Englische Reisewarnung vor Leitungswasser sorgt für Ärger in Europa

Reisen und Sommerhitze. Für viele Journalisten eine geeignete Zeit, um über das Thema Gesundheit und Trinken zu schreiben. Die britische Boulevardzeitung DAILY MAIL warnte jetzt ihre Online-Leser vor dem Leitungswasser-Genuss in einigen europäischen Urlaubsländern. Unter der Überschrift „FROM SPAIN AND FRANCE TO RUSSIA AND CROATIA: COUNTRIES IN EUROPE WHERE YOU CAN DRINK TAP WATER – AND PLACES YOU REALLY SHOULDN’T“, wurden Kroatien, Ungarn, Russland und die baltischen Staaten als Länder mit gesundheitsbedenklichem Leitungswasser gebrandmarkt. Damit die Warnung wirkt, wurden Erkrankungen wie Durchfall, Hepatitis, Typhus, und Cholera als mögliche Folgen des Genusses von Leitungswas

Q: CityBaseAppartments

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ser aufgelistet. Klar, dass dies einen Sturm der Entrüstung auslöst. Vermutlich deswegen wurde die Kommentarfunktion der Onlineseite von Daily Mail schon nach kurzer Zeit geschlossen.
Fast 1.000 Online-Kommentatoren aus ganz Europa hatten sich darauf „ausgetobt“. Die Engländer zeigen sich stolz auf ihr gutes Leitungswasser, was – nicht weiter überraschend – bei vielen europäischen Kommentatoren für Häme sorgte. Die Kommentatoren aus den Ländern mit der „Cannot Drink Tap Water“-Empfehlung kämpften dagegen für die Qualität ihres Wassers aus der Leitung.

 

Auszug aus der „TAP MAP“ der DAILY MAIL

Auszug aus der „TAP MAP“ der DAILY MAIL

Wie kommt die um reißerische Artikel ehedem nicht verlegene zweitstärkste britische Boulevardzeitung auf diese Story? War es wirklich die Flaschenwasserbranche, wie im Forum spekuliert wurde? Vermutlich eher nicht. Die Empfehlungen stammen ursprünglich vom US Center for Disease Control and Prävention (CDC), eine staatliche Einrichtung die vor Erkrankungen und Seuchen warnt. Veröffentlicht werden auf deren Website Informationen und Warnhinweise für Amerikaner, die sich auf Fernreisen begeben. Eigentlich ist dies eine sehr hilfreiche Institution, die sich um Sachlichkeit und Aufklärung bemüht, wie das CDC auf Anfrage mitteilt. Gefragt nach den Quellen und Analysen erklärte das Institut, dass die Empfehlungen in erster Linie auf den ländlichen Raum ausgerichtet seien, weil das Wasser in den Städten zumeist sicher sei. Diese Einschränkung sucht man allerdings vergeblich. Im Übrigen lägen keine konkreten Analyseergebnisse aus den Urlaubsländern vor, erklärt CDC in einer Antwortmail vom 19.7.2016.

Aus der eher allgemeinen Warnung der US-Behörde zur Vorsicht „Unclean food and water can cause travelers’ diarrhea and other diseases. Reduce your risk by stickig to safe food and water habits“, erstellte der Online-Urlaubsanbieter CityBaseAppartments eine Inforgrafik, die die englische Boulevardzeitung übernahm und mit zusätzlichen „Aufreger“-Informationen anreicherte. CDC erklärte vorsorglich, dass man für die Verwendung und Interpretation der Daten nicht verantwortlich sei. Man wolle das aber prüfen.

Kroatisches Leitungswasser im Fokus

Im Urlaubsland Kroatien, eines der „Nicht-Trinken!!-Staaten“, hat die englische Wasserwarnung für viel Ärger gesorgt. Das Online-Magazin TOTAL CROATIA NEWS wirft dem englischen Magazin sogar “Lügenpresse“ vor. Dafür werden auch Experten befragt. Željko Dadić, Chef der Wasser-Qualitätssicherung im kroatischen Gesundheitsinstitut kann sich in einem Interview die „lächerliche“ Empfehlung nicht erklären. Mit seinen Erkenntnisse würden die Angaben jedenfalls nicht übereinstimmen. Die kroatische Tourismusbehörde zeigt sich auf Anfrage dieses Blogs ebenfalls überrascht von der Warnung und kündigt eine Überprüfung der Empfehlung an: „…, we cannot confirm the warning and see no reason why not to drink tap water. However, we are investigating the claims and have already requested current information from relevant institutions.“ Zudem wird darauf verwiesen, dass das Land zwischen der Adria und dem 1.700 Meter hohen Biokovo-Massivs, zu den Regionen mit den größten Frischwasserressourcen zählt.

CDC Informationen für Kroatien-Reisende

CDC Informationen für Kroatien-Reisende

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In einer 2015 von der EU-Kommission durchgeführten Befragung der EU-Bürger zu ihrer Einschätzung der Wasserqualität zeigten sich die Kroaten jedenfalls eher auf der Seite der zufriedenen Wassertrinker.

Wie kann man überhaupt eine landesweit gültige Empfehlung oder Warnung für Trinkwasser abgeben? Sicher, in afrikanischen Staaten werden selbst Hartgesottene nicht ohne Filterung trinken oder besser gleich zur Flasche greifen. Aber in Europa? Die Trinkwasserrichtlinie der EU bestimmt die Wasserqualität. Dabei sind die Parameterwerte (also Qualitätswerte) an dem Punkt einzuhalten sind, an dem Wasser für den menschlichen Gebrauch dem jeweiligen Abnehmer zur Verfügung gestellt wird. Das ist unzweifelhaft der Wasserhahn.

In einigen südeuropäischen Ländern wie Griechenland und Spanien wird das Leitungswasser als landesweit unbedenklich bezeichnet. Das freut natürlich, aber dennoch gibt es – zumindest temporär – Regionen, wo sich die Bedingungen zu Kroatien oder Estland kaum unterscheiden werden. In den Kommentaren finden sich Fragen, die man sehr wohl stellen darf: „Kann man das englische Leitungswasser wirklich unbedenklich geniessen?“ – Sicher muss man einräumen, dass dramatische Gesundheitsgefahren, wie sie DAILY MAIL sieht, in London nicht zu befürchten sind, aber dafür ist das Leitungswasser viel zu gut gechlort.

An diesem Beispiel zeigt sich, welche Verantwortung der „Wasser-Journalismus“ trägt. Wenn über die Qualität von Leitungswasser berichtet wird, dann ist eine solide Faktenlage unabdingbar und sollten Verallgemeinerungen vermieden werden. Mit den Ängsten der Verbraucher die Auflagen oder Einschaltquoten zu steigern, ist ein jedenfalls unverantwortliches Vorgehen.

Weitere Informationen und Quellenhinweise:

Ein Gedanke zu “Englische Reisewarnung vor Leitungswasser sorgt für Ärger in Europa

  1. Zufrieden kann ich als INstallateur nun auch nicht sein. In der neuen Trinkwasserverordnung sind die Temperaturen von 21 ° C auf 25 Grad C angehoben worden. Also kurz vor dem kritischen Bereich. Ein EU-
    Kompromiss. Trotzdem kann unser Leitungswasser bedenkenlos getrunken werden, welches ich auch uneingeschränkt nutze.

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