Geht es ohne Smart Water? SWAN-Konferenz in Barcelona liefert Antworten

„Sag mal, müssen Wasserkunden in Deutschland Karten ausfüllen, um dem Wasserversorger den Zählerstand zu übermitteln?“, wurde ich auf der „Smart Water Network (SWAN) -Conference“  am 21./22. Mai 2018 Barcelona gefragt. Meine ehrliche Antwort löste Kopfschütteln bei meinen Gesprächspartnern aus. Kein Wunder, es waren Anbieter von so genannten „intelligenten Zählersystemen“ („smart meter“). SWAN steht für ein internationales Netzwerk an Utilities, Dienstleistern, Akademikern und Experten aus dem Wassersektor. Unter dem Titel der diesjährigen 8. SWAN-Konferenz „Smart Water: Meeting Tomorrow’s Challenges Today“ galt ein besonderer Fokus auch der Schnittstelle zum Wasserkunden – dem intelligenten Zähler.

Deutsche Vertreter in der Minderheit

Als deutscher Teilnehmer zählte ich mit H.-M. Schreyer von ABB und Mulundu Sichone vom Hamburger Start-Up pydro zur Minderheit, der mit 230 Teilnehmern aus 26 Ländern hochkarätig besetzten Netzwerk-Konferenz zu digitalen Wasserinnovationen. Die eingangs zitierte Frage mit der ich konfrontiert wurde, hatte so gar nichts mit Innovation zu tun – aber könnte als ein mögliches Sinnbild für die Wahrnehmung der deutschen Wasserwirtschaft im Ausland betrachtet werden. Zum wiederholten Male hörte ich auf einer internationalen Konferenz, dass man deutsche Vertreter von Wasserwerken und Abwasserbetrieben vermisse.

SWAN-Panel-Diskussion (Foto: Gendries)

SWAN-Panel-Diskussion (Foto: Gendries)

Smarte Technologien fördern die Effizienz in allen Sektoren, und Wasser ist keine Ausnahme – auch wenn als kritische Infrastruktur höhere Anforderungen als bspw. beim Handel zu stellen sind. Intelligente Zähler, Sensoren oder Echtzeitsteuerungslösungen werden zu einem unverzichtbaren Vorteil für Wasserversorgungsunternehmen, um Effizienz und Sicherheit zu verbessern. In dem Daten in operative Prozesse integriert werden, können Versorgungsunternehmen operative Kosten optimieren, Wasserverluste reduzieren und den Energieverbrauch senken.

Barrieren sind da, aber nicht unüberwindbar

Die Barrieren, die es bei der Digitalisierung zu bekämpfen gilt, verdeutlichte Carlos Campos von SUEZ mit seiner Keynote „Overcoming the Barrierer for Smart Water Adoption“. Die von ihm geschilderten Akzeptanz-Herausforderungen „Datenschutz, fehlenden Standards, unzureichender Interoperabilität der Systemkomponenten, unsicherer Wirtschaftlichkeit und fehlenden Kompetenzen“ kann vermutlich die Mehrheit der deutschen Versorger als eigene Smart Water-Erfahrung bestätigen. Aber es ist eben die SUEZ-Gruppe, die aus der Unsicherheit Chancen und Geschäftsmodelle ableitet. Es gehe, so Campos, bei den Risiken darum, sie zu bewältigen und Geschäftschancen daraus abzuleiten – und nicht um an dem Gewohnten festzuhalten. Denn es seien die zunehmenden Unwägbarkeiten, allem voran der Klimawandel, die steigenden Cyberrisiken, Bedrohungen der Wasserqualitäten und die veränderten Gewohnheiten der Wassernutzung, die die Flexibilität der Systeme herausfordern würden. Hierbei würden Smarte Systeme die besseren Ergebnisse liefern. Dafür seien frühzeitig die „lack of skills“ bzw. „fehlenden Kompetenzen“ als Barrieren für die Smart Water-Entwicklung zu bewältigen.

