bild. Auspendler-Städte „profitieren“ durch die Home-Office-Arbeiten und von Corona-bedingten Kurzarbeiter-Regelungen mit steigendem Wasserverbrauch, während Einpendler-Regionen darunter „leiden“. Dazu gehören nicht nur Industrieregionen, auch Universitätsstädte, bei denen der Lehrbetrieb ruhte und die Stundentenwohnheime teilweise leer standen, verzeichneten geringere Wasserabsätze als in den Vorjahren.

Tourismus-Region leiden besonders stark. Höhere Wasserentgelte sind nicht ausgeschlossen.

Besonders leiden der Tourismus- und Gastronomie-Bereich unter der Corona-Krise. Das hat auch Auswirkungen auf den Wasserverbrauch. Besonders betroffen sind daher die touristisch geprägten Regionen. In Mecklenburg-Vorpommern sind die Verbrauchsmengen drastisch zurückgegangen. Wie der NDR berichtete, schlug der zuständige Zweckverband der Insel Usedom bereits Mitte März Alarm. Der Verbrauch sei in den ersten Corona-Wochen um rund 40 Prozent zurückgegangen, weil die Wasserverbräuche der Touristen fehlten. Da die hohen Fixkosten jedoch unverändert geblieben seien, wurden als Corona-Folge steigende Wassergebühren für die Insel in Aussicht gestellt. Halbiert hat sich seit der Schließung des Tourismusbetriebs auch der Wasserverbrauch auf den Ostfriesischen Inseln.

Länger schlafen, später duschen – Wasserverbrauch verlagert sich

Viele Wasserversorger und Stadtwerke vermelden, dass sich der Verbrauch auch zeitlich verschoben hat. Während im „normalen“ Alltag der Wasserverbrauch vor allem in den frühen Morgenstunden hoch war und die Spitzenverbräuche dank des frühmorgendlichen Duschens zwischen 7 und 9 Uhr zu verzeichnen waren, verteilt sich der Verbrauch nun über den gesamten Vormittag mit Spitzenverbräuchen gegen 10 Uhr.

Wasserverbrauchsstatistik könnte realistischer werden

Hätten die Verbrauchsveränderungen und regionalen Verschiebungen in Folge länger anhaltender Beschränkungen ein größeres Gewicht bekommen, dann hätten sich auch die Wasserverbrauchsstatistiken geändert. Bekanntlich beziehen sich Verbrauchsstatistiken immer auf die gemeldete Einwohnerzahl, also Gesamtabgabe des Wasserversorgers bezogen auf die gemeldeten Einwohner. Ist also der Verbrauch regelmäßig gering, weil die Menschen als berufliche Auspendler tagsüber ihre Zeit in der Nachbarregion verbringen, dann erscheint in Normalzeiten eine Verbrauchszahl zum Beispiel 120 Liter je Einwohner und Tag, die im Vergleich zur besagten Nachbarregion geringer ist. Letztere hat dann wegen der Einpendler und der beschäftigenden Industrie einen deutlich höheren Wert, ähnlich in Studentenstädten. In Folge der Corona-bedingten Verschiebungen ergeben sich zumindest für wenige Wochen realistischere Werte.

Anders als in den USA, wo US-Verband der kommunalen Abwasserentsorger, NACWA, schon wenige Tage nach dem Start der Pandemie, Erlösrückgänge von 30 bis 40 % bei den Utilities prognostizierte, werden bei deutschen Wasserversorgern in Folge der Aussetzung von Abschlagszahlungen in erster Linie Liquiditätseffekte registriert. Zwar warnte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vor wenigen Tagen vor den wirtschaftlichen Folgen für die Kommunalbetriebe, diese Effekte dürften sich aber vorrangig auf den ÖPNV und das Bäderwesen beziehen. Für die Wasserwirtschaft dürfte es allerdings in einigen Regionen eng werden, wie der Blick auf den ausgebliebenen Touristenstrom an den deutschen Küsten belegt. Genauere Zahlen werden aber sich erst in einigen Monaten vorliegen, wenn die Pandemie hoffentlich beendet sein wird.

Ach so, ja auch das darf nicht übersehen werden: die Wasserversorger wissen offenbar noch sehr wenig über die Verbrauchsverhalten ihrer verschiedenen Kundengruppen. Wenn sie zielgerichtet planen und investieren wollen, besteht hier noch Nachholbedarf. Da scheinen die Ablesedienstleister wie Techem schon viel weiter zu sein. Die können nach eigenen Aussagen die Verbrauchswerte schon detailliert erfassen.

Quellen/Weiterführendes

Beitragsfoto: Gendries

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