Brasiliens Wasserkrise und der Stellenwert von Social Media

SocialMedia – Chance oder Risiko bei Wasserthemen? Eine Frage, die sich Wasserversorger auch hierzulande stellen. Weil der Nutzen nicht auf den ersten Blick erkennbar, Kosten gescheut und Shitstorms gefürchtet werden, erhalten Facebook & Co zumeist das Stigma der Liebhaberei oder bleiben das Experimentierfeld Online-Media-afiner Kommunikatoren. Selbst dort, wo lokale Krisen entstehen, bleibt es den Betroffenen selbst überlassen, sich zu organisieren und online eigene Foren zu gründen. Um den Wert von Social Media zu erkennen, lohnt ein Blick auf die akute Wasserkrise in Brasilien.

Wasserreiches Brasilien – Wieso Wasserkrise?
Nach der Fussball-WM ist die Entwicklung in Brasilien aus den hiesigen Medien verschwunden. Dass dort eine eskalierende Wasserkrise herrscht, nimmt kaum jemand wahr. Zwar wurde schon während der WM ein Black-Out befürchtet, weil den Wasserkraftwerken das Wasser fehlte, angesichts bevorstehender Wahlen hatte die amtierende Präsidentin damals alles daran gesetzt, eine solche Schmach zu verhindern. Bei der Wasserkrise war sie dagegen weniger erfolgreich. Die historische Dürre gefährdet weiterhin das Überleben vieler Menschen in dem eigentlich so wasserreichen lateinamerikanischen Land. „Die Umweltministerin Izabella Teixeira bezeichnete kürzlich die Lage der Wasserversorgung als „besorgniserregend„. Mehrere Minister trafen sich in der brasilianischen Hauptstadt Brasília zu einer Sondersitzung und erklärten, stärker mit den Bundesstaaten zusammenarbeiten zu wollen und gaben den Start einer Aufklärungskampagne bekannt, um die Bevölkerung zum Wassersparen zu ermutigen,“ berichtet das Online-Magazin amerika21. Genau da setzt Social Media an!

Social Media Kampagnen und Posts gegen die Wasserkrise und für den Protest
Viele brasilianische Wassernutzer schliessen sich jetzt auf Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook zusammen, um Erfahrungen und Tipps auszutauschen oder um ihrem Ärger

 über Strafzahlungen bei Wasserverschwendung Luft zu machen, oder folgen und nutzen Gruppen staatlicher Institutionen und Versorger, die online Tipps und Informationen anbieten.

Água, sua linda, ist eine solche Plattform, hinter der ein ganzes Netzwerk, allem voran das brasilianische Umweltministerium, GREENPEACE Brazil, der WWF und eine ganze Reihe anderer NGO und Forschungsinstitute stehen. Água, sua linda macht das Wasser sparen unterhaltsam – mit Karikaturen von Miguel Young und Texten der Journalistin  und Online-Kommunikationsexpertin Patrícia Kalil.

Mit der Facebook-Seite „Events“ werden nicht nur Kindergeburtstage in Deutschland organisiert, bei denen ein öffentlicher Post dann schon mal Tausende Besucher anzieht und die Polizei auf den Plan ruft, mit dieser Seite kann man auch Wasser-Proteste organisierten. Die brasilianische Verbraucherschutz-Organisation mit dem Namen Proteste“ lud ihre Facebook-Mitglieder und deren Freunde und Freundesfreunde … für den 26. Januar zu einem „kollektiven Bad“ im Haus von Gouverneur Geraldo Alckmin im Süden São Paulos auf, um den politisch Verantwortlichen für die Bewältigung der Wasserkrise die Meinung zu sagen. Denn, so Proteste auf ihrer Website, die Krise wurde zu spät erkannt und die Gegenmaßnahmen nur halbherzig ergriffen. Fast 170.000 Menschen haben bei der über Facebook verbreiteten Veranstaltung ihre Teilnahme zugesagt. Damit auch niemand sein Ziel verfehlt, wurde eine Map mit der Ortsangabe eingebettet. Wie viele Teilnehmer das Event hatte, ist nicht bekannt, das war den Veranstaltern aber auch gar nicht so wichtig, wie sie gegenüber der Presse erklärten (siehe hier). Ihnen ging es dabei in erster Linie darum, in Sozialen Netzwerken auf die Problematik hinzuweisen und die Verantwortlichen zu benennen. Was mit der Einladung zum „kollektiven Bad“ mit dem Gouverneur wohl gelungen sein mag.

