Neuer Megatrend? Das “Wasserwerk für die Küche”

Nestlé und mitte® entwickeln ein “Wasserwerk für die Küche”. Sind wir Zeugen eines neuen Megatrends bei Wasser oder ist es ein kurzer Hype? Gesundheit, Trinkwasser und Digitalisierung schaffen einen neuen Markt. Der Kampf um die Marktanteile findet bald auch in den Küchen statt – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das hat mit Veränderungen von Konsumgewohnheiten und Umweltbewusstsein zu tun. Jedenfalls erhalten Leitungswasser und der Wasserhahn eine Schlüsselrolle. Zwei Akteure in der Geschichte könnten unterschiedlicher nicht sein: der Nahrungsmittel- und Wasserkonzern Nestlé und das Berliner Wasser-StartUp mitte®.

Erfolgsstory beim Flaschenwasser vor dem Ende?

Das Flaschenwassergeschäft ist unter Druck. Die Absatzzahlen stagnieren. Das Umdenken der Konsumenten scheint zu wirken. Wasser aus der Leitung, statt aus der Flasche. Plastikvermeidung wird in Zeiten des Klimawandels eine Frage des Lebensstils. Dabei lief es so gut. Dass Gesundheit mit Wassertrinken zu tun hat, haben die Konsumenten verstanden, nicht nur wenn es um die Grundbedürfnisse geht. Die Trink-Botschaften von Sportlern, Ärzten und Ernährungswissenschaftlern haben ihre Zielgruppen erreicht. Lange kannten daher die Absatzzahlen der Mineralwasserbranche in Deutschland nur eine Richtung: Wachstum. Nach rund 13 Litern 1970 tranken die Deutschen 2018 jährlich 150 Liter Wasser – allein aus der Flasche. Jetzt die Ernüchterung, die Stimmung kippt. Nestlé, Anbieter von Marken wie Vittel, San Pellegrino und Pure Life und häufig angefeindeter Nahrungsmittel-Konzern, reagiert auf die Entwicklung und baut sein Wassergeschäft um.

Nestlé und mitte® zwei ungleiche Wettbewerber mit identischen Ambitionen

Ab 2020 will Nestlé an die Trinkwasserleitung angeschlossene Wasserspender mit personalisierter Trinkwasseraufbereitung anbieten. Damit bekommen Flaschen und Gallonen umweltfreundliche Alternativen. Das erklärte Konzernchef Mark Schneider am 17.10.2019 der Finanzwelt als Reaktion auf die Entwicklung beim abgefüllten Wasser. Die als “Refill Plus“ bezeichnete neue Marke soll Nestlés Wachstum neuen Auftrieb geben. Der Konzern will sich zunutze machen, dass das Wiederauffüllen von Flaschen mit Wasser hat einen wahren Hype ausgelöst hat. Refill (ohne Plus) gibt es schon, es ist ein System, bei dem es um das Auffüllen von Trinkflaschen in Ladengeschäften, Cafés und anderen öffentlich zugänglichen Wasserhähnen geht. In Bristol entstanden, überrollt es die deutschen Städte. Der entscheidende Unterschied: Bei Refill kommt das Wasser aus dem Hahn und die Flasche, schlichtes Leitungswasser.

Das Erkennungsmerkmal von Refill-Stationen in Läden und Cafés

Wasserspender sind nichts Neues. Viele Wasserversorger stellen die Geräte in Schulen und Sportzentren auf, gesundheitsorientierte Arbeitgeber bieten damit ihrer Belegschaft frisches Leitungswasser. So sehr das Wasser am Hahn auch an Attraktivität gewinnt, die Diskussion um Nitrate und andere Stoffe in Flüssen und Grundwasser haben ihre Spuren hinterlassen. Auch beim „letzten Meter“, also der häuslichen Leitung, zeigen manche Häuser Schwächen. Bei dieser Mischung aus Unsicherheit der Konsumenten beim Wasser aus dem Hahn, dem Trend zum individuellen Getränk und der Abkehr von der Flasche kommt der Wasserspender mit Filterssystem und das „Wasserwerk für die Küche“ gerade recht. Denn darin soll das Leitungswasser eine Filteranlage durchlaufen, aromatisiert, gesprudelt werden oder natürlich in die Flasche fließen. 64 Geschmackstypen soll Refill Plus bieten. „Mehrwert” am Wasserhahn für Nestlé und den Kunden. Der Start sind Abfüllautomaten in Geschäften und Einkaufszentren, deshalb das Plus zum Refill. Tests, die für die Marke “Pure Life Refill Plus” in den USA gemacht worden seien, sollen überzeugend gewesen sein. Das ist nur der Auftakt, das Ziel sind die Küchen.

