2. Mülheimer Tagung: Es geht nicht nur um Daten und Roboter, im Mittelpunkt stehen Menschen

Digitalisierung in der Wasserwirtschaft. 2. Mülheimer Tagung bestätigt wichtige Rolle der Kunden und Mitarbeiter bei der digitalen Transformation der Wasserwirtschaft und zeigt erfolgversprechende Wege der Transformation.

Bei der Digitalisierung sollten kleine Versorger mitgenommen werden

170 Gäste aus Deutschland und dem Ausland waren der Einladung der Veranstalter Hochschule Ruhr West, IWW und RWW am 1. März 2018 zur 2. Mülheimer Tagung unter dem Motto „Fokus Wasserwirtschaft: Digitalisierung der zwei Geschwindigkeiten“ gefolgt. Das Leitmotiv der Tagung folgte dabei der These, dass es gerade kleinen und mittelgroßen Unternehmen schwer fällt, den Anforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden. Ihnen könnten absehbar das erforderliche Know-how und die Mitarbeiter fehlen, womit sie den Anschluss bei der erforderlichen Transformation der Geschäftsmodelle verlieren könnten. Leichter fällt es allenfalls den Querverbundunternehmen, da sie im Energiebereich schon dem Druck der digitalen Welt ausgesetzt sind. Die Wasserwirtschaft müsse daher die Balance zwischen den Anforderungen der Daseinsvorsorge an die Robustheit der Infrastruktur und der Innovationsfähigkeit in Folge der unabwendbaren Digitalisierung der Branche schaffen. Die nachfolgenden Zeilen skizzieren einige Schwerpunkte des hochkarätig besetzten Vortragspanels.

NRW-Wirtschaftssstaatssekretär Christoph Dammermann stellte in seinen Grußworten für die Landesregierung die Digitalisierung in den Kontext der Transparenz für den Kunden und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Aus seiner Sicht könnten die digitalen Zähler und ihre Daten einen wichtigen Beitrag leisten. Allerdings „müsse die kritische Infrastruktur Wasserwirtschaft hellwach sein, bei der IT-Sicherheit“. Innovation ist alternativlos, aber bei Daseinsvorsorge gelten besondere Bedingungen.

NRW-Wirtschaftssstaatssekretär Christoph Dammermann (Foto Köhring / RWW)

Dr. Franz-Josef Schulte, Geschäftsführer des Mitveranstalters RWW, begab sich in seinem Beitrag auf den steinigen Weg einer Beschreibung und Definition der Digitalisierung in der Wasserwirtschaft. Schulte betonte die Rolle der Kunden als Treiber der Transformation. Eine zunehmende Anzahl technik-affiner oder qualitätsinteressierter Verbraucher würde die am Markt verfügbaren Geräte (sog Gagdets) wie das israelische Lishtot nutzen, um die Qualität des Trinkwassers zu messen. Mit den Ergebnissen würden die Versorger schließlich konfrontiert und müssten Rede und Antwort stehen. Wer die daraus resultierende Erwartungshaltung der Kunden nicht aktiv aufnehme und sich der zunehmenden Sensibilität der Kunden nicht öffne, der werde zunehmend unter Druck geraten und an Reputation einbüßen. Schulte griff dabei das schon vom Staatssekretär skizzierte Spannungsfeld zwischen der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und der IT-Sicherheit auf. Die Rolle des Kundennutzens bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle skizzierte Schulte am Beispiel des vom Regionalversorger RWW in Zusammenarbeit mit der Versicherungswirtschaft entwickelte Leckagewarnsystem LEWAS. Dabei setze RWW nicht allein auf digitale Technik, sondern ziehe die Mitarbeiter in die Dienstleistung mit ein. Er betonte ebenfalls die Anforderungen der IT-Sicherheit und appellierte besonders an die kleinen und mittelgroßen Unternehmen der Wasserwirtschaft, die sich nicht unter dem Schutzschild der Schwellenwerte wegducken, sondern Vorkehrungen für die Sicherung der kritischen Infrastruktur Wasserver- und Abwasserentsorgung treffen sollten. In seinem Fazit „Digitalisierung: innovativ?! Aber sicher!“ resümierte Schulte: „Digitalisierung nutzt wertvolle Unternehmens- und Kundeninformationen – beides ist angemessen zu sichern. Absolute Sicherheit gibt es allerdings nicht.“

