Was Fettberge und Feuchttücher in Kanälen mit Social Media zu tun haben

In englischen Abwasserkanälen wachsen Fettberge. Dabei spielen auch Feuchttücher eine Rolle. In der EU werden Einweg-Plastik-Produkte aus der Umwelt verbannt. Auch Feuchttücher stehen auf der Agenda. Davon sind auch viele deutsche Kanalnetzbetreiber betroffen. Da Verbote dabei (noch) nicht geplant sind, muss die Aufklärung verstärkt werden. Hierbei könnte Social Media helfen.

Feuchttücher sind EU-weit ein Problem. Sie verstopfen nicht nur das englische Kanalsystem. Immer mehr Verbraucher verwenden sie für Haut und Po. Eigentlich nicht schlimm, würden sie nicht in Mengen über die Toilette entsorgt. Kommen dann noch Fett, Öl und Speisereste dazu, ist der Anfang gemacht, der Abwasserkanal bekommt Verstopfung – zum Fettberg ist es dann nicht mehr weit. Und die wachsen vornehmlich in England. Vor fünf Jahren kam erstmals in London ein Fettberg in die Schlagzeilen. Vor Weihnachten sorgte ein solches Gebilde im beschaulichen Sidmouth, an Devons Küste im Südwesten Englands, für Aufmerksamkeit. Es lohnt sich hinzuschauen, denn die Dinger können teuer werden.

In England beginnt es mit „Fats oils and grease (FOG)“. Diese Gemische sind dort die häufigsten Gründe für Verstopfungen und Überflutungen der Abwasserkanäle. Nach Angaben von British Water gibt es jährlich rund 370.000 verstopfte Abwasserkanäle – rund 1.000 am. FOGs werden auf der Insel für Dreiviertel aller Kanalverstopfungen verantwortlich gemacht. 

The fatberg under Sidmouth. Picture: South West Water

Fettberge häufen sich, Schuld daran sind die Verbraucher

Fettberge entstehen durch menschliches Fehlverhalten. Wenn häusliche Toilette und Spülbecken als Mülltonne genutzt werden, gelangen feste und fettige Abfälle in die Kanalisation. Trotz Aufklärung und gesundem Menschenverstand werden Fettreste und Hygieneprodukte wie Ohrenstäbchen, Windeln oder Feuchttücher über den Toiletten-Abfluss entsorgt. Heisses Fett oder Öl, Nässe und feste Abfälle – und der Fettberg ist da. Einmal vorhanden nimmt er alles auf was kommt – und wächst und wächst. Mit 64 Metern Umfang ist der Sidmouth- „fatberg“ (diese englisch-deutsche Kombination ist tatsächlich die offizielle Bezeichnung) der größte der jemals in der Nähe der Küste gefunden wurde. Er ist damit länger als sechs der typisch englischen Doppeldecker-Busse. Vor zwei Jahren wurde im Londoner Stadtbezirk Whitechapel ein 130-Meter-Berg entdeckt. Ein Stück davon landete später im Museum of London und kann einem Video auf der Website des Guardian bestaunt werden. Ein ähnlicher im Berg in Londons Shepherd’s Bush bestand aus einer geballten Ladung von Abfällen, Fetten, Feuchttüchern, Essensresten, Holzbrettern und Tennisbällen (!?) – bis zum Wimbledon Park Tennis Court sind es 12 Kilometer.

Über 110 Millionen Euro geben die englischen Abwasserentsorger für die Beseitigung der Verstopfungen in den Kanalrohren aus. Diese Kosten schlagen sich in steigenden Abwassergebühren nieder. Verstopfungen können auch schon eher auftreten, nämlich in den häuslichen Abwasserleitungen. Wenn dort die Rohre zu sitzen, weil die falschen Dinge entsorgt wurden oder zu viel davon, dann bleibt die Röhre dicht. Der Rückstau erzeugt nicht nur Ärger und Kosten, sondern auch mächtigen Gestank. Da macht auch das Wasser sparen Probleme. Denn je weniger Wasser fliesst und das Gefälle fehlt, desto träger bewegt sich Masse in den Rohren. Wenn die Abwasserentsorger dann nicht spülen, kommt es zum Stau.

