Brandenburgs Siedlungswasserwirtschaft rüstet sich mit Leitbildprozess für die Zukunft

„Alles richtig gemacht!“, kann den Veranstaltern der Auftaktveranstaltung zur Umsetzung des Leitbildes Zukunftsfähige Siedlungswasserwirtschaft Brandenburg am 29.8.18 attestiert werden. Rund 100 Führungskräfte aus der brandenburgischen Wasserwirtschaft waren der Einladung des Leitbild-Initiativkreises gefolgt, um die Ver- und Entsorger des Landes in den angestoßenen Leitbildprozess einzubeziehen.

Viele Jahre Vorarbeit in einem überaus engagiert geführten Prozess sollen jetzt ihre Verankerung in den Unternehmen, Betrieben und Verbänden finden. In dem Initiativkreis Leitbild Zukunftsfähige Siedlungswasserwirtschaft Brandenburg hatten sich als Konsequenz aus den Ergebnissen der Enquetekommission „Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“ u.a. die wasserwirtschaftlichen Fachverbände VKU, BDEW, DWA, der Städte- und Gemeindebund und die Brandenburgische Wasserakademie zusammengefunden, um an der sicheren Zukunft der Wasserwirtschaft in dem von Schrumpfung und Wachstum gleichermaßen geprägten Bundesland zu arbeiten.

Das Treffen im Brandenburger Landtag bot den denkbar besten Rahmen, um auch die Landespolitik in diesen Entwicklungsprozess einzubeziehen. Die Landtagsabgeordneten Wolfgang Roick, Vorsitzender der Enquetekommission, und Helmuth Barthel, Sprecher der SPD-Landtagsfraktion für Wirtschaft und Digitales, waren dann auch stolze Gastgeber der Auftaktveranstaltung zum Leitbildprozess.

Versorgungssicherheit nicht zum Nulltarif

Es war sicher keine Überraschung, dass sich das Thema Finanzen wie ein roter Faden durch die Vorträge und die Diskussion zog. MdL Roick hob in seinen Grußworten die interessante Feststellung vor, dass insbesondere jene Verbände eine angespannte Finanzlage haben, deren Kommunen auch in der Haushaltssicherung stehen – bzw. umgekehrt. Seine eigentlich logische Schlussfolgerung, private Partner einzubeziehen oder öffentlich-privaten Partnerschaften zu gründen, fand nicht bei allen Teilnehmern ungeteilte Zustimmung. So erteilte der Geschäftsführer des brandenburgischen Städte- und Gemeindebundes, Jens Graf, der Einbeziehung Privater eine Absage. Mit seiner Forderung „wir sollen eine Wasserwirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert, nicht an Gewinninteressen“, schränkte er den Ergebnisraum des Leitbildprozesses schon bei Beginn der Veranstaltung ein. Zuspruch erntete er dagegen für seine Erklärung, „wir sollten unsere Bürger immer wieder daran erinnern, dass es Wasserversorgung nicht zum Nulltarif gibt.“ Damit bezog er sich auf einen Schwerpunkt des Prozesses, den auch die internationale Wasserpolitik prägt und der angesichts der klimatischen Herausforderungen und der Ziele der EU-Kommission immer wichtiger wird: das „Customer Engagement“. Gemeint ist damit, den Kunden und Verbraucher die Wasserversorgung wahrnehmbar zu machen, so dass sie die Leistungen schätzen können. Wenn Kunden erkennen können, wie wichtig die Wasserver- und Abwasserentsorgung für ihr (Über-)Leben ist, wird ihre Bereitschaft steigen, die erforderlichen Preise zu bezahlen.

Vorbereitung auf Strukturveränderungen

Diesen Aspekt griff auch der brandenburgische Umweltminister Jörg Vogelsänger in seinen Grußworten auf. Er betonte die Bedeutung der funktionierenden Siedlungswasserwirtschaft, wies aber zugleich auf die Unterschiede in der Stärke der Verbände hin. Dabei ließ sich erkennen, dass in einigen Fällen auch Fusionsprozesse unvermeidbar seien; diese werde das Land aber mit Finanzmitteln ebenso unterstützen, wie die erforderlichen Investitionen.