Auch die klassischen Printmedien nutzen Social Media in ihren Online-Bereichen. Die brasilianische Zeitung Folha de Sao Paulo beispielsweise ruft ihre Leser dazu auf, ihre Wasser-Krisenerlebnisse auf einer Karte des Bundesstaates Sao Paulo zu markieren und darüber zu berichten. So postet Celso, 58, aus der 340.000 Einwohner großen Industrie-Stadt Maua, am 22.11.2014: „Hier in meiner Straße fehlt Wasser jedes Wochenende und das bereits seit rund 10 Jahren … „.

Q: Folha De S.Paulo

Q: Folha De S.Paulo

Jeder rote Punkt auf der Karte (siehe rechts) ist ein kleines Stück erlebte Wasserkrise, jedes Fenster mit dem Post eine kleine Geschichte der Verzweiflung brasilianischer Menschen im Kampf um ihr „Recht auf Wasser“ und das, wie das Beispiel zeigt, nicht erst seit gestern.

Aber auch einzelne Blogger und Facebook-User nutzen die Freiheitsgrade der Online-Kommunikation  für ihre Wasser-Botschaften und Tipps. Der Regenwasserexperte Edison Urban gibt auf seiner Facebook-Seite Tipps über den Aufbau und Betrieb von Regenwasser-Zisternen. Ein Thema, das den Brasilianern unter den Nägeln brennt, wurden doch laut Regierungsangaben im vergangenen Jahr mehr als 1.000 Zisternen täglich errichtet. Insbesondere in den Armenvierteln wollte man für den befürchteten  Blue-Out vorbereitet sein. Ähnlich auch die Facebook-Gruppe Cisterna Ja!, mit einer Fülle von Tipps, wie sich die Brasilianer ein Stück unabhängiger von der Wasserversorgung der staatlichen SABESQ machen können.

Q: QuemiNova

Q: QuemiNova

Die Wasserkrise ist natürlich auch die Zeit der Anbieter Wasser-sparender Geräte. Auch sie nutzen Social Media. So verlinkt beispielsweise Edison Miranda  von seiner Facebook-Seite auf QuemiNova, die eine wassersparende Duschwasser-Toiletten-Kombi (man achte auf die Reihenfolge :-)) erklärt (siehe Foto links). Das Netz ist voll von derartigen Empfehlungen. Die Wasserkrise und die drohenden Strafen beim Überschreiten von Wasserverbrauchsmengen steigern das Interesse an solchen Ideen und Angeboten. Losungen finden nicht nur Gehör, weil sie überzeugen, sondern weil sie von der Community gefeiert werden. Mouth-to-Mouth Marketing und das Reiz-Reaktion-Schema wirken, um Produkte zu puschen, die sonst auf kein Interesse stoßen.

Soziale Plattformen im Netz können ideale Marketingmaschinen sein, wenn die Nutzer Begeisterung für das Produkt empfinden und verbreiten – oder über ihre subjektive Betroffenheit kommunizieren. Das Liken und Teilen, Kommunikationsbeschleuniger und Schneeballsysteme der digitalen Medienwelt, lassen die Botschaften zur Welle werden. Krisen werden zu medialen Ereignissen mit hohem Verbreitungsgrad in der rastlosen Online-Community, stets auf der Suche nach dem nächsten K(l)ick. Twitter, WORDPRESS & Co liefern kein Wasser oder bekämpfen die Dürre, wohl aber vermitteln sie Wissen und verschaffen den Betroffenen Gehör. Die Schnelligkeit von Twitter hat sich schon in anderen Krisen dieser Welt bewährt. Wasser ein Krisenthema? Selten, aber wenn, dann könnte Social Media Networking auch den Wasserversorgern helfen. Wer die Welle nutzt und seine Kunden mit Informationen versorgt, wird gefeiert. Wer sie ignoriert, wird im Zweifel überrollt. In Zeiten digitaler Medien organisiert sich die Öffentlichkeit selbst, Protest wird im Zweifel lauter, die Vernunft zuweilen „leiser“, denn Voraussetzung für die Antworten sind nicht „Fakten, Fakten, Fakten“, sondern ein Account bei Facebook & Co….

Ein Dankeschön für die Unterstützung beim Schreiben dieses Beitrags gebührt unserer portugiesischen Freundin Margarida, die ich immer wieder angeschrieben habe, um mir den einen oder anderen Satz ins Deutsche übersetzen zu lassen. Wenn trotzdem noch etwas fehlerhaft sein sollte, habe ich einmal zu wenig gefragt.

 

Ein Gedanke zu “Brasiliens Wasserkrise und der Stellenwert von Social Media

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