Immer diese Feuchttücher

Auch wenn ein Cocktail aus verschiedenen Abfällen ursächlich ist, Feuchttücher sind das größte Problem. Diese Hygieneartikel haben überhaupt nichts in der Toilette zu suchen. Dennoch landen sie aus Gedankenlosigkeit und Unwissenheit statt im Müll in der Toilette und verstopfen später das Kanalsystem. Dabei muss gar nicht immer ein Fettberg entstehen, die Feuchttücher richten schon alleine Schäden an. Der Kanalnetzbetreiber und Abwasserentsorger von London, Thames Water, fand heraus, dass Feuchttücher zu 93 Prozent die teuren Probleme auslösen. Die Fasergemische führen zu Verzopfungen in den Abwasserpumpen. Die textilen Fasern wickeln sich um deren Laufwerke. Danach geht nichts mehr. Die Pumpe stockt und mit ihr die unappetitliche Masse, die eigentlich in die Kläranlagen gepumpt werden sollte.

Feuchttücher sind ein Wachstumsmarkt. Der Faserhersteller Lenzing AG erklärt sie sogar zum Megatrend. Kein Wunder, bei der Babypflege stehen sie mit 92 Prozent der wichtigsten Gegenstände in den deutschen Windeltaschen ganz oben, so eine Befragung von Statista. Deshalb sind junge Mütter auch die bedeutendste Kundengruppe der praktischen Hygienetücher – zuhause oder unterwegs.

Nicht immer finden Verbraucher verständliche und vollständige Informationen (Foto: Gendries)

Flush the 3Ps – pee, paper and poo – down the loo

Die englischen Abwasserentsorger wollen nicht tatenlos dabei zusehen, wie ihre Kanäle verstopfen und verzopfen. Mit „lauten“ Kampagnen wollen sie für Aufmerksamkeit sorgen, oder „Awareness“ wie die Briten sagen. Virales Marketing setzt auf „starke Sprüche“. Ihre Verbraucheraufklärung bedient sich daher „deftiger“ Formulierungen. South-West Water, zuständig für die Region im Südwesten damit auch Sidmouth, hat eine solche Kampagne gestartet. Der Titel „Flush the 3Ps – pee, paper and poo – down the loo“ heißt übersetzt „Spüle die 3 Ps – Pipi, Papier und Kot – durch’s Klo“.

Das dafür produzierte YouTube-Video-Aufklärungsvideo ist mal so gar nicht britisch. Die „junge Dame“, unverkennbar englischer Herkunft, erklärt den Briten vergleichsweise unverblümt was in die Toilette gehört: Pee, Paper und Poo – sonst nichts. Mit der liebenswerten Geschichte kann das Klo Influencer-Status in den sozialen Medien erlangen. Die Beschreibung lesen ist nur halb so schön …

Aber auch deutsche Abwasserentsorger bedienen sich der sozialen Medien. Mit „Kein Müll ins Klo“ will die Stadtentwässerung Dresden auf die Folgen falscher Entsorgung über die Toilette aufmerksam machen. Mit frischer sächsischer Direktheit prangert ein Abwasserwerker den Feuchttücher-Unsinn an.

Es bleibt zu hoffen, dass beide Viral-Kampagne erfolgreich sind und für ein Umdenken sorgen. Die mit der kleinen Großschnauze aus England hat für mich ein bisschen mehr Kult-Charakter. Aber womöglich gibt es nich erfolgsversprechender Wege, denn die Anzahl der Klicks (= Aufrufe) bei beiden Videos ist eher bescheiden.