Kundenorientierte Transformation bei VITENS in den Niederlanden 

Für viel Diskussionsstoff sorgte Rik Thijssen, Innovationsmanager und Mitglied des Management-Teams des niederländischen Regionalversorgers VITENS in der Session „Blick über den Tellerrand“. Im Mittelpunkt seines Vortrages „When a water utility vision turns into failures“ stehen Fehlerkultur als Teil des Weges zur digitalen Innovation und die Rolle der Kunden. Es seien insbesondere die Kunden, die in der Transformation als Partner auf Augenhöhe verstanden werden müssten. Sie sollten daher in die digitalen Prozesse eingebunden werden. Digitalisierung eröffne Effizienz- und Zufriedenheits-Potenziale an der Kundenschnittstelle. Dies zeige sich insbesondere bei der Information über Leckagen in den Rohrnetzen. Diese seien zwar in den Niederlanden auf geringsten Niveau, ihr Auftreten erzeuge aber Überlastungen in den Call Centern, weshalb eine proaktive Kommunikation nicht nur zur Kundenzufriedenheit, sondern auch zur Entlastung im Unternehmen beitrage. VITENS, mit 30 Prozent Marktanteil das Schwergewicht unter den zehn niederländischen Wasserversorgern, hat in der Region Leeuwarden eine technologische „Spielwiese“, die so genannte Innovation Playground geschaffen, um die Neuentwicklungen zu testen – Fehlschläge seien Teil des Erfahrungshorizonts – „embrace failures“ heißt es im Thijssen-Vortrag.

Der Marktforscher Dr. Uwe Pöhls (IESK) stellte die Ergebnisse einer branchenweiten „Unternehmensbefragung zur Digitalisierung (und IT-Sicherheit) in der Wasserwirtschaft“ vor, die er zusammen mit dem BDEW, Fraunhofer ISI und Lebensraumwasser.com durchgeführt hat. Den Ergebnissen zufolge spielt die Digitalisierung mehrheitlich bei der Ausrichtung des Unternehmens eine überwiegend schwache Rolle. Im Mittelpunkt der Mehrheit der Unternehmen stehen Prozesse und Sicherheit, dagegen spielen der Kunde, die Produkte und neue Geschäftsmodelle eine nachrangige Rolle. Als elementare Barrieren bei der Digitalisierung in der Wasserwirtschaft hat Pöhls den Datenschutz, die Datensicherheit und das Fehlen qualifizierten Personals ausgemacht. Aber dennoch: Die Chance überwiegen! Dabei gibt es viel zu tun: Denn knapp 30 Prozent der befragten Unternehmen sehen in der Digitalisierung große Chancen. 15 Prozent sehen vor allem Risiken.

Die Wasserwirtschaft trifft sich erneut in Mülheim an der Ruhr (Foto: Köhring /RWW)

Lösungen gibt es unabhängig von der Unternehmensgröße – Kooperation auf Augenhöhe 

Wenn Größe die einzige Erfolgsvoraussetzung für die Digitalisierung wäre, hätte Emschergenossenschaft/Lippeverband (EG/LV) ein leichtes Spiel, doch darauf wollte sich Dr. Emanuel Grün, Technischer Vorstand des Sondergesetzlichen Verbandes mit über 4.000 Quadratkilometer Einzugsgebiet, nicht beschränken. In seinem Vortrag „Facetten der Digitalisierung: Erste Stationen auf dem Weg zur Wasserwirtschaft 4.0“ skizzierte Grün, wie EG/LV die Veränderungen der Arbeitswelt in seine Transformation einbezieht. „Kreatives Denken“ brauche innovative Mitarbeiter, die in einem „Core Team“ Ideen entwickeln, Erfahrungen adaptieren und beides ausprobieren dürfen. Auch hier seien Fehler Teil des Erfahrungshorizonts. Eine spezielle „Treibergruppe“ prüfe in der zweiten Stufe die Ideen aus operativer und wirtschaftlicher Sicht. Erst danach folge der Roll-out. Als ein Beispiel aus der Innovationspraxis stellte Grün die Starkregenvorhersage auf Basis von Automobildaten vor. Diese Idee bezieht Einsatzdaten von KFZ-Scheibenwischern bei der Prognose ein. Zur Erhebung von lokalen Wetterereignissen würden Sensordaten aus fahrenden Fahrzeugen mit stationsgebundenen Daten sowie Radar- und Satellitendaten kombiniert. Damit sei es möglich ein Vorhersagemodell für Kurzfristvorhersagen von Niederschlägen weiterzuentwickeln und zu erproben. Damit würden Kundendaten genutzt, um die Resilienz der Regenabflusssysteme zu steigern. Grün stützte mit seinem Beitrag auch den Schwerpunkt „Digitalisierung der Arbeitswelten“, in dem er auf die sich verändernden Anforderungen an die Mitarbeiter im Zuge der digitalen Transformation hinwies. Aus Sicht der EG/LV gewinne der Wissenstransfer an Bedeutung, Selbstmanagement werde zur Kernqualifikation, wobei sich Fähigkeiten und Kompetenzen verschieben würden.