Umweltminister Jörg Vogelsänger (li), Armgard Kruppa (re) – Foto: Gendries

„Raus aus der Theorie, rein ins Leben“, griff MdL Barthel das Motto der Veranstaltung auf und lud zu einer Verständigung mit dem Landesparlament auf, „um die Ergebnisse des Leitbildprozesses politisch zu flankieren.

Zukunft im Blick

Nach der Politik kam die Arbeit – unterbrochen nur durch einen Impulsvortrag über „Zukunft in der Wasserwirtschaft“, den ich halten durfte. Mit meinem „Blick über den Tellerrand“ der deutschen Wasserwirtschaft und Darstellung der disruptiven Bedrohungen der bestehenden Strukturen, konnte ich womöglich den Aktiven und Veränderungswilligen weiteren Schwung geben. Jedenfalls machen die Entwicklungen in anderen europäischen Staaten deutlich, dass die sicher geglaubten Rahmenbedingungen nicht auf ewig so bleiben müssen. Wenn der Klimawandel, der in Deutschland in diesem Sommer erstmals Konturen bekam, so eintreten wird wie prognostiziert, dann wird man auch hierzulande den Kunden besser kennen müssen, um die Wasserversorgung stärker am tatsächlichen Bedarf auszurichten. Das bedeutet am Ende auch, dass Preissysteme in der Wasserwirtschaft stärker auf die Verursachungsgerechtigkeit und die Kostendeckung ausgerichtet werden müssen. Denn das scheint sicher, wo organisatorische Änderungen unerwünscht sind, Personal aber immer teurer wird, externe Dienstleistungen kaum mehr erhältlich und gleichzeitig die Preise nicht verändert werden sollen, wird auf Kosten der Substanz gearbeitet. Das mag solange gut gehen, bis die Verantwortlichen in Pension gehen, aber die Generation danach wird die Folgen tragen müssen. Wer sich für gleichwertige Lebensbedingungen einsetzt, der muss auch dafür sorgen, dass die Infrastrukturen auf dem Lande, wie in der Stadt gleichermaßen erhalten werden.

Befragung gestartet

Armgard Kruppa, von der Unternehmensberatung confideon, stellte den wichtigsten Tagesordnungspunkt vor: die am gleichen Tage gestartete Befragung von Ver- und Entsorgern und Kommunen. Um aus einer Bedarfsermittlung die richtigen Schlüsse für die Branche zu ziehen, braucht die Initiative die Beteiligung der Betroffenen. Krupp führte anschaulich durch den Fragebogen und machte Appetit auf die Ergebnisse der Befragung. Dabei stieß insbesondere der im Vorfeld aufgekommene Vorschlag eines „Kompetenzzentrums für Brandenburg“ auf großes Interesse. Die Verbandsvertreter stützten die Idee mit ihren konkreten Erfahrungen. Es habe sich bewährt, die vorhandenen Kompetenzen zu teilen, nicht jeder Verband könne das gesamte Wissen vorrätig haben. Insbesondere die abwandernden Nachwuchskräfte müssten im Land gehalten werden können. Dabei könnte ein Kompetenzzentrum nach Berliner Muster eine wichtige Säule sein. Schon heute verfügt Brandenburg über eine sehr aktive Wasserakademie, die sich ebenfalls am Prozess beteiligt.

Zukunft gestalten

Überwiegend zufrieden traten Politiker, Verbandsvertreter und die Initiatoren des Leitbildprozesses den Heimweg an. Sicher werden sich danach an die Beantwortung des Fragebogens begeben haben und hoffen, dass auch jene Verantwortliche aus Verbänden, Kommunen und Unternehmen mit ihren Antworten den Leitbildprozess unterstützen werden, die nicht an der Auftaktsitzung im beeindruckenden Potsdamer Landtag hatten teilnehmen können.

Die Brandenburger können jetzt „ihre“ Zukunft der Wasserwirtschaft in Angriff nehmen. Sicher lassen sich die äußeren Rahmenbedingungen nicht bestimmen und verändern, aber der Umgang damit. Strukturanpassungen, Finanzierungen und Entgelte, Nachwuchsförderung und Transformation werden vermutlich die Agenda bestimmen, Gewissheit wird die Befragung liefern. Wir dürfen gespannt sein.

Initiatoren des Leitbildprozesses Siedlungswasserwirtschaft im Land Brandenburg (Foto: Gendries)

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