Hersteller von Feuchttüchern sollten klare Hinweise anbringen

Aufklärung bei Feuchttüchern muss auch die Hersteller und den Handel einbeziehen. Sie bringen die Produkte auf den Markt und tragen daher Mitverantwortung. Sie sollten aufklären über die richtige Entsorgung. Fraglich ist nur, ob Verbraucher überhaupt auf die Verpackungen schauen, ob sie die Hinweise überhaupt wahrnehmen. Wenn es um Hautverträglichkeit geht, das ist von großem Interesse, aber die Entsorgung? Erschwerend kommt hinzu, das Feuchttücher sich unterscheiden. Toilettenpapier löst sich schnell auf, Hygienetücher für die Haut der Babys und der Mütter brauchen dagegen lange. Für Albaad, den im münsterländischen Ochtrup ansäßigen Marktführer bei Feuchttüchern, erklärte dessen Geschäftsführer Wolfgang Tenbusch am „Tag der Toilette“, dem 26. August 2018: „Alle Hygieneprodukte, die im Bad verwendet werden, laufen Gefahr, unbedacht die Toilette heruntergespült zu werden.“ Feuchtes Toilettenpapier sei aber harmlos und nicht schuld an Verzopfungen in der Kanalisation, ursächlich seien falsch entsorgte Haushalts- und Hygieneartikel erklärt der Albaad-Chef. Baby- und Kosmetiktücher bestünden aus Spunlace, einem Verbund aus Viskose und Polyesterfasern. Diese Fasern seien mechanisch miteinander verkettet und enorm reißfest, erklärt der Hersteller. Damit sollte zwischen den verschiedenen Produkten unterschieden werden, wer soll das eigentlich verstehen? Feuchte Toilettenpapiere dürfen in die Toilette, feuchte Babytücher dagegen nicht.

Petition soll Englands Politik auf den Plan rufen

Egal wofür sie genutzt werden, über Betriebsstörungen durch Feuchttücher bei den Pumpen und über Fettberge raufen sich Abwasserentsorger in Deutschland und England gleichermaßen die Haare. Die englischen Abwasserentsorger sind es leid. Jetzt haben sie eine Petition gestartet. Mit ihrer Unterschrift können englische Staatsbürger die Politik zum Handeln bringen. Unter „Ban the sale of wet wipes that have “flushable” on the packet“ läuft die Unterschriftenaktion. Bisher haben weniger als 2.000 Briten teilgenommen, bis zum 29. Mai 2019 müssten sich 10.000 für eine Verbannung von falschen Beschriftungen aussprechen. Dann müsste sich die Politik damit befassen, ab 100.000 müsste das englische Parlament darüber debattieren. Vielleicht wird die Politik auch gar nicht gebraucht.

Influencer-Marketing für mehr Wahrnehmung als Verpackungshinweise

Vor zwei Jahren referierte ich beim IKT (Institut für Kanaltechnik) über „Feuchttücher – das Problem des Nichtwissens“. Im Kern ging es um die Feststellung, dass VerbraucherInnnen sich nicht für die Entsorgungshinweise auf den Feuchttücherverpackungen interessieren. Trotzdem schien die Forderung nach einer besseren Aufklärung durch die Hersteller der Hygienetücher nur folgerichtig. Die Verbrauchergruppen sind schnell ausgemacht: in erster Linie sind es junge Frauen, egal ob mit oder ohne Baby. Diese Gruppe ist bekanntermaßen Social-Media-affin. Genau dort müsste man ansetzen, war meine Empfehlung – es geht um Aufmerksamkeit! Analoge Verpackungshinweise müsste durch digitale Kampagnen unterstützt werden. Durch Social-Media-Kampagnen mit lustigen Videos oder Stories von Influencern auf Instagram oder YouTube wird man sie erreichen können. Gefragt wären Influencer, die ihren Tausenden von Followern nicht nur die von ihr bevorzugten Hygiene- oder Pflegeprodukte vorstellten und deren kosmetischen Vorzüge erklären, sondern auch noch Tipps gibt wie man sie umweltschonend entsorgt. Diese „Alpha-Tiere“ in der Social Media-Welt würden nicht nur beim Einkauf, sondern auch bei der Entsorgung Nachahmer finden. Damit wäre der Umwelt gedient. Sie dürften große Zustimmung erhalten und möglicherweise auch Unterstützung erwarten. Was spricht dagegen, dass die Hersteller sich dabei einbringen?

EU-Einweg-Plastik-Richtlinie könnte Hersteller unter Druck setzen

Jetzt kommt Unterstützung aus Brüssel. Die EU will Einweg-Plastik an den Kragen. Zu viel davon landet in der Umwelt. Auch wenn sie anders als Plastikbecher noch nicht verboten werden, auch Hygiene-Feuchttücher aus den Privathaushalten greift die EU auf. Mit der am 18. Januar 2019 erzielten Einigung zur EU-Einweg-Plastik-Richtlinie zwischen der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten wird auch in die Feuchttücher-Thematik Bewegung kommen. Demzufolge müssen die Mitgliedsstaaten ab 2021 geeignete Maßnahmen treffen, um Verbraucher über die richtige Entsorgung von Feuchttüchern zu informieren und ihr richtiges Verhalten incentivieren. Verantwortungsvolle Hersteller und Anbieter werden hier in erster Linie gefragt sein.