Auch kleinere Versorger müssen die Transformation bewältigen. Wie dies auch mit wenigen Mitarbeitern gelingen kann, stellten Carola Kuhnt von den Stadtwerken Lingen und Dr. Markus Löcker von der PMC Löcker GmbH vor. Unter dem Stichwort „Kooperation auf Augenhöhe“ schufen die Stadtwerke gemeinsam mit anderen gleich großen Stadtwerken eine Kooperation bei der Nutzung der IT-Infrastruktur. Damit konnten alle Partner personalwirtschaftliche Nachteile ausgleichen und Synergien ausnutzen.

BDEW und VKU zeigten sich in den „3-Minuten-Blitzlichtern“ sehr gut vorbereitet auf die Herausforderungen der Digitalisierung. Dr. Britta Ammermüller (VKU) und Dr. Jörg Rehberg (BDEW) konnten mit ihren Argumenten überzeugen und glaubhaft darlegen, dass die Verbände den Unternehmen wichtige Hilfestellung bieten werden, um die Transformation zu unterstützen.

Die Personalwirtschaft hat eine wichtige Rolle. Weiterbildung ist unverzichtbar

Zum Abschluss der ganztägigen Tagung stellten sich die drei Personalexperten Clivia Conrad, Leiterin der Fachgruppe Wasserwirtschaft der Dienstleistungsgewerkschaft verdi, Birgit Schewe, selbstständige Beraterin PE Konzept +, und Peter Flosbach, technischer Geschäftsführer der Dortmunder DEW21, den Fragen des Moderators Siegfried Gendries. In vielen Fragen herrschte Übereinstimmung bei den drei DiskutantInnen. Es gehe nicht ohne Wissenstransfer, „kultureller Transformation“ und „Lebenszyklusorientierten Arbeitsbedingungen“, um nur einige Herausforderungen für so manche Personalwirtschaft bei der digitalen Transformation zu nennen. Peter Flosbach hob dabei die guten Erfahrungen der DEW21 bei Kooperationen mit Hochschulen am Standort Dortmund hervor, Clivia Conrad betonte gemeinsam mit Sabine Schewe die Erfordernisse des Wandels in der Führungskultur und der zielgerichteten Weiterbildung in den  Unternehmen.

Ein Zwischenfazit: Warum die Digitalisierung in der Wasserwirtschaft gelingen kann 

Die Mülheimer Tagung hat gezeigt, dass die digitale Transformation gelingen kann. Viel Fachvorträge aus Wissenschaft und Wirtschaft müssen in diesem Beitrag leider unerwähnt bleiben. Auch konnten auf einer Ein-Tagesveranstaltung nicht alle Herausforderungen angesprochen und alle möglichen Lösungen vorgestellt werden – schon gar nicht in diesem Beitrag. Aber auch wenn die Digitalisierung auf Daten und Roboter setzen wird, ohne den Menschen wird es nicht gehen – schon gar nicht in der Wasserwirtschaft. Egal ob als Kunde oder als MitarbeiterIn. Es ist auch keine Frage der Größe oder der Rechtsform, um die Herausforderungen erfolgreich meistern zu können. Die Unternehmen der Wasserwirtschaft müssen die Daseinsvorsorge in Richtung Wasser 4.0 weiter entwickeln, sie sollten ihren Weg in die Digitalisierung finden, dabei aber nicht die sichere und qualitativ hochwertige Leistungserbringung aus den Augen verlieren. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung unterliegen gänzlich anderen Anforderungen und Verpflichtungen als andere Wirtschaftssektoren. Auf eine Lieferung von Amazon oder das Streaming bei Netflix kann der Bürger verzichten, das Trinkwasser aus der Leitung und die Reinigung des Abwassers sind dagegen alternativlos. Digitalisierung mit Augenmaß ist das Gebot der Stunde. Und: bei aller Euphorie über Bytes und Gadgets, es geht nicht nur um Daten und Roboter, im Mittelpunkt stehen Menschen – Mitarbeiter und Kunden. Nur so kann die Transformation in Wasser 4.0 gelingen.

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