Was Wissenschaftler in duftenden Gewässern entdeckt haben

Viele genießen in diesen Tagen den Duft der Natur. Die Stimmung hellt auf. Genau deshalb werben Hersteller mit „Frühlingsdüften“, sei es im Weichspüler, im Duschgel oder im Toilettenreiniger. Das Spektrum der Anwendungen ist ebenso breit, wie das der Inhaltsstoffe. Nur dass keiner davon wirklich mit Natur zu tun hat. Zumeist sind es synthetische, also künstliche Duftstoffe, die unsere Nasen erfreuen. Die Natur dagegen wird belastet. Denn über das Abwasser gelangen die künstlichen Duftstoffe in unsere Gewässer. Um diese und unsere Gesundheit zu schützen, hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) im Rahmen eines gezielten Untersuchungsprogramms Duftstoffe in Gewässern aufgespürt. Die Ergebnisse sollten nachdenklich stimmen und zum Vermeiden anregen: die Zusatzstoffe der Weichspüler aus der Waschmaschine landen auch in der Natur.

Schnelle und qualifizierte Antworten dank gezielter Forschung

Immer wieder werden bei Gewässeranalysen Stoffe entdeckt, auf deren Existenz die Fachwelt nicht vorbereitet ist. Schnell werden sie von den Medien aufgegriffen – häufig seriös, nicht selten auch reißerisch. Die Experten müssen dann zu möglichen Beeinträchtigungen von Natur und Gesundheit schnellstmögliche Antworten liefern. Belastungsinformationen sind aber häufig nicht verfügbar sind. Wissenschaft und Behörden suchen noch nach Antworten, da haben einige Medien schon ihre Schlagzeilen im Kasten. Viele sind schnell, nicht alle seriös. Behörden und Labore zumeist überfordert. Um kurzfristig Relevanzaussagen u.a. zum Einfluss auf die aquatische Umwelt oder auf die Trinkwasserversorgung machen zu können, wurde das ECHO-Programm gestartet. ECHO verfolgt das Ziel, neue Stoffe mit möglicher Gewässerrelevanz quasi „auf Zuruf“ zu bewerten.

Moschus-Xylol gezielt gesucht und … nicht gefunden

Im Jahr 2011 hatte das LANUV nach dem Duftstoff Moschus-Xylol gesucht und war in Gewässern Nordrhein-Westfalens nicht fündig geworden. Moschus-Xylol gilt als krebsverdächtig. Experten forderten daher schon vor Jahren „einen Verwendungsstopp für den Synthesemoschus“. Laut einer Studie des österreichischen Umweltbundesamt aus dem Jahr 2005 wurden 77 % der Duftstoffe in Anwendungen eingesetzt, die schließlich ins Abwasser gelangten. Insofern ist es nur konsequent, dass das LANUV bei der Suche nichts dem Zufall überlassen wollte. Daher wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Siedlungswasserwirtschaft an der RWTH Aachen ein neues Untersuchungsprogramm im Rahmen des ECHO aufgelegt. Der Umfang der gesuchten Substanzen wurde erheblich erweitert. Die Messverfahren wurden feiner ausgerichtet und dadurch um den Faktor 1.000 sensitiver, damit konnte der sprichwörtliche Zuckerwürfel im Bodensee gefunden werden. Zudem wurden die Abläufe von Kläranlagen in die Untersuchung einbezogen. Das Ergebnis: Moschus-Xylol konnte nach wie vor nicht gefunden werden, dafür aber andere künstliche Moschusverbindungen.

In den untersuchten acht NRW-Gewässern wurden zwei Moschus-Verbindungen gefunden

Untersucht wurden insgesamt 29 Proben aus der Emscher, Erft, Lippe, Rhein, Ruhr, Sieg, Wupper und dem Dortmund-Ems-Kanal. Davon fanden 15 Probenahmen im Ablauf von Kläranlagen statt. Aus den bisher vorliegenden Ergebnissen lässt sich ableiten, dass in NRW im Wesentlichen zwei Duftstoffe, OTNE (Octahydro Tetramethyl Naphthalenylethanone) und HHCB (Galaxolid), über kommunale Kläranlagen in Gewässer eingetragen werden. HCCB beschreibt die „Umweltprobenbank des Bundes“ als die „weltweit am häufigsten verwendete Substanz aus der Gruppe der polyzyklischen Moschusverbindungen“. HHCB wird über Abwässer in die Gewässer eingetragen, es ist lipophil (fettlöslich) und reichert sich in Organismen an (Bioakkumulation).

