SodaStream kämpft mit Videospots gegen die Flaschenwasser-Goliaths

Riesenkrach zwischen SodaStream und der Getränkeindustrie. SodaStream, der führende Hersteller von Trinkwassersprudlern, hat sich als selbsternannter Öko-David mit den Getränke-Goliaths Nestlé und Coca-Cola angelegt. In Viralspots auf YouTube macht der börsennotierte Wassersprudler auf die Sinnlosigkeit des Schleppens von Wasser aufmerksam und gegen umweltschädliches PET mobil. Die Börse honoriert den Erfolg der Kampagne mit steigenden Kursen.

Die Story „Shame or Glory“, die für lebhafte Kommentare auf den SocialMedia-Kanälen sorgt: Ein Kunde kauft im Supermarkt in Flaschen abgefülltes Wasser und erlebt schon beim Gang zur Ladenkasse einen Spießrutenlauf. Auf seinem Weg wird er von einer weiblichen Person mit einem eindringlichen „Shame“ („Schande“) und dem Klingeln einer Handglocke verfolgt (siehe unten). Fantasy-Freunden dürfte diese Szene aus der TV-Fantasy-Erfolgsserie „Game-of-Thrones“ bekannt sein. Auch vor dem Supermarkt und in der Fußgängerzone setzen sich die Schmäh-Rufe fort. Bis er tatsächlich im Filmset von „Game-of-Thrones“ angelangt ist und dem Muskelmann „The Mountain“ (Thor Björnsson) stolz die gekauften zwei Sixpack Wasser überreicht. Der ist entsetzt und erklärt eindringlich, warum PET „bad for the planet“ und SodaStream cool, stylish, praktisch und vor allem umweltfreundlich ist.

Die zweite Story rechtzeitig zu Weihnachten heisst
„No Planet, No Christmas“ (siehe unten). Der Muskelmann und sein mittlerweile geläuterter Flaschenwasserkäufer greifen ein, wenn vermeintlich „gedankenlose“ Wassertrinker im Supermarkt zu den Flaschen greifen wollen. Die Stories erinnern an die Kampagnen gegen das Tragen von Pelzmänteln in den 80er Jahren.

Keine Frage, SodaStream nutzt die Öko-Entrüstung für das eigene Produktmarketing. Wer es dann noch nicht verstanden hat, dem hilft Thor Björnsson, in dem er dem verzweifelten Flaschenwasserkäufer erklärt: „Plastikflaschen zerstören unsere Umwelt und machen einfach keinen Sinn. Man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen, dass es mit SodaStream viel einfacher, cooler und vor allem umweltfreundlich geht“ oder eben für alle verständlich „No Planet, No Christmas“. Dass er das aus wahrer Überzeugung erklärt, darf bezweifelt werden, immerhin hatte SodaStream Björnsson als Markenbotschafter engagiert und erklärt: “Wir wollen Thora Power nutzen, um den Verbrauchern zu zeigen: Selbst Muskelmänner wie er, die die Kraft hätten, sinnlos Wasser zu schleppen, wählen die clevere Alternative SodaStream und vermeiden dadurch Unmengen an Plastikmüll.“

Die Kampagne scheint aufzugehen. Bereits in den ersten 48 Stunden wurde der Spot mehr als zehn Millionen Mal geklickt; mittlerweile sollen es 50 Millionen sein. Kein Wunder, immerhin haben Mikroplastik in den Weltmeeren und in der Nahrung der Problematik von Plastikflaschen ebenso eine mediale Wahrnehmung verschafft, wie die Wasserprivatisierung der von als unsinnig empfundenen Abfüllung von Wasser durch private Großkonzerne. Der 3:07 Minuten kurze Spot soll am Ende ähnlich erfolgreich werden wie der erste Viralspot „Heavy Hubbles“ im Frühjahr 2016. Auch dort liess SodaStream seine Muskeln spielen.

Aber genau da liegt jetzt auch das Problem. Denn der Erfolg auf YouTube & Co blieb natürlich nicht ohne Folgen. Branchenberichten zufolge haben nach der International Bottled Water Association (IWBA) mit Nestlé Waters, Coca Cola Konzern und Danone (Evian) führende Getränkekonzerne Unterlassungsaufforderungen an SodaStream adressiert und fordern die Absetzung des Spots. In einem Brief hatte Joseph K. Doss, Präsident und Justitiar der IBWA, SodaStream für die USA und Frankreich dazu aufgefordert, die neue digitale Kampagne „Shame or Glory“ zu stoppen. Ferdinand Backhahn, Geschäftsführer SodaStream Deutschland in einer Presseerklärung: „Es ist ein Skandal: Die Flaschen-Lobby wehrt sich erneut mit unfairen Mitteln gegen den Umweltschutz. Seit Jahren gehört es zur Geschäftsstrategie der großen Umweltverschmutzer, Kritiker und kleine Unternehmen wie SodaStream konsequent mundtot zu machen. Aber SodaStream wehrt sich und wird den Maulkorb nicht akzeptieren.“

Für SodaStream soll es demnach so weiter gehen. Die Spots sind laut Branchenmagazin about-drinks Teil einer weltweiten Multimediakampagne, die von Social-Media-Aktivitäten über PR bis hin zu großen Events reicht. In Deutschland plant SodaStream demzufolge zur Vorweihnachtszeit spektakuläre Live-Kommunikationsmaßnahmen. „No Planet, No Christmas“ ist nur ein Teil davon.

SodaStream schwimmt auf einer Welle des Erfolges. Mittlerweile ist SodaStream im deutschen Markt laut GfK die größte Wassermarke im In-Home-Segment, überzeugt jeden Tag 1.000 neue Haushalte vom Sprudeln und wächst mittlerweile seit 19 Quartalen in Folge zweistellig. Auch die Börse zeigt sich vom Erfolg überzeugt. Der Börsenkurs der an der US-NASDAQ notierten Aktie ist seit dem Start der Viral-Marketing-Kampagne um 170 Prozent angestiegen. Allein im November sprang der Kurs um 41 Prozent. Die Börsianer honorieren damit den sprunghaften Anstieg des Verkaufs von Starter Kits für das Aufsprudeln von Trinkwasser und bewerten das auch als Erfolg der Medienkampagne. Zudem berichtete das Unternehmen einen Anstieg der Gasflaschen um 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Ärgerlich bei all diesen Erfolgsmeldungen ist jetzt nur eine Rückrufaktion. Anfang Dezember mussten Kunststoffflaschen, die einen bläulichen Farbton aufweisen, die Aufschrift «spülmaschinenfest» tragen und das Ablaufdatum April 2020 haben, zurückgerufen werden. Es bestehe die Gefahr, dass sie dem Sprudel nicht standhalten und daher nicht gebrauchssicher sind. UPS!

Und hier geht es zur Weihnachtsgeschichte von SodaStream

Ein Gedanke zu “SodaStream kämpft mit Videospots gegen die Flaschenwasser-Goliaths

  1. Eine in der Tat sehr clevere Marketingkampagne von SodaStream. Sie erzeugt reichlich Aufmerksamkeit und regt durch die Botschaft zum Nachdenken an. Mehr als verständlich, dass sich die konkurrierende Geschäftspartei angegriffen fühlt und versucht dagegegen vorzugehen. Bleibt abzuwarten wie sich diese Situation entwickelt.

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