Member States shall take measures to inform consumers and to incentivise responsible consumer behaviour, in order to achieve a reduction in the littering of products covered by this Directive, and shall take measures to inform consumers of the single-use plastic products listed in Part G (incl. wet-wipes = Feuchttücher) of the Annex and fishing gear containing plastic about the following:
(a) (…)
(b) the impact of littering and other inappropriate waste disposal of those products and fishing gear containing plastic on the environment, and in particular on the marine environment;
(c)
the impact on the sewer network of inappropriate waste disposal of those products.

EU-Einweg-Plastik-Richtlinie

Wie es weiter gehen könnte

Kaum anzunehmen, dass sich das Problem von selbst lösen wird. Ganz im Gegenteil, eine wachsende Nachfrage nach feuchten Hygienetüchern erzeugt immer mehr Abfälle in den Kanälen. Verstopfungen werden zu nehmen. Technische Lösungen wären möglich, das setzt den Austausch intakter Pumpen voraus. Hersteller arbeiten an schnellerer Auflösung der Tücher, aber auch diesen Ergebnissen sind Grenzen gesetzt. Am Ende muss der Verbraucher sein/ihr Verhalten ändern. Das gilt auch für Altarzneimittel, die andere, aber nicht minder große Probleme in der Kanalisation und den Gewässern auslösen.

Die EU und die Bundesregierung sind auf dem richtigen Weg. Hersteller und Handel werden ihre Aufklärung und Kundeninformation intensivieren und die Wahrnehmung der Entsorgungshinweise verstärken müssen. Social Media wird den Verantwortlichen, gleich ob Hersteller, Handel oder Politik, helfen können. Influencer sollten ihre „Beeinflussung“ auf derartig positive Umweltthemen ausrichten können. Sie werden von der Zielgruppe gehört. Wir warten auf Ideen!

Flush or Not? (Q: South-West Water)

Weiterführendes / Quellen

  • „New official wet wipe standard to bolster fat berg fight“, WWT
  • „WWT Explains… Fats, Oil and Grease Removal“, WWT
  • „Sidmouth has a fatberg; but what is it?, Sidmouth Herald, 9.1.2019
  • „Das Elend mit der Verstopfung. Wie wir die Toilette vor Feuchttüchern bewahren können.“, Lebensraumwasser, 5.3.2017
  • Adam ruins everything“ YouTube-Eklärvideo
  • „Should i Flush it“-Campaign, South-West Water
  • Petition „Ban the sale of wet wipes that have “flushable” on the packet“ England
  • „Proposal for a Directive of the European Parliament and of the Council on the reduction of the impact of certain plastic products on the environment“ – Final compromise text, 19.12.2018/18.1.2019, EU-Kommission (siehe dort Seiten 47, 65-66)
  • Marktforschungsergebnisse „Welche Babyprodukte dürfen nicht in Ihrer Windeltasche fehlen?“, Statista, 2017
  • Pressemitteilung zum „Tag des Toilettenpapiers“, Albaad, 26.8.2018
  • Artikel „Feuchttücher bleiben Megatrend“, avr-Magazin Lenzing AG, 04.05.2016

Hinweis: Diese Beitrag ist Journalismus, nicht Marketing. Er basiert auf sorgfältig ausgewählten Quellen und möglichst objektiven Informationen. Die Hinweise zu Anbietern oder Herstellern der Produkte stellen keine Werbung dar.

1 Kommentar

  1. Die Politik wäre gefragt, aber es kann dauern bis es Lösungen gibt, also tun viele Kanal- und Kläranlagenbetreiber ihr Bestes um aufzuklären und das Verbraucherverhalten zu beeinflussen. Ein Beispiel dazu von unseren Unternehmen in Tschechien: 2019 findet die dritten Ausgabe des DOODPADU-Wettbewerbs (frei übersetzt: was NICHT in den Abfluss gehört) für Schüler der Oberstufen statt. Hier gibt’s mehr dazu:

    https://wasser.energieag.at/News/Blognews-Doodpadu-2019-ausgeschrieben.html

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