Cyber-Attacken – die „spielerische Bedrohung“

Mit „Smart Water: Are we safe?“ legte Mauricio di Stefano vom IT-/Technologie-Dienstleister INDRA den Finger in die Wunde. Während in der Geschichte die Wasserkonflikte zwischen Gewässer-Nachbarn ausgetragen worden seien, kämen die Angriffe heute zunehmend aus dem Internet. So seien 2015 von 295 Cyber-Attacken auf kritische Infrastrukturen in den USA, nahezu jede zehnte auf Wasserinfrastruktur gerichtet gewesen. Viele Versorger seien auf diese Bedrohung noch gar nicht ausgerichtet. Weder die Angreifer noch deren Absichten seien bekannt. Smart Water sei ohne ein ausreichendes Sicherheitsbewußtsein und die notwendigen Ressourcen ein riskantes Unterfangen. Nur jedes zweite Utility habe ein Programm gegen Cyber-Attacken. Wer in das Internet der Dinge (IoT) investiere, müsse auch für dessen Absicherung sorgen. „We have to believe in impossible things more often. Only then will we be ready when they come true“, mahnte er zur Vorsicht.

Der Kunde erhält einen neuen Stellenwert

Breiten Raum nahm auf der SWAN-Konferenz auch die Einbeziehung der Kunden ein („customer engagement“). Hier sei ein Paradigmen-Wechsel erforderlich. Der Kunde müsse für Wasser begeistert werden. Er solle den Wert des Wassers und der Leistung erkennen. Man müsse für die Daten, die Utilities über die Smart Meter von den Kunden erhielten, auch einen Gegenwert zurück geben, lautete eine weit verbreitete Aufforderung. Die Bürger in den Smart Cities seien wichtige Akteure beim Auffinden von Leckagen im öffentlichen Raum und auf den privaten Liegenschaften. Die smarten Zähler seien hierfür eine unverzichtbare Voraussetzung. Beispiele hierfür kamen aus Valencia, Lissabon, England und den Niederlanden. „Water is a very conservative business, we must provoke a cultural change“, brachte es Andrew Donnelley vom portugiesischen Versorger EPAL auf den Punkt. Richard Elelman, Gründer des Network of Water in European Region and Cities, NETWERC H2O, ging einen Schritt weiter und forderte die Wasserindustrie auf, ihre Kommunikationspolitik zu ändern. Viele Versorger wären ein „closed shop“, damit blieben Bürger und Politik aussen vor. Die wahren Herausforderungen und Probleme wären zu wenig transparent. Damit zielte Edelmann auch auf die Novellierung der EU-Trinkwasserrichtlinie ab, die ab 2019 den Bürgern weitgehende Informationsrechte u.a. über die Wasserqualität zubilligen will und hierfür digitale Plattformen und Applikationen vorsieht. Überraschend, dass auch Finanzinvestoren mehr Transparenz fordern. So jedenfalls war Nieten Ranjan Lal, Geschäftsführer der Icon Capital Management BV zu verstehen, in dem er für die nahe Zukunft „high intensive Interaktion between utilities and consumer will come“ prognostizierte.

Zwei Tage „Smart Water“ in Barcelona boten vielfältige Einblicke, die in einem Beitrag nur schwer wieder gegeben werden können. Die Referenten aus vier Kontinenten konnten vermitteln, dass die Wasserversorgung der Zukunft angesichts der sich verändernden Rahmenbedingungen nur mit smarten Systemen sicher gestellt werden kann. Es ist erstaunlich, welche Fortschritte in anderen europäischen Metropolen gemacht werden. Die Sicherheit wird von zwei Seiten beleuchtet werden müssen: Smart Water wird nur dann mehr Effizienz und Versorgungssicherheit bringen können, wenn die Datensicherheit gewährleistet ist. Daran ließen die Teilnehmer der Konferenz keinen Zweifel. Das hält sie aber nicht davon ab, die Chancen zu erkennen und neue Geschäftsmodelle und Beziehungen zu den Kunden zu entwickeln. Aus deutscher Sicht war die Abwesenheit hiesiger Versorger ernüchternd. Wenn wir deutschen Unternehmen und Verbände in der europäischen Wasserpolitik eine Rolle spielen wollen, dann dürfte eine stärkere Präsenz bei derartigen Veranstaltungen nicht schaden – oder wir holen sie gleich nach Deutschland….

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