Damit könnte Nestlé das Berliner Startup mitte® treffen. 2017 als Crowd-Funding-Projekt mit rund 360.000 Euro und reichlich Vorschusslorbeeren in den Sozialen Medien gestartet, will mitte® eine „hauseigene Wasseraufbereitungs- und Flaschenabfüllanlage” anbieten. Mit dem kleinen „Wasserwerks für die Küche“ soll das Leitungswasser am Wasserhahn vollständig entmineralisiert und anschließend mit Mineral-Kartuschen wieder naturidentisch angereichert werden können, so die Ankündigung.

mitte®

Ungleicher Markteinstieg: mitte® musste Zeitplan ändern

Schon einmal hatte ein StartUp Erfolg mit Leitungswasser: Sodastream, war in Israel als StartUp gestartet und hatte schon vor mehr als zehn Jahren den Markt der Wassersprudler gegründet. 2018 wurde es vom Nestlé-Konkurrenten PepsiCo für 3,2 Mrd. US-Dollar übernommen. Anders als Sodastream, will der Schweizer Nahrungsmittelkonzern mit Refill Plus nicht nur „sprudeln“, sondern „veredeln“. Denn ging es vor fünf Jahren noch um sprudelnd oder still, haben sich die Präferenzen der Wassertrinker verlagert. Aromen sind gefragt. Nach Kirsche, Zitrone oder Minze soll das Wasser schmecken oder richtig hipp sein. Bei mitte® heißt das „Create your own mineralized water, just like nature“. Nach der Erfolg der Craft-Beers kommt jetzt Craft-Water?

Aber mitte®, als eines der wenigen „Wasser“-StartUps, gerät bei der Auslieferung in Verzug. Eigentlich nicht überraschend, mag man meinen, schließlich benötigte die Natur auch deutlich mehr Zeit für das Mineralwasser aus den Tiefen der Erde. Vor wenigen Wochen wurde Interessenten und Vorab-Bestellern die Massenproduktion für Dezember 2020 abgekündigt. Nicht bekannt ist, was die mitte®– Investoren dazu sagen. Im August 2018  hatte u.a. Danone Manifesto Ventures, der Venture-Capital-Arm des Getränke- und Lebensmittelmultis Danone, der mit Marken wie Evian und Volvic einer der Großen im internationalen Wassergeschäft ist, als Lead-Investor rund 10,6 Millionen Euro in den  mitte®-Topf gelegt.

Nestlé dürfte bei seinen Vorbereitungen für Refill+ von den Erfahrungen mit Nespresso profitieren und sich eines bereits bestehenden Kundennetzwerks bedienen. Und dennoch, sicher ist man sich nicht. Das Finanzmagazin Bloomberg schreibt: “We’re in a period of trial and error, where we attempt a lot of things and see what works,” Schneider said at the new center as the company announced a commitment to zero net greenhouse-gas emissions by 2050. “The fact that we’re trying is more important” than whether any individual project succeeds.”

Digitale Innovation am Wasserhahn

Die beiden ungleichen Wasser-Entrepeneure starten zugleich eine digitale Innovation an den häuslichen Wasserhähnen. Zumindest bei den Berlinern spielt bei der Bedienung das bekanntermaßen unverzichtbare Smartphone eine wichtige Rolle. Vermutlich werden Alexa & Co die Geräte auf Zuruf starten. Die künstliche Intelligenz wird womöglich entscheiden, ob nach dem Jogging ein höherer Magnesiumgehalt gefragt ist. Wer Heiserkeit in der Stimme erkennen lässt, wir sich vielleicht auf Ingwer-Aroma freuen dürfen. Auch die Unternehmen freuen sich.

Bisher nur mit Flasche- Nestlé Wasser (Foto: Nestlé)

Leitungswasser bekommt eine neue Wertschätzung

Die Prognose ist nicht zu gewagt: Wasser wird zum Trend-Thema. Waren es in den beiden vergangenen Sommern die Dürre und der Wassernotstand in den Gewässern, so wird es künftig der Wassertrinken sein. Schon heute setzt „fridays for future” Akzente in diese Richtung. Beschränkte sich das schlechte Gewissen bisher auf den „Flug-Scham“, so dürfte womöglich bald der „Flaschen-Scham“ dazukommen. Schon heute fülle Gastgeber ihr Mineralwasser in Karaffen um. Wer sich neuerdings eingestehen muß, dass mit einer ehemals teuren und trendigen Espresso-Maschine keine Aufmerksamkeit mehr erzeugt wird, den wird das Angebot an hippen „Wasserautomaten“ freuen. mitte® und Nestlé werden damit auch die Gesprächsthemen verändern. Sprach man früher über Kaffee, Espresso und Co., so werden es zukünftig das Wasser und der Umweltschutz sein. Schliesslich wird jeder Käufer seine Motivation erklären wollen, 400 Euro für ein solches Geräte ausgegeben zu haben und regelmäßig die Nachfüllpacks zur Aromatisierung, Mineralisierung und Karbonisierung für rund 30 Euro das Stück zu kaufen.