Beide Duftstoffe, OTNE und HHCB, wurden in allen Proben aus acht NRW-Gewässern gefunden. Ihre höchsten Konzentrationen wurden in der Emscher nachgewiesen. Die Emscher führt einen sehr hohen Anteil von Abwasser aus kommunalen Kläranlagen, dort wird das Schmutzwasser aus den Haushalten und Betrieben gereinigt. Insoweit ist es nicht überraschend, dass in der Emscher die Duftstoffe aus den Putzschränken und Kosmetik-Regalen der Konsumenten gefunden werden.

„Gesundheitliche Orientierungswerte“ leicht überschritten

Für viele Duftstoffe existieren weder gesetzlich verbindliche Umweltqualitätsnormen für Oberflächengewässer noch Grenzwerte nach der Trinkwasserverordnung. Zur Beurteilung der Auswirkung auf die Umwelt gibt es für einige Stoffe jedoch eine breite ökotoxikologische Datenbasis und europäische Orientierungswerte, die für die Bewertung in nordrhein-westfälischen Oberflächengewässern angewendet werden können. Für Substanzen, die in der Trinkwasserverordnung bisher nicht geregelt sind, empfiehlt die Trinkwasserkommission beim Umweltbundesamt einen gesundheitlichen Orientierungswert in Höhe von 0,1 Mikrogramm pro Liter als erste Bewertungsbasis. Der Orientierungswert wurde für die beiden Substanzen OTNE und HHCB geringfügig überschritten.

Festgestellte Konzentrationen scheinen ungefährlich, ein Verstoß gegen das Vorsorgeprinzip ist es dennoch

Für keinen der weiteren untersuchten Duftstoffe wurden in den acht großen Gewässern Überschreitungen der Beurteilungswerte festgestellt. Eine allgemeine Gefährdung der Wasserlebewesen ist auf Basis der untersuchten Wasserproben nicht zu erwarten. Aus trinkwasserhygienischer Sicht ist die Konzentration der Stoffe so niedrig zu halten, wie dies nach dem Vorsorgeprinzip möglich ist. Die Untersuchungen zeigen, dass Duftstoffe über das häusliche Abwasser und damit über kommunale Kläranlagen auch in trinkwasserrelevante Oberflächengewässer in NRW eingetragen werden. Bei der Trinkwasseraufbereitung ist davon auszugehen, dass die gängigen Trinkwasseraufbereitungsverfahren wie Ultra- und Nanofiltration, Belüftung, Ozonung und Aktivkohlefiltration eine ausreichende Reduzierung der Stoffkonzentrationen im aufzubereitenden Rohwasser bewirken.

Nichtwissen schützt nicht! Warum Weichspüler?

„Eine Gefährdung des Trinkwassers ist somit nicht zu erwarten, jedoch sollten die Oberflächengewässer, die zur Trinkwassergewinnung genutzt werden, im Hinblick auf eine Belastung durch Duftstoffe aus Vorsorgegründen weiter beobachtet werden.“ Mit diesem Fazit endet die Mitteilung des LANUV. Sicher ist Beobachtung nicht genug. Auch wenn die Trinkwassernutzer nicht gefährdet sind, so muss die Anreicherung der Stoffe in den Sedimenten und die Gefährdung der aquatischen Bewohner sowie die Bedrohung des Trinkwassers mehr Vorsorge hervorrufen und Vermeidung auslösen. Sicher werden viele Verbraucher nicht wissen, was ihnen die Hersteller als Duftstoffe „untermogeln“. Die Bezeichnungen der Ingredenzien und die Düfte sind zu verlockend. Aber viele Berichte über Weichspüler und ihre gesundheitsbedrohenden Inhaltsstoffe stammen schon aus den 2000er Jahren. Dass in Weichspüler „gewässer- und gesundheitsbedrohliche Cocktails“ stecken, dürfte niemandem entgangen sein. Und dennoch: etwa ein Drittel der Bevölkerung verwenden Weichspüler täglich oder mehrmals in der Woche. Nur jede zehnte befragte Person niemals, so eine Befragung zur Verwendungshäufigkeit von Weichspülern. Gesundheitsbedrohung scheint als Abschreckung nicht zu wirken, die Bedrohung der aquatischen Umwelt sicher noch viel weniger, aber wenn die Trinkwasserpreise und Abwassergebühren steigen, weil die Aufbereitung komplexer wird, dann ist das Geschrei groß…..

Quellen/Weiterführendes

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