Nespresso als Blaupause für ein lukratives Systemgeschäft

mitte® und Nestlé jedenfalls vollziehen mit Wasser den Einstieg in ein lukratives Systemgeschäft. Während bei Sodastream nur CO2-Zylinder vertrieben werden und dies nach Schätzungen der Lebensmittelzeitung fast die Hälfte der Umsätze des Unternehmens ausmacht, haben die beiden Großes im Visier. Wie bei Nespresso sollen Konsumenten ihr Wasser zuhause nach ihrem Geschmack konditionieren können. Nespresso, also die kleinen Espresso-Kapseln mit der individuellen Note, sind für Nestlé mittlerweile eine Erfolgsstory. Ähnlich wie bei Druckern ist der Einstieg preiswert, das Geschäft kommt dann mit den Kapseln. Das dürfte auch das Ziel von Nestlé und mitte® sein.

mitte®– Kartuschen

Das Innenleben und der Filter als „Achillesferse“

Wasserversorger und Naturschützer wird es freuen. Umweltschutz und der Wert des Wassers werden die Gespräche und die Medienberichte dominieren. Leider auch die Frage, warum denn ein Filter notwendig ist. Die Qualität des Trinkwassers aus der Leitung kann noch so gut sein, manche Risiken lassen sich nicht wegdiskutieren. Hier muss mehr für den Gewässerschutz getan werden. Aber auch die kleinen Wunderdinger haben ihre Achillesferse. Die Filter und das Innenleben der Geräte bergen Risiken, wenn die Wartung unterbleibt. Erfahrungsgemäß sind derartige Geräte nur dann sicher und das Wasser daraus gesund, wenn sie regelmäßig gewartet werden. Wenn das Wasser mit Kunststoffen in Berührung kommt oder Filter durchläuft, dann bleibt es nur dann geniessbar, wenn alles sauber und rein ist. Viel zu oft ist das nicht der Fall. Deshalb warnen Gesundheitsexperten und Stiftung Warentest regelmäßig vor Wasserfiltern und -aufbereitern. Aber das ist eine anders Geschichte. Die Stimmung im Wassermarkt dürfte rauher werden, denn das Geschäft ist lukrativ. Da geht es um die Verteilung des Dursts der Konsumenten. Wurde der an der Trinkwasserleitung gestillt, gerät die Wasserflasche zum Ladenhüter. So lange wollen die Anbieter nicht warten. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) hatte sich bei dem Startup schon beschwert, weil es die Formulierung „gesundes Wasser“ verwendete. Das kann ja heiter werden…

Quellen / Weiterführendes

3 Kommentare

  1. Sehr interessanter Beitrag. Besonders für den Umweltschutz wäre es sicherlich sehr von Vorteil, wenn dadurch die große Menge an PET-Flaschen wegfallen würden.

    Was interessanterweise fast niemand weiß. Die Grenzwerte für das Trinkwasser (=Leitungswasser) sind in der Trinkwasserverordnung festgehalten und umfasst Grenzwerte für 32 Stoffe.

    Das Mineralwasser ist hingegen in einer separaten Mineralwasserverordnung festgelegt und umfasst lediglich 16 Grenzwerte. Wie man sieht hat hier der Lobbyismus dafür gesorgt, dass das häufig eigentlich “schlechtere Mineralwasser” in den Augen der Gesellschaft und den Medien sauberer und gesünder ist als es tatsächlich der Fall ist.

    Es ist nämlich häufig der Fall, dass das Trinkwasser, welches nur 1:1000 des Mineralwassers kostet, eine höhere Qualität besitzt. Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel (Stichwort Nitratbelastung).

    Mit freundlichen Grüßen
    Timo Stephan

  2. Dann bekommen Thermomix, Themial und Nespressomaschine den nächsten Besucher. Auf den Küchenablagen wird es dann aber langsam eng 🙂 Leider wird sich so ein Gerät sicherlich etablieren, weil Bedarfe geweckt werden, die vorher nicht da waren (individueller Natrium-Gehalt von x-%). Und wenn dann noch eine Gallionsfigur alá George Clooney gefunden wird, ist der nächste Marketing Coup perfekt.

  3. Lieber Herr Gendries,

    es darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass die von ihnen geschilderte “Wasserzukunft” keineswegs umwelt- bzw. klimafreundlich ist, auch wenn die Bilanz gegenüber Flaschenwasser besser ausfällt. Parallel zur “Flaschen-Scham” müsste es eigentlich eine “Kapsel-Scham” geben und das heißt für mich: Trinkwasser aus der Leitung mit oder ohne Kohlensäure bzw. mit oder ohne von Hand zugegebenen Geschmacksstoffen reicht völlig aus, alles andere ist Ressourcenverschwendung und somit umwelt- bzw. klimaschädlich.

    Mit besten Grüßen!

    Robert Dietrich

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